Durchbruch in der Stammzellforschung: Neue Zellen für den kranken Körper

Durchbruch in der Stammzellforschung: Neue Zellen für den kranken Körper

Düsseldorf (RPO). Superlative sind von Stammzellforschern schon oft strapaziert worden. Bei den Erfolgen einer amerikanischen und einer japanischen Forschergruppe gerät aber selbst Hans Schöler, Professor am Max-Planck-Institut in Münster, ins Schwärmen. "Sollten sich diese Ergebnisse bestätigen wäre das ein echter Durchbruch", sagt der sonst eher vorsichtige Stammzellforscher: "Eine Sensation."

Was ist passiert: Gleich zwei Gruppen von Forschern ist es gelungen, menschliche Zellen so zu programmieren, dass die Zellen Eigenschaften von embryonalen Stammzellen aufweisen. Diese Zellklasse gilt seit Jahren in der Medizin als der größte Hoffnungsträger. Wissenschaftler wollen mit ihnen menschliches Gewebe züchten und damit Organe ersetzen oder zerstörtes Gewebe heilen. Der Makel, der diesen Wunderzellen bislang anhaftete: Sie können nur durch Zerstörung menschlicher Embryonen erzeugt werden.

Die Teams aus Japan und den USA berichten heute in den Fachzeitschriften "Cell" und "Science" jetzt von einem anderen Weg, der ethisch unproblematisch erscheint. Für ihre Arbeit benutzten beide Teams verschiedene Zellen. Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto reprogrammierte Hautzellen aus dem Gesicht einer 36-jährigen Frau, James Thompson von der Uni Wisconsin nahm Vorhautzellen eines Neugeborenen. Dann schleusten sie je vier Gene in die Zellen ein, die die Eigenschaften der Zellen massiv veränderten. Sie verhalten sich jetzt wie embryonale Stammzellen, die mehr als 200 Zelltypen des Körpers bilden können. Ersten Versuchen zufolge ließen sich problemlos Herz- und Nervenzellen herstellen.

So sollen zukünftig die neuen Therapien ablaufen. Einem Patienten mit Nieren- oder Herzproblemen werden etwa Hautzellen entnommen, diese zu embryonalen Zellen zurückverwandelt und daraus entstehen dann Nieren- oder Herzzellen. Die Gewinnung von Transplantationsgewebe im Reagenzglas, das theoretisch zur Behandlung von Krankheiten wie Diabetes, Parkinson oder Rückenmarkverletzungen verwendet werden kann. "Bereits wenige Zellen aus dem Körper eines Kranken werden vermutlich ausreichen, um daraus später jeden beliegen Typ von Körperzellen im Reagenzglas zu züchten", sagt Schöler.

Besonders spannend ist, dass beide Forschergruppen mit dem gleichen Prinzip erfolgreich waren. Das ist ein deutliches Indiz, dass diese Ergebnisse mehr als nur ein Einzelfall sind, dass die Methode grundsätzlich funktioniert. Zwei der verwendeten vier Gene waren bei Japaner und US-Forschern identisch. Das Labor von James Thomson an der Uni Wisconsin gehört schon seit Jahren zu den besten Adressen der Stammzellforschung. Dort wurden die ersten menschlichen emyronalen Stammzellen isoliert.

Diese neue Technik macht die beiden Forscherteams zu den Superstars der Branche, ähnlich wie einst der Schöpfer des Klonschafs Ian Wilmut. Selbst der zeigt sich von den jüngsten Ergebnissen beeindruckt. Statt die begehrten Stammzellen durch Klonexperimente zu gewinnen, will jetzt auch Wilmut verstärkt nach Techniken der Umprogrammierung suchen. "Diese Arbeit stellt einen riesigen wissenschaftlichen Meilenstein dar - die biologische Entsprechung des ersten Flugzeugs der Gebrüder Wright", sagte Robert Lanza, Chefwissenschaftler von Advanced Cell Technology, das sich mit der Gewinnung von Stammzellen aus geklonten menschlichen Embryonen beschäftigt.

Große Worte, die natürlich noch übertrieben sind. Hans Schöler ist objektiver: "Bevor sich die neu gewonnenen Zellen für Therapien einsetzen lassen, muss noch viel Arbeit geleistet werden." Eines der Probleme: Die für die Umprorammierung als Vehikel eingesetzten Viren lassen sich bisher nicht entfernen, damit können sie zu einer Gefahr für den Patienten werden. Prognosen, wie lange es dauern wird, bis aus einemForschungserfolg eine Therapie wird, verbieten sich.

Deutschen Stammzellforscher ist die Mitarbeit an dieser Forschungsrichtung übrigens in großen Teilen verwehrt. Sie dürfen mit quasi original embryonalen Stammzellen, die zum Vergleich mit den umprogrammierten Zellen benötigt werden, nicht arbeiten. Das verbietet die deutsche Stichtagsregelung.

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