Medikamente: Zweifel an Grippemittel Tamiflu wachsen

Medikamente: Zweifel an Grippemittel Tamiflu wachsen

Laut einer neuen Studie verkürzt das Grippe-Medikament die Krankheitsdauer nur wenig und verhindert keine Komplikationen. Alles ein milliardenschwerer Schwindel? Hersteller Roche weist die Vorwürfe zurück.

Im Jahr 2009 ging weltweit die Angst vor der Schweinegrippe um. Der Schweizer Pharmakonzern Roche versprach Hilfe. Mit seinem Mittel Tamiflu, in dem der Wirkstoff Oseltamivir steckt, sollten die Symptome gelindert, die Dauer der Erkrankung verkürzt und Komplikationen verringert werden. Verunsicherte Bürger deckten sich - zur Not auch auf Privatrezept - massenhaft mit der Hartkapsel ein. Aus Sorge, dass es zu einer Pandemie kommt und die Vorräte des Staates nicht für alle reichen. Inzwischen weiß man, dass die Panik vor der Pandemie unbegründet war. Und auch die Zweifel am Wundermittel Tamiflu wachsen.

Nun sorgt eine Studie des renommierten internationalen Wissenschaftler-Netzwerks Cochrane für Aufsehen. Danach sind die Wirkungen von Tamiflu bescheiden. So soll die Kapsel die Krankheitsdauer bei Erwachsenen nur von sieben auf 6,3 Tage verringert haben. Bei Kindern verkürzte sich die Erkrankung immerhin um 29 Stunden, aber nur, wenn das Kind nicht Asthmatiker war. Zudem gebe es keinen Beleg dafür, dass Tamiflu Komplikationen wie Lungenentzündungen verhindert habe. Ebenso wenig habe Tamiflu die Zahl der Krankenhaus-Einweisungen verringert. Dagegen habe es jedoch Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen gegeben, bei prophylaktischer Einnahme sei es zudem zu neurologischen Problemen (Aggressionen, Paranoia) gekommen. "Die Abwägung von Nutzen und Schaden muss neu überdacht werden", fassen die Autoren ihre Studie zusammen.

Dabei war der Mechanismus der Pille überzeugend simpel: Tamiflu (wie auch Relenza vom Konkurrenten Glaxo, das den Wirkstoff Zanamivir enthält) zählen zu den Neuraminidase-Hemmern. Sie hemmen ein Enzym, das für die Vermehrung des Grippe-Virus zuständig ist. So sollte die Pille die Verbreitung im menschlichen Körper und damit die gefürchtete Ausbreitung der Grippe in der Bevölkerung verringern.

Doch das gelang aus Sicht der Cochrane-Forscher nicht so überzeugend wie von Roche versprochen. Die Forscher werteten für ihre Meta-Studie 20 klinische Studien zu Tamiflu und weitere zu Relenza aus. In klinischen Studien vergleichen Forscher meist zwei Patientengruppen miteinander: Wie verläuft die Krankheit in der Gruppe, die das zu testende Medikament bekommt? Wie in einer anderen Gruppe, die stattdessen nur ein Placebo erhält?

Roche weist die Kritik der Forscher zurück: "Roche widerspricht entschieden den Schlussfolgerungen der Cochrane-Gruppe. Die Entscheidungen von weltweit 100 Zulassungsbehörden belegen, dass Tamiflu ein wirksames Arzneimittel zur Behandlung und Prävention der Influenza-Infektion ist", teilte der Konzern mit. Zudem hätten die Forscher nur 20 der 77 verfügbaren Studien einbezogen. Die Cochrane-Forscher betonen dagegen, die Auswahl der Studien sei nach klaren Kriterien erfolgt; zuvor habe Roche zudem über Jahre seine Studien zurückgehalten.

Professor Christian Drosten, Virologe am Uniklinikum Bonn, mahnt in diesem Forscher-Streit zu Gelassenheit. "Tamiflu führt im Labor zur messbaren Reduktion der Viren. Die Frage ist, ob es auch zu einer klinischen Besserung führt." Sein Rat: "In den ersten 24 Stunden der Erkrankung würde ich einem Patienten weiter raten, das Mittel zu nehmen, da in dieser Phase die Viren besonders aggressiv sind." Das Bundesinstitut für Arzneimittel, das für die Nutzen-Risiko-Abwägung zuständig ist, erklärte auf Anfrage: "Wir prüfen derzeit den 500 Seiten langen Bericht und werden unsere Erkenntnisse in die europäische Diskussion einbringen." Am Ende entscheidet die europäische Zulassungsbehörde EMA.

Unabhängig davon fordern deutsche Gesundheitspolitiker, den Umgang mit Tamiflu zu überdenken. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach verlangt eine Überarbeitung des nationalen Pandemieplans, der bislang den Staat verpflichtet, antivirale Präparate für ein Fünftel der Bevölkerung bereitzuhalten. Das Robert-Koch-Institut erklärte dazu, die Überarbeitung des Pandemieplans, der aus 2007 stamme, laufe derzeit. NRW hatte im Jahr 2005 Tamiflu für 10,9 Millionen Euro gekauft. Nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums wurden die Vorräte vernichtet und nicht wieder aufgestockt. Roche dürfte die ganze Debatte nicht wirklich anfechten. Der Konzern hat mit Tamiflu schon glänzende Geschäfte gemacht. Seit Einführung im Jahr 1999 hat Tamiflu den Schweizern über zehn Milliarden Euro Umsatz beschert.

(RP)
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