Richtig reanimieren: Pumpen, bis der Arzt kommt

Richtig reanimieren : Pumpen, bis der Arzt kommt

Viele Menschen wissen im Ernstfall nicht, wie man einen Bewusstlosen wiederbelebt. Dabei ist das ziemlich einfach. Wichtig: Die Mund-zu-Mund-Beatmung ist nicht mehr Pflicht.

Es ist die wichtigste medizinische Kompetenz, über die der Laie verfügen kann, doch schwirren so viele Unklarheiten durch die Welt, dass im Ernstfall kaum einer weiß, was er tun soll. Es hat allerdings etwas mit Rhythmus und dem Song "Stayin' Alive" der Bee Gees zu tun. Nur was?

Es geht um Wiederbelebung, um Herzdruckmassage und um die Beatmung. Aus ferner Erinnerung dämmert einem, dass es einen 30:2-Rhythmus gibt, nach dem man abwechselnd pumpen und beatmen soll. Aber stimmt das noch? Gilt die Regel des Tempos von 100 Schlägen pro Minute, die jenem Song der Gebrüder Gibb entspricht? Und was macht einer, der sich davor ekelt, einem Ohnmächtigen die Mund-zu-Mund-Beatmung zu spenden?

Wiederbelebung sichert die Sauerstoffversorgung im Gehirn

Die sogenannte kardiopulmonale Reanimation erhöht die Überlebenswahrscheinlichkeit bei einem Herzstillstand deutlich, da sie die Blutversorgung der Organe sicherstellt. Ein schnelles Handeln - auch von Laien - ist unerlässlich, da bereits nach drei Minuten das Gehirn zu wenig Sauerstoff bekommt und dadurch unwiderrufliche Schäden auftreten können. Deshalb sollte die oberste Devise sein: Nicht lange überlegen, sondern schnell handeln. Klar, zuerst guckt man sich den Betroffenen an. Zuerst sollte man schauen, ob die bewusstlose Person auf Schütteln oder laute Ansprache reagiert und ob sie überhaupt atmet. Wenn ja: sofort in stabile Seitenlage drehen. Wenn nicht: Dann überstreckt man den Kopf des Bewusstlosen, hebt sein Kinn an und sucht nach möglichen Fremdkörpern im Mund. Dann ruft man unverzüglich den Notarzt unter der Telefonnummer 112 - und gibt der Leitstelle bei der Feuerwehr auch an, dass es um eine Wiederbelebung geht. Die lotst einen weiter. Aber wie reanimiert man dann richtig?

Foto: Ferl

Früher wurde die Möglichkeit, dass jemand die Mund-zu-Mund-Beatmung nicht beherrscht, in den Leitlinien gar nicht erst berücksichtigt; auch bei heutigen Erste-Hilfe-Schulungen wird die Mund-zu-Mund-Beatmung als eine von zwei gleichberechtigten Säulen der Wiederbelebung weiterhin und ziemlich kategorisch gelehrt. Leider folgenlos. Kaum einer weiß nach Jahren des Ersttrainings noch, wie eine korrekte Mund-zu-Mund-Beatmung funktioniert. Der Alltag von Reanimations-Szenarien sieht nämlich völlig anders aus: Viele Menschen scheuen vor der Reanimation überhaupt zurück, weil sie glauben, ohne Mund-zu-Mund-Beatmung sei das Manöver fruchtlos. Das aber ist ein fataler Irrglaube.

Japanische Mediziner gingen der Frage, ob die Mund-zu-Mund-Beatmung überhaupt überlebensnotwendig ist, in einer großen Studie nach. Ken Nagano und seine Kollegen von der Uniklinik in Tokio studierten die Akten von 4000 Fällen, in denen Passanten jemandem Erste Hilfe leisteten, der mit einem Herzproblem auf der Straße zusammengebrochen war. Die Helfer hatten entweder nur eine Herzdruckmassage oder eine Kombination aus Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassage angewendet. Ergebnis der Laientherapie: Die Patienten, die allein eine Herzmassage bekamen, überlebten doppelt so oft wie jene, bei denen die 30:2-Kombinationsmethode durchgeführt wurde.

Darüber schrieb das Team im angesehen Fachmagazin "Lancet". Groß war das Echo allerdings nicht. Das hat Folgen: "In Deutschland gibt es", klagte neulich Hugo van Aken, Professor für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Münster, "eine zu geringe Quote bei der Wiederbelebung; in Europa sind wir Schlusslicht." Sein Fazit: "Wir müssen viele Hemmnisse abbauen."

Die Mund-zu-Mund-Beatmung ist nicht überlebensnotwendig

Dazu zählt vor allem die Abkehr von der angeblichen Unentbehrlichkeit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Die Erfahrung zeigt: In Ländern, in denen vor allem Herzdruckmassage trainiert wird, ist die Quote erfolgreicher Reanimationen viel höher als in Deutschland, wo das Streben nach Gründlichkeit und Lehrbucherfüllung einem schnellen und effektiven Eingreifen im Wege steht. Man möchte alles richtig machen. Dabei scheint der Sinn der alleinigen Herzdruckmassage einleuchtend, wie die Tokioter Ärzte ahnen: "Umstehende Laien sind dann in einem Notfall eher gewillt zu helfen."

Auch die Deutsche Herzstiftung empfiehlt neuerdings die Herzdruckmassage: "Forschungsergebnisse aus den letzten Jahren haben gezeigt, dass bei einem plötzlichen Herzstillstand eines Erwachsenen für etwa acht Minuten ausreichend Sauerstoff im Blut ist. Das Problem ist jedoch, dass der Sauerstoff bei einem Herzstillstand nicht dort ankommt, wo er gebraucht wird: im Gehirn. Dorthin muss er also gepumpt werden. Das wird mit Herzdruckmassage erreicht. Laienhelfer, die die Mund-zu-Mund-Beatmung nicht beherrschen, machen oft Fehler. Ungeübte sollten sich daher auf die Herzdruckmassage beschränken." Das heißt aber auch: Wer die Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beatmung beherrscht, kann sie weiterhin anwenden.

Frank Riebandt, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte, sagt: "Ziel ist es in jedem Fall, durch fortlaufende gleichmäßige Herzdruckmassage einen Notkreislauf zu bewirken." Riebandt weist auch darauf hin, wie wichtig ein Defibrillator sein kann: "Frühzeitige Defibrillation kann die Erfolgsrate der Wiederbelebung drastisch verbessern."

Wer keinen "Defi" in der Nähe hat, für den wird es anstrengender, aber deutlich einfacher: Er entkleidet den Patienten über der Brust und drückt dann unverzüglich die beiden übereinander gelegten Handballen in der Mitte des Brustbeins fünf bis sechs Zentimeter senkrecht in die Tiefe. Lautes Zählen sichert das richtige Tempo. Nach jeder Kompression muss der Brustkorb vollständig entlastet werden, damit sich das Herz wieder mit Blut füllen kann. Weil das an die Kondition geht, sollten sich Helfer alle zwei Minuten abwechseln, bis der Notarzt kommt. Dass eine Rippe oder das Brustbein brechen kann, ist ein weniger schlimmer Kollateralschaden. Die Hauptsache ist vielmehr: "Stayin' Alive".

(w.g.)
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