Psychologie: Als Mutter oder Vater schwer krank - wie den Kindern sagen?

Psychologie : Schwer krank - wie sag ich es den Kindern?

Wenn Mütter oder Väter schwer krank werden, müssen sie das nicht nur selbst verarbeiten. Sie müssen es auch den eigenen Kindern sagen. Wie macht man das, ohne Ängste zu schüren?

„Sie haben Krebs.“ - Jeden Tag erhalten in Deutschland rund 1323 Menschen diese Diagnose. Ein furchtbarer Moment für jeden. Auf Eltern kommt zusätzlich aber die Aufgabe zu, solche Botschaften den eigenen Kindern zu vermitteln.

Oft macht sich Sprachlosigkeit breit und die Angst, die Kinder mit der Nachricht zu überfordern. Manon Recknagel, Psychoonkologin bei der Berliner Krebsgesellschaft, kennt diese Situation. Sie berät Eltern in ihrer Angst. Die am häufigsten geäußerte Sorge: „Die Kinder bekommen einen Knacks, weil sie mit der Nachricht nicht klarkommen“, sagt Recknagel.

Dass diese Sorge nicht unbegründet ist, zeigt eine große europäische Studie: „Aus der Cosip-Studie wissen wir, dass ein Drittel der Kinder krebskranker Eltern in ihrem späteren Leben psychisch erkranken“, sagt Eva Estornell-Borull, Sprecherin der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Psychoonkologie. Alleine die Zahl der Kinder, die jedes Jahr mit der Krebserkrankung ihrer Mutter oder ihres Vaters konfrontiert werden, liegt laut Schätzung von Experten bei 200.000. Und Krebs steht nur stellvertretend für unzählige Gespräche, in denen Eltern Kindern schwere Erkrankungen vermitteln müssen.

Was die europäische Cosip-Studie jedoch auch zeigt: Die psychische Belastung eines Kindes ist nicht von der Dauer und dem Schweregrad der elterlichen Erkrankung abhängig. Für die eigene Verarbeitung ist viel entscheidender, wie mit den Gefühlen innerhalb der Familie umgegangen wird. Wie wird über die Krankheit gesprochen?

„Kinder spüren intuitiv, dass etwas nicht stimmt, auch wenn man es zunächst verschweigt“, sagt Recknagel. Sie merken, dass die Eltern gestresster sind, beobachten, wie bei Telefonaten die Tür geschlossen wird, nehmen Stimmung und Anspannung wahr. Das sei viel belastender als zu wissen, was passiert ist.

Eltern wollen ihre Kinder durch das Verschweigen schlimmer Nachrichten schützen. Der Effekt: „Manche Kinder malen sich dann eigene Bilder aus, und die sind meist viel schlimmer“, sagt Vanessa Mertens. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin im Kinder- und Jugendhospiz Regenbogenland in Düsseldorf und begleitet dort Angehörige und Geschwisterkinder schwer erkrankter Kinder. Womit sie den Familien in schwierigen Situationen Mut macht: „Kinder lassen oft nur das an sich heran, was sie in dem Moment verarbeiten können.“

Gut für die Verarbeitung ist es, wenn in der Familie über die Krankheit gesprochen wird und Gefühle offen gezeigt werden dürfen.

Die Experten raten darum konkret Folgendes:

  • Führen Sie solche Gespräche nicht abends vor dem Zubettgehen, sondern nehmen Sie sich möglichst Zeit an einem Wochenende.
  • Verbringen Sie auch nach dem Gespräch noch Zeit miteinander.
  • Bleiben Sie bei der Wahrheit und beschönigen Sie nichts.
  • Reden Sie nicht über Dinge, die noch weit entfernt liegen oder über Prognosen, die nicht sicher sind. „Sie müssen nicht alles sagen, was Sie wissen. Aber alles, was Sie sagen, muss wahr sein“, sagt Mertens.
  • Informieren Sie Ihr Kind fortwährend und kündigen Sie an, das zu tun. So nehmen Sie Ihnen die Angst, wichtige Veränderungen zu verpassen, und zeigen, dass Sie als Eltern verlässlich bleiben.
  • Wählen Sie eine altersgerechte Ansprache. Kleinen Kindern muss beispielsweise in Zusammenhang mit einer Krebserkrankung zunächst erklärt werden, dass Krebs nicht nur ein Tier, sondern auch eine Krankheit ist.

So entlasten Sie ihr Kind:

  • Unterdrücken Sie die eigenen Gefühle nicht. Signalisieren Sie Ihrem Kind, dass es in Ordnung ist, wenn es niedergeschlagen oder verärgert ist.
  • Ermuntern Sie Ihr Kind, Fragen zu stellen. Dabei kann es passieren, dass man auch als Erwachsener eine Frage nicht beantworten kann. In solchen Situationen kann es hilfreich sein, Wünsche zu formulieren, über die eigenen Empfindungen zu sprechen oder die Frage zurückzugeben: „Wie stellst du es dir vor?“
  • Überlegen Sie, was Ihrem Kind in anderen Situationen hilft, in denen es traurig ist.
  • Machen Sie deutlich, dass es Tage geben wird, an denen die Krankheit für alle schwieriger zu tragen ist als andere, und verdeutlichen Sie auch, dass es dennoch in Ordnung ist, fröhlich zu sein, Hobbys nachzugehen und Freunde zu treffen.
  • Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass Sie als Erwachsener ein gutes Netzwerk um sich haben und gut versorgt werden - und nicht das Kind für Hilfe verantwortlich ist.
  • Wenn Ihr Kind von sich aus die Bereitschaft zum Helfen zeigt: Nehmen Sie ruhig Unterstützung von ihm an. „Zum Beispiel beim Abholen jüngerer Geschwister“, sagt Recknagel. Wichtig sei dabei, konkrete Aufgaben abzusprechen, statt Formulierungen wie „Du musst jetzt Mama unterstützen“ zu wählen. Kinder wie auch Jugendliche müssen wissen, dass sie nicht mit einem Dauerauftrag versehen sind. „Sie bekommen sonst das Gefühl, immer zu helfen und doch nie genug zu tun“, sagt Recknagel.
  • Bleiben Sie aufgeschlossen für die Signale des Kindes, über Dinge sprechen zu wollen. Das muss nicht immer sofort geschehen, aber es sei wichtig, darauf zeitnah zurückzukommen und auch über die Dauer einer Erkrankung im Gespräch miteinander zu bleiben.

Hilfe und Information:

Unterstützung finden an Krebs erkrankte Eltern für ihre Kinder bei Arbeits- und Interessengemeinschaften wie „Kinder krebskranker Eltern“. Sie sind vor allem in größeren Städten wie zum Beispiel der Krebsberatung Düsseldorf oder der Krebsgesellschaft Berlin oder auch der bei der Rexrordt von Fircks Stiftung in Ratingen angesiedelt. Solche Einrichtungen helfen präventiv bei der Vorbereitung auf das Gespräch mit den Kindern, unterstützen zum Teil jedoch auch die Kinder im Nachgang.

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