"Pille danach": Ärzte fürchten Leichtsinn

Notfall-Verhütung : Ärzte fürchten Leichtsinn bei der "Pille danach"

Der Bundesrat wird am Freitag eine Verordnung verabschieden, wonach die "Pille danach" ab dem 15. März frei in Apotheken verkauft werden kann. Die Bundesregierung gibt damit dem Druck der EU nach. Experten äußern Bedenken.

In wenigen Tagen fällt die Rezeptpflicht für die "Pille danach". Offizieller Stichtag ist der 15. März. "Wir werden das Mittel ab dem 16. März frei verkaufen können", sagt Thomas Preis, Vorsitzender des Apotheker-Verbandes Nordrhein-Westfalen. Er verweist darauf, dass die rezeptpflichtigen Verpackungen ausgetauscht werden müssten.

Um die Freigabe der "Pille danach" wurde politisch jahrelang gerungen. SPD, Grüne und Linke waren dafür, die Union dagegen. Am Ende musste sich Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) einer Vorgabe der EU-Kommission beugen. Der Bundesrat wird heute per Verordnung beschließen, dass die Präparate Ella One mit dem Wirkstoff Uliprictalacetat (UPA) und Pidana mit dem Wirkstoff Levonorgestrel (LNG) nach Beratung in der Apotheke frei erhältlich sind.

Grundsätzlich können alle Frauen im gebärfähigen Alter das Mittel erhalten, auch Minderjährige. Auch der Freund, der Ehemann oder andere Personen können für die betroffene Frau das Mittel besorgen. Versandapotheken dürfen das Präparat allerdings nicht vertreiben.

Mehr Verantwortung für Apotheker

"Für die Apotheker ist das ein großes Stück mehr Verantwortung", betont Preis. Bislang oblag die Beratung der Patientinnen den Ärzten. Bis zuletzt stellten sich die Mediziner gegen eine Freigabe. Sie sind skeptisch, ob die Beratung in der Apotheke ausreicht. Insbesondere bei den 16- bis 20-Jährigen, die am häufigsten zur "Pille danach" greifen, fürchten die Ärzte zunehmenden Leichtsinn.

Verschiedene Facharztverbände schickten noch in dieser Woche ein Schreiben an Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) mit dem Hinweis: "Eine fehlerhafte Beratung erhöht jedoch die Gefahr unerwünschter Schwangerschaften dramatisch." Preis sieht die Apotheker aber sehr wohl in der Lage, umfänglich und verantwortungsvoll zu beraten. Sie müssen die Kundinnen beispielsweise darauf hinweisen, dass die Präparate bei sehr schweren Frauen unwirksam sind. Ab 75 Kilo lässt die Wirkung von LNG nach, ab 90 Kilo gilt dies auch für UPA.

Die "Pille danach" ist ein Verhütungsmittel, das nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden kann. Sie verhindert, dass sich ein befruchtetes Ei in die Gebärmutter einnistet. Sie ist nicht zu vergleichen mit einer Abtreibungspille, die eine bestehende Schwangerschaft beendet. Je nach Präparat kann die "Pille danach" drei bis fünf Tage nach dem Sex eingenommen werden. Sie ist nicht zu 100 Prozent wirksam.

Umstritten ist, welche gesellschaftlichen Folgen die Freigabe hat. Befürworter loben, dass sie den Frauen bei der Selbstbestimmung hilft und insbesondere bei einer versäumten Verhütung am Wochenende schnelle Hilfe bringe. Kritiker fürchten, dass infolge schlechterer Aufklärung sogar die Schwangerschaftsabbrüche steigen könnten und dass sich sexueller Missbrauch von Frauen oder Mädchen leichter verbergen lasse. Eine Studie aus Norwegen zeigt, dass die Schwangerschaftabbrüche nach der Freigabe stagnierten, während die Zahl der Frauen, die zur "Pille danach" griffen, stieg.

Die Bundesärztekammer fordert, dass die Auswirkungen der Freigabe über einen Zeitraum von fünf Jahren evaluiert werden müssten. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte solle die Bundesregierung über die Entwicklung der Zahl der verkauften Verpackungen, der ungewollten Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche sowie über das Auftreten unerwünschter Nebenwirkungen informieren, hieß es vonseiten der Ärztekammer.

Auch der CDU-Gesundheitsexperte Hubert Hüppe fordert einen kritischen Blick auf die weitere Entwicklung: "Niemand kann wollen, dass die ,Pille danach' unkritisch eingenommen wird und die Zahlen stark nach oben gehen."

(qua)