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Binge Eating: Die unbekannte Form der Essstörung

Binge-Eating : Fressattacken - die unbekannte Form der Essstörung

Welche schrecklichen Folgen es hat, wenn Magersüchtige tagelang kaum etwas zu sich nehmen, ist inzwischen weitläufig bekannt. Doch es gibt auch eine Essstörung, die genau umgedreht funktioniert: Binge-Eater stopfen unter Zwang in kürzester Zeit große Mengen Essen in sich hinein. Mit verheerenden psychischen Folgen.

Es gibt Tage, an denen ist man einfach mal mehr, als eigentlich in den Magen passt. An Geburtstagen beispielsweise schmeckt das Essen meist besonders gut, auch an Weihnachten oder auf einer guten Party. Meist ist der Schlaf dann nicht so tief und der Hunger fällt am nächsten Tag etwas geringer aus.

Manchen Menschen jedoch fällt es auch im Alltag schwer mit dem Essen aufzuhören. Innerhalb von rund zwei Stunden überkommt die sogenannten Binge-Eater dann ein Fressanfall. Unkontrolliert verschlingen sie in Windeseile große Mengen an Süßem und Salzigem, meist durcheinander. Das Hungergefühl spielt dabei keine Rolle mehr.

Binge, das ist Englisch und steht für Exzess oder auch Gelage. Die Essstörung selbst wird Binge-Eating-Disorder, also Binge-Eating-Störung, genannt. Im Gegensatz zur Bulimie wird das Gegessene hier anschließend nicht wieder ausgespuckt. Auch verursacht der Prozess keine Erleichterung oder Befriedigung. Vielmehr bricht über die Betroffenen mit der Wiedererlangung der Selbstkontrolle auch die schreckliche Erkenntnis über die verschlungenen Kalorien herein. Die Folge sind extreme Scham- und Schuldgefühle bis hin zu Selbstekel und Depressionen - die nicht selten in den nächsten Essanfall münden.

Zwar haben rund vier Prozent der Menschen in Deutschland schon einmal in ihrem Leben eine Fressattacke erlebt, kehrt sie jedoch wieder, mehrfach wöchentlich und über mehrere Monate, handelt es sich dabei um eine diagnostizierbare Essstörung nach dem psychiatrischen Handbuch DSM-5.

Schätzungen zufolge gibt es derzeit bis zu 2,4 Millionen Betroffene in Deutschland. Da das verschlungene Essen nicht wieder ausgespuckt und nur in seltenen Fällen Sport getrieben wird, sind viele von ihnen übergewichtig. Aus diesem Grund wurde Binge-Eating auch erst in den 90er Jahren in die psychologischen Diagnose-Bücher aufgenommen. Jahrelang wurde nicht erkannt, dass Übergewichtige sogar viel häufiger essgestört sind als Normal- oder Untergewichtige.

Rund 40 Prozent der Menschen mit zu viel Körpergewicht leiden unter einer Binge-Eating-Störung. Ein Drittel davon sind Männer, die sich allerdings noch seltener als Frauen in Therapie begeben. Das sind wesentlich mehr, als bei anderen Essstörungen. Besonders betroffen sind jene, bei denen erste Essprobleme schon in der Pubertät auftraten.

Schwierig ist die Diagnose der Erkrankung. Wenn die Betroffenen nicht von selbst zu ihren Fressattacken stehen, sind sie nur schwer zu erkennen, da sie heimlich stattfinden. Gefährlich ist diese Geheimhaltung vor allem, da Binge-Eating-Verhalten auch immer häufiger bei Gesunden auftritt. Sie leiden zwar nicht unter einer Essstörung, erleben jedoch ebenfalls hin und wieder Essanfälle.

Sowohl die vereinzelten Attacken, aber vor allem die Störung stehen jedoch im Zusammenhang mit weiterführenden gesundheitlichen Problemen wie Diabetes, Blutdruckbeschwerden, Schlaganfällen oder Gicht. Bei jüngeren Patienten ist es vor allem die psychische Komponente, also Scham- und Schuldgefühle, die sie in die Isolation und nicht selten in eine Depression drängen.

Wie die Universität Tübingen in Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg in einer aktuellen Studie zeigen konnte, sind die Erfolgschancen einer Therapie heutzutage sehr gut: 40 bis 50 Prozent der Magersucht-Patienten konnten sie in Studien erfolgreich behandeln. Bei Bulimie und Binge-Eating lag die Quote sogar noch höher.

Als besonders effektiv erwies sich dabei eine Behandlung in der die Verarbeitung von Emotionen im Vordergrund stand. Am Ende sollen Zustände wie Stress und Trauer auch ohne Essanfälle gemeistert werden können. Um Essstörungen besser erforschen und behandeln zu können, hat die Universität Tübingen ein überregionales Kompetenzzentrum (Komet) eingerichtet.

(ham)