Revolutionäre Operationsmethoden: Avatar gucken statt Vollnarkose

Revolutionäre Operationsmethoden : Avatar gucken statt Vollnarkose

Die Furcht, nie wieder aufzuwachen, oder die Sorge vor starken Schmerzen nach einer Operation machen beinahe allen Menschen zu schaffen. Angst und Beruhigungsmittel gehören beinahe untrennbar vor einem solchen Eingriff dazu. Doch in einigen Kliniken geht man neue Wege: Mit 3D-Filmen während der OP und beruhigenden Düften. Mit bahnbrechenden Erfolgen, denn postoperative Schäden und die Sterblichkeit nehmen ab.

Der Geruch von Desinfektionsmitteln, grelles Licht, ein kalter Metalltisch, jede Menge Apparaturen und medizinisches Equipment — allein der Gedanke an eine bevorstehende Operation löst in den meisten Menschen nackte Angst aus. Sich und sein Leben willenlos abzugeben in die Hände fremder Mediziner, ist für viele eine grausige Vorstellung. Und auch die Aussicht auf ein dünnes, hinten offen getragenes OP-Hemdchen und eine Hygienehaube trägt ebenso wenig zu einer Wohlfühlatmosphäre bei wie die Tatsache, mit dem Ehering auch losen Zahnersatz abzulegen und in merkwürdig unvollkommener Gestalt in den sonst verriegelten OP-Bereich gefahren zu werden.

So weit wie in diesem Augenblick mag man jetzt — wie nie sonst in seinem Leben — von Entspannung und der Aussicht auf ein sorgen- und schmerzfreies Leben entfernt sein. Auch wenn Operationen nicht immer ein Notfall sind, so sind sie dennoch meist unumgänglich. Über 15 Millionen finden jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Hinzu kommen unzählige ambulante Operationen in Praxen.

Angst vor Ausgeliefertsein und Kontrollverlust

Was jedoch für Ärzte und OP-Teams reine Routine ist, versetzt den Einzelnen in einen Ausnahmezustand. "Viele Menschen berichten von ihrer Angst vor dem Misslingen des Eingriffs, von Fließbandgefühl, dem Ausgeliefertsein oder dem Kontrollverlust", sagt Dr. Holger Sauer. Er ist Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Schmerztherapie in der Klinik am Park in Lünen und begleitet täglich Menschen durch die Minuten und Stunden von Unruhe und Furcht und das mit zunehmend weniger Narkosemitteln.

Im Klinikum werden täglich Patienten unter Vollnarkose operiert, doch gibt es immer mehr, die sich für einen Weg mit einer Teilnarkose entscheiden. Bei ihr wird nur das zu operierende Körperteil betäubt und ansonsten auf alternative Mittel und Methoden gesetzt. Sogar Menschen, die eine Amputation vor sich haben, entscheiden sich bewusst für ein Verfahren, zu dem Entspannungsmassagen vor dem Eingriff, Aromatherapie und der Einsatz von 3D-Hightech-Brillen zählen. In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut für Software und Systementwicklung Dortmund und verschiedenen High-Tech-Firmen hat die Idee vom angstfreien OP solch konkrete Formen angenommen.

Mit 300 Stundenkilometern durch die Operation

Beunruhigender OP-Lärm verschwindet in der Klinik im Park in Lünen hinter sanfter Musik. Unangenehme Reize wie Desinfektionsgeruch lösen sich auf unter der diskreten Beduftung mit beruhigenden Substanzen wie Lavendel und statt in grelle Lampen blicken die Patienten in eine Video-Brille, auf der sie einen Film ihrer Wahl in 3D sehen können. "Avatar gehört zu den am meisten geschauten Filmen im OP", sagt Holger Sauer. Anfänglich hat ihn das verwundert. "Wir haben unseren Patienten anspruchsvolle Filme angeboten, doch bemerkten wir schnell, dass sie eher etwas leichtes und humoristisches, manchmal auch spannendes bevorzugen", beschreibt der Chefarzt. Das könne ein Autorennen sein, bei denen es mit 399 Stundenkilometern über den Nürburgring gehe.

Warum aber will kaum jemand beruhigende, dahin plänkelnde Naturstreifen sehen? Holger Sauer hat dafür eine Erklärung: "Wir müssen die Menschen emotional dort abholen, wo sie stehen. Wer auf eine Operation wartet, ist emotional aufgeregt. Es macht wenig Sinn, Ruhe überzustülpen, wo es aufregend ist. Stellen Sie sich vor, man hätte Ihnen vor dem WM-Finale einen Naturfilm über Schmetterlinge angeboten", scherzt er. Das Abtauchen in eine fiktive Welt wirkt so beruhigend, dass Schlaf- und Beruhigungsmittel, die sonst zusätzlich zum Einsatz kamen einfach wegfallen.

So viel Angst wie vor Folter

Was vor rund fünf Jahren den Anstoß für die Arbeit in diese Richtung gab, war die auch durch Studien belegte Tatsache, dass Patienten die Zeit unmittelbar vor einer Operation in größtem Stress erleben. "Bereits eine Minute, bevor den Betroffenen die Kanüle in die Armbeuge gelegt wird, durch die später Narkosemittel und Medikamente in ihren Blutkreislauf fließen, zeigen sie so große Angst, wie Menschen, denen Folter angedroht wird", schildert der Anästhesist. Messen kann man den Angstlevel über die Hautleitfähigkeit. Wie bei einer Panikattacke beginnt der Betroffene zu schwitzen. Das gereizte Nervensystem reagiert so unmittelbar auf den emotionalen Reiz, dass es innerhalb rund zwei bis drei Sekunden die Kontrolle über die Schweißdrüsen übernimmt. Der Angstschweiß beginnt zu fließen und setzt sich kalt und klebrig am ganzen Körper fest.

Oft fällt es angstbesetzen Menschen schwer darüber zu reden. "Vor allem Männer geben es häufig nicht zu und verdrängen ihre Ängste", weiß Holger Sauer aus Erfahrung. In Lünen hat man deshalb einen neuen und unbekannten Weg im allgemeinen Klinikbetrieb eingeschlagen. Patienten, die vor einer Operation stehen, sollen sich nicht fühlen wie ein Lamm auf dem Weg zur Opferbank. Dabei spielen Menschlichkeit und Menschenwürde die größte Rolle. "Medizin darf kein reiner Reparaturbetrieb wie etwa eine Autowerkstatt sein, denn das zu "reparierende" Objekt ist ein denkendes und insbesondre fühlendes Wesen", betont der Mediziner, der darum zu Innovationen bereit war.

Per Vorstellung an einen Ort der Ruhe

Mit kleinen Mitteln, doch ebenso bemüht um Unterstützung für ängstliche Menschen, hat das Krankenhaus Waldfriede in Berlin vor rund anderthalb Jahren sein Pilotprojekt "Angstfreies Krankenhaus" auf den Weg gebracht. Ein Team von Seelsorgern, Pflegekräften, einem Psychotherapeuten und Ehrenamtlichen unterstützt das Bemühen des Chirurgen Dr. Michael Volland und der Anästhesistin Sian Lan Kho. "Schon bei der Aufnahme achtet sowohl das Klinikpersonal, als auch Ehrenamtliche, die die vor der stationären Aufnahme begleitend für die Patienten da sind, auf typische Angstanzeichen der Patienten", schildert Wolfgang Schwabe. Er ist als Psychotherapeut in das Projekt eingebunden.

Körperliche Anzeichen von Angst wie das Zittern, Unruhe, Schweißausbrüche oder emotionale Anflüge wie Weinen werden hier ernst genommen. "Wir versuchen, in ausführlicher Begleitung und Gesprächen, den Patienten ihre Sorge zu nehmen", sagt Schwabe. Als Hauptangst kennen die Mediziner auch hier die Sorge vor dem totalen Kontrollverlust. Leichter fällt den Kranken eine Operation, wenn sie zuvor den Anästhesisten intensiver kennenlernen konnten, der sie während des Eingriffs begleitet. "Manchen ist es wichtig, im Aufwachraum direkt einen Ansprechpartner zu haben", sagt der Psychotherapeut. Den Wunsch erfüllt die Klinik. Auch Schwab ist dort regelmäßig im Einsatz. Manchen hilft er professionell mit sogenannten Imaginationsübungen, bei denen sich die Patienten an einen Ort denken, an dem sie Ruhe und Entspannung finden.

Die Hälfte der Patienten verzichtet auf Vollnarkose

Die Akzeptanz für solche Angebote ist groß. Eine Umfrage, die die Klinik am Park unter den so begleiteten Patienten durchführte, ergab, dass keiner die ungewöhnliche Filmvorführung im OP für unsinnig hielt. Im Gegenteil: 88 Prozent erlebten auf diese Weise einen echten Wohlfühlfaktor. "In rund 50 Prozent der Fälle wird mittlerweile auf eine Vollnarkose verzichtet", so der Chef der Anästhesieabteilung. Außerdem werden weniger Beruhigungsmittel benötigt. "Vorteil ist, dass damit auch die Schäden, die solche Mittel hinterlassen, geringer ausfallen", sagt Sauer. "Studien aus den USA haben diesen Effekt belegt. Dort bekamen Patienten bei einer Hüft-OP eine Teilnarkose. Schädliche Nachwirkungen wie Verwirrtheit oder eine postoperative Gedächtnisdysfunktion treten seltener auf", so der Anästhesist. Wird mit Vollnarkose operiert, ist die Sterblichkeit nach dem Eingriff laut weiterer Studien um 80 Prozent höher. Reduzieren lassen sich ebenso die in Studien belegten Langzeitfolgen von Stress, Angst und Schmerzen.

Auch Dr. Klaus Peter Zimmermann, Orthopäde in der Klinik am Park, weiß die technischen Innovationen im OP zu schätzen, die sein Kollege auf den Weg brachte. Dank der On-Ear-Lautsprecher dringen keine unliebsamen Geräusche mehr an das Ohr der Patienten. "Gerade die unangenehmen Geräusche der Motorsäge bei Gelenkersatzoperationen werden durch andere, positiv gefärbte Eindrücke ersetzt", erklärt der Facharzt. Rein zufällig bemerkten die Mediziner beim Einsatz der 3D-Videobrille, dass sie eine Hilfe für Menschen sein kann, die unter Platzangst leiden. Sie kommt seitdem regelmäßig zum Einsatz, wenn Patienten bei Eingriffen der Kopf teilweise abgedeckt werden muss, wie es zum Beispiel bei Schultergelenksoperationen der Fall ist.

Hypnotisiert in die Bypass-OP

Im Klinikum Jena setzt man auf Hypnose. Die soll, so belegen es Studien, sowohl die psychische Belastung als auch Schmerzen reduzieren. Susan Tefikow vom Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie am Uniklinikum stellte dazu nicht weniger als 34 Studien an. Laut ihnen profitieren Patienten bei gynäkologischen Eingriffen ebenso wie bei großen Eingriffen wie Bypass-Operationen von diesem Verfahren. Ähnlich wie die Mediziner der Lünener Klinik, die zum Klinikum Westfalen gehört, stellten auch hier die Therapeuten einen geringeren Medikamentenbedarf fest, eine kürzere chirurgische Behandlungszeit und auch eine schnellere Erholung nach der Operation. Mit der Hypnose werden den Patienten Ängste genommen. Der positive Effekt: So wie psychischer Stress den Heilungsprozess negativ beeinflussen kann, verbessert ihn Angstfreiheit.

(wat)