Statistik der Bundesärztekammer: 88 Tote durch Behandlungsfehler

Statistik der Ärzte : 88 Tote durch Behandlungsfehler

Ärztliche Kunstfehler mit gravierenden Folgen sind vergleichsweise selten. Aber jedes Jahr be­klagen sich Tausende Patienten. Eingriffe an Knien und Hüften sind am problematischsten.

Die Bundesärztekammer schlägt wegen Zeit- und Personalmangels in Krankenhäusern und Arztpraxen Alarm. Zwar liege die Wahrscheinlichkeit eines Behandlungsfehlers mit gravierenden Folgen gemessen an 20 Millionen Behandlungsfällen in Kliniken und einer Milliarde Arzt-Patienten-Kontakten im Promillebereich. Im vergangenen Jahr seien aber 88 Todesfälle, 127 schwere Dauerschäden (Amputationen oder Lähmungen) und mehr als 1300 weitere mittelschwere und leichte Schäden festgestellt worden. Das teilte der Vorsitzende der Ständigen Konferenz der Gutachterkommission und Schlichtungsstellen der Ärztekammern, Andreas Crusius, am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung der Behandlungsfehlerstatistik mit.

Bei den Ärztevertretern waren im vergangenen Jahr rund 11.000 Beschwerden aufgelaufen. Patienten, die sich geschädigt sehen, können sich auch an ihre Krankenkasse wenden. Dort melden sich 13.000 bis 15.000 Patienten pro Jahr. Wie viele Menschen gleich die Berufshaftpflicht eines Arztes in Anspruch nehmen oder vor Gericht ziehen, ist dagegen statistisch nicht erfasst. Der Sozialverband VdK Deutschland geht von einer hohen Dunkelziffer ärztlicher Behandlungsfehler aus. Die Statistik gebe nicht das tatsächliche Ausmaß wieder.

Ärzte arbeiteten in allen Versorgungsbereichen am Limit und manchmal darüber hinaus, sagte Crusius. Er betonte: „Wir sind keine Götter in Weiß. Wir sind auch nur der Durchschnitt der Bevölkerung.“ Auch Ärzte könnten Fehler nie ganz ausschließen. „Wir versuchen aber auszuschließen, dass ein- und derselbe Fehler zweimal passiert.“ Auch deshalb gebe es in Deutschland diese international einmalige transparente Auseinandersetzung mit Behandlungsfehlern.

Unerwünschte Folgen nach Eingriffen an Knie und Hüftgelenk sind die häufigsten Gründe, warum sich Patienten mit Verdacht auf Behandlungsfehler bei den Ärztekammern melden. Dementsprechend stehen am häufigsten Unfallchirurgen und Orthopäden in der Kritik der Patienten.

Behandlungsfehler mit tödlicher Folge ergeben sich mit großer Mehrheit entweder aus nicht rechtzeitig erkannten und potenziell tödlich verlaufenden Krankheiten (Krebs, Schlaganfall) oder aus Verschlechterungen im Verlauf von Krankheiten, die isoliert in der Regel nicht zum Tode führen würden (Infektionen, Sepsis). Dies erklärte Andreas Dohm, Geschäftsführer der Schlichtungsstellen für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern. Die fünf häufigsten vermeidbaren Arztfehler, die zum Tod von Patienten geführt haben, seien demnach in 21 Fällen Fehler bei der Labordiagnostik gewesen. In 15 Fällen sei es bei der bildgebenden Diagnostik (Röntgen, CT, MRT) und in 13 Fällen bei der körperlichen Untersuchung zu Fehlern gekommen. In elf Fällen kam es postoperativ zu Infektionen, und in zwölf Fällen war die Diagnose fehlerhaft.

Crusius kritisierte die Politik scharf: „Die über Jahrzehnte von der Politik geschaffenen ökonomischen Rahmenbedingungen sind nicht auf maximale Patientensicherheit ausgerichtet, sondern auf maximale Effizienz und häufig sogar auf Gewinnmaximierung.“ Es sei ein Unding, dass von Krankenversicherungsbeiträgen Rendite abgeführt werde.

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