Stress im Alltag: Das führt Eltern in den Burnout

Wer unter Dauerstrom steht, läuft Gefahr einen Burnout zu erleiden. Doch nicht nur der Job kann Ursache dafür sein. Immer mehr Menschen brennen durch die familiäre Belastung aus. Warum das so ist und wozu das führen kann, erklären Experten.

Vollkommen erschöpft und am Ende der Kräfte, weil die Belastung im Job oder in der Familie die eigenen Kräfte überschreitet - Burnout ist ein Phänomen, das statistisch gesehen besonders häufig Menschen in den klassischen Sozialberufen wie der Alten- oder Krankenpflege, Ärzte oder Sozialarbeiter betrifft. Allerdings nicht nur dort. Auch die Belastung durch die Familie kann zum Burnout führen.

Das kann kein Zufall sein: „Diese Berufe wie auch das Elternsein haben mit Beziehung zu tun“, sagt Stefan Baier, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut aus Offenbach. Sie tragen eine hohe Verantwortung Menschen gegenüber, stehen häufig unter Dauerstress und Leistungsdruck und erleben menschliche Extremsituationen. Ein technischer Auftrag kann notfalls auch einen Tag später erledigt werden. Für Menschen Verantwortung zu übernehmen, die abhängig und bedürftig seien, lasse sich hingegen oft nicht aufschieben, sagt Baier.

Dass das Elternsein zur Bürde wird, erleben laut Experten in Folge dessen immer mehr Männer und Frauen. Rund zehn Prozent der Bevölkerung sind betroffen, schätzt Matthias Burisch, Diplom-Psychologe und Leiter des Burnout Instituts Norddeutschland. Neben körperlichen Symptomen wie starker Erschöpfung oder nachlassender Konzentrationsfähigkeit spielen bei manchem Herz und Magen plötzlich verrückt.

Burnout: Das sollten Sie wissen

Ein familienbedingter Burnout kann sich jedoch auch auf der emotionalen Ebene zeigen: Im Extremfall kann er dazu führen, dass Eltern ihre Kinder vernachlässigen, fanden Emotionspsychologin Moïra Mikolajczak und Entwicklungspsychologin Isabelle Roskam von der Universität Louvain in Belgien in einer Studie heraus.

Wie im Beruf treffe es laut Burisch häufig besonders leistungswillige Menschen, die hohe Anforderungen an sich stellen. Der Drang, nicht nur im Job zu funktionieren, sondern auch in der Elternrolle perfekt zu sein, den Familienalltag zu managen und das Familienleben zu organisieren stellt viele vor eine selbst gesetzte Herausforderung, die sie kaum bewältigen können. Das Problem: Es lässt sich nicht sagen, ab wann Belastungen zu groß werden. „Was der eine noch locker schafft, wirft andere um“, sagt Burnout-Experte Burisch.

Vom Job nach Hause eilen, das gemeinsame Abendessen vorbereiten, nebenher Vokabeln abfragen und mit einem halben Gedanken schon in der Planung für den nächsten Tag. Solche Abläufe stellen für den einen eine einfache Routine dar, können für den anderen jedoch das Fass zum Überlaufen bringen. In manchen Familien sind schulische Dinge kein Problem, die Kinder sind sehr selbstständig. In anderen Fällen braucht der Nachwuchs hingegen viel Unterstützung. Trotzphasen, Pubertät und schwierige Persönlichkeiten – all das sind Faktoren, die einzeln betrachtet in allen Familien vorkommen, sich im Einzelfall jedoch so zuspitzen können, dass das persönliche Limit erreicht wird.

Nicht nur die Kindererziehung kann zum familiär bedingten Burnout führen. Auch die Pflege von Angehörigen stellt Menschen vor Herausforderungen und führt an die persönliche Stressgrenze. Die Gefahr, dann in den Burnout zu rutschen ist besonders groß, wenn im eigenen Denken nur noch die Bedürfnisse der Kinder oder auch zu pflegender Angehöriger in die Waagschale geworfen würden und die eigenen Bedürfnisse gar keine Rolle mehr spielen, sagt Baier.

Die Folge: Väter und vor allem Mütter, die die familiäre Hauptlast tragen, gehen plötzlich in ihrer Elternrolle nicht mehr auf. „Die Betroffenen geraten auf eine tragische Schiene“, sagt Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Stefen Baier. Das Elternsein, für das sie gebrannt haben und dessen Rolle sie bestmöglich perfektionistisch ausgefüllt haben, wird durch die massive Dauerbelastung zu einer nicht mehr zu bewältigenden Bürde.

Die Betroffenen erleben sich in Folge dessen in ihrer Rolle als Eltern als ineffizient, reagieren übersteigert, erkennen sich vielleicht selbst nicht wieder und empfinden Schuldgefühle, weil sie glauben, schlechte Eltern zu sein. Durch die Überlastung kann es zudem zu einer emotionalen Loslösung kommen, haben Mikolajczak und Roskam herausgefunden. Diese kann sich beispielsweise dadurch zeigen, dass sie nicht mehr so aufmerksam zuhören und sie sich weniger dafür interessieren, was der Nachwuchs erlebt und empfindet.

Der Eltern-Burnout unterscheide sich von einer Depression insofern, als dass sich die Lustlosigkeit und Interessenlosigkeit ausschließlich auf das Familienleben beziehe. Der übrige Alltag bleibe davon jedoch unberührt, schreiben die Forscherinnen in einem Beitrag für das Elternmagazin „Fritz und Fränzi“.

„Oft sehen sich Betroffene immer größeren Aufgaben gegenüber und haben das Gefühl, nichts gegen die aus ihrer Sicht von außen herbeigeführte Situation tun zu können“, sagt Baier. Er rät, rechtzeitig zu reagieren, bevor das Gefühl der Überforderung immer größer wird. Gefühle der Lustlosigkeit und Leere im Familienalltag sind Anzeichen, die man zum Anlass nehmen sollte, sich mit der eigenen Erwartung auseinanderzusetzen und zu lernen, bei den selbst auferlegten Pflichten Abstriche zu machen. „Vielleicht reicht es aus, statt täglich nur noch alle zwei Tage durch die Wohnung zu saugen“, sagt Baier.

Auch innere Unruhe, Schlafstörungen, das Gefühl von Hilflosigkeit und Überforderung gehören zu den typischen Anzeichen des „Eltern-Burnouts“. Der Psychologe rät spätestens bei solchen Symptomen, darüber nachzudenken, wie sich die familiäre Last anders verteilen lässt. Laden Sie sich nicht selber alles auf ihre Schultern. Ist es möglich, die Großeltern mit einzubinden oder mit Freunden und Bekannten eine Vereinbarung zu treffen und die Kinder wechselseitig einmal in der Woche nach der Schule für einige Stunden bei Freunden zu lassen. „Schaffen Sie Freiräume für sich“, sagt Baier.

Wie man nach dem Burnout den Einstieg in den Job wieder schafft.

Tragen solche Versuche nicht zur Entspannung der Situation bei, ist es sinnvoll, sich beim Hausarzt, kirchlichen, karikativen oder städtischen Beratungsstellen Hilfe zu holen oder mit dem Hausarzt oder Psychotherapeuten über eine Therapie zu sprechen. Manchmal kann zudem der Familientherapeut helfen, festgefahrene Situationen aufzubrechen und gemeinsam mit allen Lösungen zu erarbeiten.

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