Düsseldorf: Weniger Amputationen bei verstopften Gefäßen

Düsseldorf: Weniger Amputationen bei verstopften Gefäßen

Ein neues Verfahren an der Uni-Klinik Düsseldorf verbessert die Heilungschancen bei Durchblutungsstörungen und offenen Wunden.

Jeder Schritt fällt schwer. Die Beine schmerzen beim Gehen. Schon eine Strecke von 200 Meter kann zu einer unerträglichen Tortur werden, die ohne Pausen nicht zu bewältigen ist. Durchblutungsstörungen machen den Alltag beschwerlich. Die Muskeln erhalten bei Belastung nicht mehr genug Nährstoffe und Sauerstoff. Sie reagieren mit Warnsignalen: Schmerzen, die später, wenn die Erkrankung fortgeschritten ist, selbst im Ruhezustand kaum nachlassen.

"Wenn die Durchblutung schlechter wird, kann das so weit gehen, dass die Energiezufuhr nicht mehr ausreicht, um die Zellen zu erhalten. Das Gewebe stirbt dann ab", erklärt Hubert Schelzig, Professor an der Universitätsklinik Düsseldorf. Periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) nennt der Mediziner diese Krankheit, die vor allem Menschen über 60 Jahren plagt. Der Volksmund sagt salopp Schaufenster-Krankheit dazu, weil die Betroffenen oft stehenbleiben und sich etwas anschauen.

Durchblutungsstörungen in den unteren Gliedmaßen werden in Deutschland immer häufiger diagnostiziert, vor allem weil die Menschen heute älter werden. "Der Zustand der Gefäße im Alter ist manchmal ein Spiegelbild des jeweiligen Lebensstils", sagt Hubert Schelzig, Direktor der Klinik für Gefäß- und Endovaskularchirurgie. "Wer sich wenig bewegt oder raucht, wird mehr Probleme haben; aber auch Bluthochdruck und vor allem Diabetes können Ursachen für Durchblutungsstörungen sein."

Zwar gibt es mehrere gute Behandlungsmöglichkeiten, aber manchmal bleibt den Ärzten als letztes Mittel nur die Amputation, wenn das Gewebe nicht mehr gerettet werden kann. "Für die Therapie ist es wichtig, möglichst genau zu wissen, wie gut die Qualität der Durchblutung an den unterschiedlichen Stellen ist", erklärt Schelzig. Er will an der Uni-Klinik ein schonendes Verfahren etablieren, mit dem die Sauerstoffkonzentration in der Haut gemessen werden kann — ein Indikator für die Bewertung des Durchblutungszustandes. "Wir bekommen ein besseres Bild über den Zustand der Zellen", sagt Schelzig.

Die Anschaffung des Radiometers wurde von der Anton-Betz-Stiftung der Rheinischen Post gefördert. "Mit dieser Untersuchung lässt sich nicht nur die Stelle, ab der amputiert werden muss, präziser bestimmen", so Schelzig, "sie hilft auch als Ergänzung zu anderen Untersuchungen zu entscheiden, ob eine Amputation überhaupt nötig ist." In Deutschland werde nämlich häufiger amputiert als im europäischen Vergleich, sagt der Gefäßmediziner.

Nach einer Studie der Helios-Klinik in Krefeld hat die Zahl der Amputationen oberhalb des Knöchels nach Durchblutungsstörungen bundesweit von 2005 bis 2010 zwar abgenommen, das gilt aber nicht für die Häufigkeit kleinerer Amputationen. Diese habe bei Männern sogar um knapp 22 Prozent zugelegt, berichten die Krefelder. Von dem Verfahren sollen auch andere Patienten profitieren. "Man kann die Heilungschance einer offenen Wunde besser bewerten, wenn man den Durchblutungszustand des Gewebes kennt", berichtet Schelzig. Zudem ermöglicht die Blutgas-Analyse eine exakte Aussage, ob eine Therapie gegen Durchblutungsstörungen erfolgreich ist.

Schelzig und sein Team planen eine Studie, die die Auswirkungen von Medikamenten und Geh-Training untersuchen soll. "Wir wollen ermitteln, ob die Gabe von Medikamenten und das Gehtraining die Energieversorgung der Zellen verbessert und damit die schmerzfreie Gehstrecke der Patienten verlängern kann." Der Krefelder Gefäßmediziner Knut Kröger von der Helios-Klinik vermutet, dass Gehtraining den Betroffenen mehr helfen könne als alleinige Gefäßveränderungen. Allerdings gibt es bundesweit nur 68 Sportgruppen mit speziell ausgebildeten Trainern, die diesen Rehabilitationssport anbieten. In Deutschland werde über Gefäßerkrankungen zu wenig gesprochen, findet Schelzig. Es fehlen Spezialisten, denn die Ausbildung von Gefäßmedizinern liege "deutlich unter Bedarf". Das hängt auch damit zusammen, dass es nur sechs Lehrstühle für Gefäß- und Endovaskularchirurgie an Unikliniken gibt — die 2012 in Düsseldorf eingerichtete Professur für Schelzig ist einer davon.

(RP)
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