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Interview mit Theologe Dietmar Mieth: "Sterbehilfe ist nicht zulässig"

Interview mit Theologe Dietmar Mieth : "Sterbehilfe ist nicht zulässig"

Düsseldorf (RPO). Dietmar Mieth, Moraltheologe und Autor des Buches "Grenzenlose Selbstbestimmung?", spricht im Interview mit unserer Redaktion über die Würde und den Willen Sterbender. Jede Hilfestellung zum Tod lehnt er aus ethischen Gründen ab.

Die Sterbehilfe-Debatte hat in Deutschland neue Brisanz bekommen, nachdem der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch einer alten Frau Medikamente zur Selbsttötung besorgte. Eine der Fragen: Wie weit kann die Selbstbestimmung des Menschen gehen. Der renommierte Tübinger Moraltheologe Dietmar Mieth (67), der jetzt ein Buch über den Willen und die Würde Sterbender veröffentlicht hat ("Grenzenlose Selbstbestimmung?"), gibt der aktuellen Diskussion eine neue Richtung.

Der Jurist Roger Kusch betont, dass es ihm "um Selbstbestimmung bis zum letzten Atemzug” geht. Welches Menschenbild steht dahinter?

Mieth Herr Kusch will ja gar keine Selbstbestimmung bis zum letzten Atemzug, sondern eine Selbstbestimmung, die den letzten Atemzug hervorbringt. Wobei es völlig unstrittig ist, dass die Selbstbestimmung den Vorrang haben muss, solange ein Mensch existiert. Die Frage ist nur, auf welche Weise der Betroffene sich Ausdruck verschaffen kann. Konkret: Gibt es noch eine echte Selbstbestimmung, wenn ich jemand brauche, um diese Selbstbestimmung einzulösen? Man sollte darüber nachdenken, ob dann vielleicht diese Person zu einem Instrument der Selbstbestimmung wird. Je selbstbestimmter wir sind und je mehr wir Selbstbestimmung auch rechtlich durchsetzen wollen, desto genauer muss auch ihre Qualität überprüft werden - etwa bei Demenzkranken.

Sind denn unsere Debatten über Tötungsautomaten auch Ausdruck einer zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft?

Mieth Darauf würde ich es nicht verkürzen wollen. Denn auch ein Philosoph, der nicht an Gott glaubt, kann einsehen, dass wir unser Leben nicht vollkommen im Griff haben. Und das berührt einen weiteren Aspekt - nämlich die weise Einsicht in die Grenzen unseres Lebens und in die Grenzen im Umgang mit dem Leben. Diese Einsicht ist keineswegs abhängig von der Religion und einer religiösen Lebenserfahrung.

Aber war diese Einsicht früher nicht ausgeprägter, etwa mit der so genannten Ars moriendi, der Kunst des Sterbens?

Mieth Die Weisheit gibt es zu allen Zeiten, nur kommt sie in unterschiedlichen Ausdrucksformen zum Vorschein. Die Selbstbestimmung ist zu einem Zauberwort geworden, das uns heute andere Dimensionen des Sterbens erschließt. So sind wir nicht mehr bereit, im Urteil anderer Menschen noch die Hand Gottes zu erkennen und zu spüren. Früher hat man das Wirken Gottes akzeptiert - selbst bei strafrechtlich motivierten Todesurteilen.

Ist für uns die Selbstbestimmung und auch die so genannte Selbstverwirklichung also zu einem Wert an sich geworden, der nicht mehr hinterfragt wird?


Mieth Im Grunde gibt die Selbstbestimmung in einer sehr resoluten Fassung Grenzen vor, nämlich Grenzen in der Beziehung zu anderen Menschen und Grenzen in der Fürsorge für andere Menschen. Dabei wird nicht bedacht: Ich bin kein unabhängiger Mensch; ich lebe immer in Beziehungen und erkenne mich als Schnittpunkt dieser Beziehungen. In diesem Sinne bin ich ein Mensch, der seine Unabhängigkeiten sowohl beansprucht als auch entgegennimmt. Das ist die Dialektik unserer Freiheit - als individuelle Errungenschaft und als Geborgenheit in den Handlungen anderer. Wenn man diese Dialektik vernachlässigt, hat man nur ein reduziertes Menschenbild.

Das ist die Theorie, aber wie bewährt sie sich in der konkreten Situation? Gibt es so etwas wie ein Sterben in Würde?

Mieth Dazu gehört, dass wir die Würde des sterbenden Menschen zunächst einmal respektieren müssen. Die Zeichen, die er als Person sendet, haben wir ernstzunehmen.

Selbst wenn er sich nicht mehr klar äußern kann?

Mieth Ein Mensch ist auch dann Träger der Würde, wenn er in einem dementen oder komatösen Zustand ist. So schwer es sein kann: Auch in dieser Situation darf er nicht darauf reduziert werden, was er einmal in einem bewussten Zustand gesagt hat.

Kann dazu auch der Wunsch nach Sterbehilfe gehören?

Mieth Sterbehilfe ist ethisch nicht zulässig. Sie würde das Ärzte- und Pflege-Ethos tiefgreifend verändern und die Schwellen unserer Verfassung nivellieren. Wer sich dafür ethisch einsetzt, versucht, Extremfälle zum Maßstab des Gesetzes zu machen, statt beizutragen, dass Extremfälle nicht entstehen.

Hier geht es zur Infostrecke: Fakten zur Sterbehilfe in Deutschland

(RP)