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Alzheimer und altern: Global bald mehr Greise als Kleinkinder

Alzheimer und altern : Global bald mehr Greise als Kleinkinder

Die Gruppe der "oldest old" wächst weltweit überproportional. Prognosen sehen bis 2030 bei den über 85-jährigen einen Zuwachs um 150 Prozent und bei den über 100-jährigen Menschen sogar um 400 Prozent.

Bereits im nächsten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts wird es zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte mehr Greise als Kleinkinder geben. Etwa im Jahr 2030, so schätzt das "National Institute of Aging" in Bethesda (USA), gibt es auf dem Globus mehr über 65-Jährige als unter Fünfjährige.

In vielen Ländern werden sich Entwicklungen abzeichnen, wie sie für Japan und auch Deutschland schon jetzt erkennbar sind: Die Bevölkerung insgesamt wird älter — die Bevölkerungszahl schrumpft. Wird die Menschheit bald nur noch aus kranken Alten bestehen? "Altern ist aus medizinischer Sicht zunächst einmal etwas Natürliches.

Es ist nicht zwangsläufig mit Krankheit verbunden — andererseits ist das Alter aber der entscheidende Risikofaktor für bestimmte Krankheiten", erklärt Professor Heiner Greten, Chairman des "Hanseatischen Herzzentrums" an der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg.

Der Alterungsprozess geschieht auf mehreren Ebenen, die nur teilweise beeinflusst werden können. Das "primäre Altern" ist ein zellulärer Prozess, der eine Lebensspanne von maximal rund 120 Jahren ermöglicht. Dieser Vorgang ist bisher nicht zu beeinflussen. Das "sekundäre Altern" hingegen schon. Dabei handelt es sich um die Vorgänge im Körper, die das Leben durch Krankheiten oder eine ungesunde Lebensführung verkürzen.

Die genauen biologischen und zellulären Mechanismen, die primäres und sekundäres Altern verursachen, sind bisher unbekannt. Eine der Hauptursachen des Alterungsprozesses ist wahrscheinlich eine Funktionsstörung bestimmter Chromosomen. Chromosomen sind Strukturen, die Erbinformationen enthalten. "Neuere Ergebnisse zum Mechanismus der zellulären Funktion weisen auf die Bedeutung sogenannter Telomere hin.

Sie haben offenbar große, wenn nicht sogar entscheidende Bedeutung für Alterungsvorgänge oder auch das individuelle Krebsrisiko", erläutert der renommierte Mediziner und Leibarzt des deutschen Bundeskanzlers a.D. Helmut Schmidt. Telomere sind die Endstücke der menschlichen Chromosomen.

Diese schützen ähnlich wie eine Mütze das Ende der Chromosomen vor Brüchen. Die "Mütze" verkürzt sich von der Geburt an bis zum Tod etwa parallel zum Alter. Unter Wissenschaftlern besteht kein Zweifel daran, dass die Verkürzung der Telomere eine entscheidende Bedeutung für das Altern und auch altersbedingte Krankheiten haben.

"Menschen mit kürzeren Telomeren haben eine 3,18-fach höhere Sterblichkeitsrate für Herzerkrankungen und ein 8,5-fach höheres Risiko für Infektionskrankheiten", erläutert Greten. Etwas komplizierter sei die Rolle der Telomere bei der Entstehung von Krebs. "Im Alter nehmen Tumorerkrankungen deutlich zu.

Telomere verkürzen sich im Alter. Es kommt zu einer Chromosomeninstabilität und daraus entstehen Tumore. Krebszellen haben eine hohe Telomeraseaktivität. Gelänge es, dieses Enzym medikamentös zu hemmen, stünde vielleicht ein wirkungsvolles Krebsmedikament zur Verfügung", so der Mediziner, der fast ein Vierteljahrhundert am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE), zuletzt als Direktor der Medizinischen Klinik I, wirkte.

Außer diesen gibt es aber noch eine Reihe anderer Ursachen, die mit beschleunigten Altersvorgängen in Verbindung gebracht werden. Dazu gehören beispielsweise Fehlernährung, Bewegungsmangel oder der Konsum von Suchtmitteln. Aber nicht nur der Körper altert, auch die Psyche. Dies macht sich etwa durch den Verlust der kognitiven Informationsverarbeitung oder dem Nachlassen des Kurzzeitgedächtnisses bemerkbar.

Diese Altersvorgänge treffen jeden Menschen irgendwann — unabhängig von Krankheit. Doch die wirklichen Todesursachen im Alter sind heute zu 80 Prozent chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankung, Schlaganfall, Diabetes mellitus oder Krebs. Sie entstehen meist viele Jahre vor dem biologischen Altern.

"Nach meiner Überzeugung jedoch werden jetzt und in naher Zukunft neurodegenerative Erkrankungen diejenigen Erkrankungen sein, die eine große Belastung unserer alternden Gesellschaft werden", so Gretens Vorhersage.

Die "Alzheimersche Krankheit" wird nach Ansicht des Experten zu einer großen Belastung für das Gesundheitswesen sowie zu einer "ungeheuren emotionalen und körperlichen Herausforderung für die Angehörigen". Nach den Ursachen für Alzheimer forschen Wissenschaftler weltweit. Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte genetische Zusammenhänge einen Risikofaktor darstellen.

Außerdem sei es mehr als wahrscheinlich, dass Herzerkrankungen oder Übergewicht, Gefäßverkalkung und Bluthochdruck mit einem Verlust der kognitiven Gehirnfunktion verbunden sind, sagt Greten.

Sicher ist: Der Tod kommt früher oder später. Aber wie der Alterungsprozess erlebt wird, darüber kann jeder Einzelne viele Jahre vorher durch seine Lebensführung mitentscheiden.