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Deutschland: Ein Jammertal der Behandlung

Deutschland : Ein Jammertal der Behandlung

An Osteoporose sterben jährlich mehr Frauen als an Brustkrebs. Der Grund ist skandalös: Nur jede fünfte Erkrankte erhält eine wirksame und zeitgemäße Therapie. Auch die Diagnose wird meist viel zu spät gestellt.

Schätzungsweise acht Millionen Deutsche sind an Osteoporose erkrankt. Sie leiden an der am seltensten diagnostizierten und am schlechtesten therapierten Volkskrankheit Deutschlands. Im europäischen Vergleich stellt die Bundesrepublik das Schlusslicht bei der medikamentösen Behandlung von Knochenschwund dar.

Der Anteil unbehandelter Patienten beläuft sich auf 75 Prozent und ist im Vergleich mit europäischen Nachbarländern signifikant hoch. Jährlich erkranken 885 000 Menschen neu. Frauen sind fünfmal häufiger betroffen als Männer.

Der Abbau der Knochenstruktur beginnt schleichend und setzt bei Frauen meist in der ersten Dekade nach den Wechseljahren ein. Da die Erkrankung aufgrund fehlender gesetzlicher Vorsorgeuntersuchungen in Deutschland zu spät oder gar nicht erkannt wird, bleibt sie in den meisten Fällen unbehandelt.

"Nur 20 Prozent der Betroffenen erhält eine zeitgemäße, leitliniengerechte Osteoporose- Therapie. Bei den übrigen 80 Prozent der Patienten besteht die Therapie lediglich aus der Gabe von Schmerzmitteln", stellt Dr. Holger Gerlach, Frauenarzt und Geschäftsführender Gesellschafter der "Praxis Central" in Essen fest.

Erst ab einem Lebensalter von etwa 70 Jahren werden die Folgen für die Betroffenen sichtbar: Schon ein einfacher Sturz oder eine normale Alltagstätigkeit führt zu einem Knochenbruch.

"Dann liegt bereits eine manifeste Osteoporose vor", erläutert Gerlach. Dabei ließe sich der Krankheit nicht nur mit einfachen Lifestyle- Maßnahmen rechtzeitig vorbeugen, sondern ihr Beginn durch eine Knochendichtemessung auch sehr früh erkennen. "Durch einen gesunden Lebensstil kann jeder einer Osteoporose wirksam vorbeugen", betont Gerlach.

"Günstig für einen verbesserten Knochenstoffwechsel sind erwiesenermaßen die Vermeidung von Untergewicht, regelmäßige Bewegung, der weitgehende Verzicht auf Nikotin und zu viel Alkohol und die ausreichende Zufuhr von Calcium und Vitamin D", erklärt der Essener Gynäkologe.

Es reicht bereits aus, täglich ein Glas fettarme Milch zu trinken oder einen ungezuckerten, fettarmen Joghurt zu essen. Rauchen verschlechtert die Durchblutung im Körper und führt auch im Knochen zu einer Mangelerscheinung. Bewegungsmangel kann schon ab einem Alter von 50 Jahren zu einem beginnenden Knochenschwund führen.

Bereits in diesem Stadium ist die Osteoporose einfach zu diagnostizieren und wirksam zu behandeln. Doch genau das geschieht nicht oder viel zu selten. Das liegt vor allem an den drei Beteiligten: dem Patienten, dem Arzt und der Krankenkasse. Studien zeigen, dass nur jeder dritte bis vierte Patient die wirksame Bisphosphonate-Therapie noch nach einem Jahr regelmäßig anwendet.

"Für eine wirksame Behandlung ist aber die zuverlässige und regelmäßige Einnahme unbedingt notwendig", erklärt Gerlach. Dass dies oft nicht geschieht, liegt sicherlich auch daran, dass die Medikamente häufig zu Magen-Darm-Problemen führen. Zudem ist die Einnahme der Tabletten umständlich. Mittlerweile gibt es jedoch gute Alternativen wie etwa Monatstabletten oder Halbjahresspritzen.

Zweitens bekommen die Ärzte Budgetprobleme, wenn sie die teuren Medikamente zu häufig verschreiben. Der dritte Grund ist, dass die gesetzlichen Krankenkassen eine Knochendichtemessung, die sogenannte DXAMessung, als Vorsorgeuntersuchung nicht erstatten. Es sei denn, es liegt bereits eine Knochenfraktur ohne äußeren Anlass vor oder der ernste Verdacht auf Knochenschwund besteht.

Doch es gibt Bewegung: Weil die Prävention nicht ausreicht, beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss kürzlich, dass die Knochendichtemessung auch für Patienten ohne Knochenbruch "zum Zweck der Optimierung der Therapieentscheidung" in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen wird.

"Nach Auswertung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse ist der Gemeinsame Bundesausschuss zu dem Ergebnis gekommen, dass die Osteodensiometrie künftig dann zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung erbracht werden kann, wenn aufgrund konkreter Befunde eine gezielte medikamentöse Behandlungsabsicht besteht", heißt es dazu offiziell.

Und die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein ergänzt in einer Mitteilung: "Künftig kann die Knochendichtemessung bei allen Patienten mit Verdacht auf eine Osteoporose durchgeführt werden, bei denen eine medikamentöse Therapie geplant ist."

"Kaum einer Erkrankung kann so effektiv vorgebeugt werden wie der Osteoporose. Deshalb muss es ein allgemeines Vorsorgescreening für Frauen ab 50 Jahren und für Männer ab 60 Jahren als Krankenkassenleistung geben", fordert Gerlach.