Verbraucherschützer warnen: Auf dem Weg zum "gläsernen Patienten"

Experten warnen vor sorglosem Umgang mit Daten : Auf dem Weg zum "gläsernen Patienten"

Mit dem neuen Jahr hat die elektronische Gesundheitskarte die alte Versicherungskarte endgültig abgelöst. Umstritten ist sie seit jeher – wegen Datenschutz-Bedenken. Dabei droht der Versicherte auch aufgrund anderer technischer Entwicklungen mehr und mehr zum "gläsernen Patienten" zu werden. Verbraucherschützer warnen daher vor einem sorglosen Umgang mit persönlichen Gesundheitsdaten.

Mit dem neuen Jahr hat die elektronische Gesundheitskarte die alte Versicherungskarte endgültig abgelöst. Umstritten ist sie seit jeher — wegen Datenschutz-Bedenken. Dabei droht der Versicherte auch aufgrund anderer technischer Entwicklungen mehr und mehr zum "gläsernen Patienten" zu werden. Verbraucherschützer warnen daher vor einem sorglosen Umgang mit persönlichen Gesundheitsdaten.

Fitness- und Gesundheits-Apps boomen. Wer auf seine Ernährung achten will, bekommt Tipps und kann sein Essverhalten digital abspeichern. Wer Sport macht — etwa joggt — kann mit dem Smartphone Trainingszeiten, Laufstrecken, verbrannte Kalorien und vieles mehr aufzeichnen. Was dem User beim Training oder in Bezug auf eine gesündere Lebensweise helfen soll, ist aber auch für manch anderen interessant — wie etwa für Krankenkassen.

Seit geraumer Zeit bieten einige Kassen daher eigene Fitness-Apps an und belohnen den Versicherten zum Beispiel mit Prämien, wenn sie eine bestimmte Punktzahl erreicht haben. Letztlich spart man also dank des Handys. Doch Verbraucherschützer raten zur Vorsicht. Solche neuartigen Modelle, die bei gesundem Lebenswandel geringere Tarife in Aussicht stellten, seien eine Abkehr von der solidarischen Versicherung, sagte der Chef des Verbraucherzentralen-Bundesverbandes, Klaus Müller, am Freitag der Deutschen Presseagentur dpa. Bei Gesundheits-Apps etwa könnte das für den Kunden bedeuten, dass plötzlich die Versicherung "rund um die Uhr auf meiner Schulter" sitze.

GDV: Datenschutz hat höchste Priorität

Zuletzt hatte im November die Generali-Versicherung angekündigt, dass man die Fitness-Daten von Kunden sammeln wolle. Kunden, die gesundheitsbewusst lebten, würden dann etwa Rabatte bei Prämien gewährt. Schon damals warnte Gesundheitsexpertin Ilona Köster-Steinebach von der Verbraucherzentrale in der "Süddeutschen Zeitung": "Bei so detaillierten Apps, die genau Aufschluss geben über körperliche Aktivitäten, Ernährung oder Ähnliches, sehen wir ein erhebliches Überwachungspotenzial."

Auch Müller warnt nun, dass eine solche Rundum-Überwachung zwar vermeintlich attraktiv sei, "wenn ich jung, gesund, fit und fidel bin". Aber man wisse leider auch aus anderen Versicherungstarifen, dass dies selten bis zum Ende des Lebens der Fall sei. Und anhand der Daten lassen sich letztlich sogar Prognosen über die künftige gesundheitliche Entwicklung des Patienten treffen.

Der Branchenverband GDV hatte dagegen unlängst betont, dass der Datenschutz insbesondere bei der Verarbeitung von Gesundheitsdaten höchste Priorität habe, dass aber solche Modelle den Versicherungsschutz für Menschen grundsätzlich attraktiver machten. Und auch die Kassen beschwichtigten, dass sie die gesammelten Daten nicht mit einzelnen Personen in Verbindung bringen könnten. Fakt ist aber, dass technisch schon vieles möglich ist.

Die Befürchtung des Weiterreichens der Daten

So hatte die elektronische Gesundheitskarte, die nun endgültig die alte Versicherungskarte abgelöst hat, für viel Kritik gesorgt. Gegner befürchten eine Art Vorratsdatenspeicherung, die den Interessen von Gesundheitskonzernen, Krankenkassen und IT-Wirtschaft diene. Vertrauliche Krankheitsdaten, die auf der Karte gespeichert werden, so die Befürchtung, könnten weitergereicht werden. Und die jetzt dort gespeicherten Daten müssten nicht die einzigen bleiben.

Im November hatte etwa die Medizin-Informatikerin Britta Böckmann in einer Anhörung des Bundestags-Ausschusses Digitale Agenda dafür geworben, Gesundheits-Apps mit den Patientendaten zu vernetzen. "Wir müssen die Plattform öffnen für Anwendungen, die nichts mit der Gesundheitskarte zu tun haben." Zukunftsszenarien, die Datenschützer erschrecken dürften, technisch aber durchaus machbar sind. Auch diese Daten könnten letztlich weitergereicht werden. Zudem besteht die Gefahr, dass Hacker sich diese zu eigen machen könnten.

Die Angebote der Kassen sind, das muss man betonen, freiwillig. Doch je mehr solche Modelle selbstverständlich werden, umso mehr hat der Patient den Nachteil, der nicht mitmacht oder eben eher "schlechte Daten" liefert — und letztlich mehr zahlt. Und keiner weiß, ob in ferner Zukunft aus solchen freiwilligen Programmen nicht doch eines Tages Pflichtprogramme werden.

In den USA nutzen übrigens sogar große Arbeitgeber Gesundheits-Apps für Bonusprogramme. So schrieb die "Berliner Zeitung", dass der Ölkonzern BP 2013 insgesamt 14.000 Beschäftigten umsonst ein Fitness-Armband gab. Diese ließen im Gegenzug ihre Schritte aufzeichnen und sie vom Konzern auswerten. Wer im Laufe des Jahres mehr als eine Million Schritte zurücklegte, sammelte Punkte, mit denen er den Versicherungsbeitrag senken konnte.

(das)