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Ministerin will gegen die "Extraportionen" vorgehen: Künast: Industrie macht Kinder dick

Ministerin will gegen die "Extraportionen" vorgehen : Künast: Industrie macht Kinder dick

Berlin (rpo). Die deutschen Kinder werden immer dicker. Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) gibt der Lebensmittelindustrie eine Mitschuld an der zunehmenden Fettleibigkeit der Jugendlichen.

Künast hat von der Lebensmittelindustrie Konsequenzen aus der wachsenden Zahl gefordert. Im Gespräch mit "Welt am Sonntag" wies die Grünen-Politikerin darauf hin, dass in Deutschland bereits jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche Übergewicht haben. Dennoch wolle die Lebensmittelindustrie den Anteil dick machender Zutaten nicht verringern. Die FDP bezeichnete den Vorwurf an die Industrie als einseitig.

In dem Interview wies Künast darauf hin, dass darüber schon seit Monaten intensive Gespräche mit der Lebensmittelwirtschaft im Gange seien. Eine echte Bereitschaft zur Reduzierung der Anteile von Fett, Zucker und sonstigen Kohlenhydraten, sowie Salz in den von Kindern und Jugendlichen favorisierten Lebensmitteln sei aber bislang nicht zu erkennen. Auch eine bessere Kennzeichnung der Produkte zeichne sich nicht ab. Zudem sei es nicht gelungen, die Unternehmen zu einer "ehrlicheren Werbung" zu bewegen. "Da tut sich nichts", beklagte die Ministerin.

Künast sprach von einem "gravierenden, schleichend daherkommenden Problem". Grund für die zunehmende Fettleibigkeit von Kindern und Jugendlichen seien wenig Bewegung und zu viel fett- und kohlenhydratreiches Essen. Als Folge nähmen Gesundheitsschäden wie Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Probleme mit dem Bewegungsapparat rapide zu.

Dies habe schwer wiegende Auswirkungen auf das Gesundheitssystem, warnte die Politikerin. Rund ein Drittel der Krankenkassenausgaben gingen bereits auf Erkrankungen zurück, die durch falsche Ernährung mit verursacht würden. "Wir sitzen da geradezu auf einem Pulverfass. Denn es werden noch ganz andere Kostendimensionen auf uns zukommen als diejenigen, die wir jetzt auf Grund der demographischen Entwicklung vor Augen haben." Zudem drohe schwerer seelischer Schaden. "Studien besagen, dass fettleibige Kinder unter demselben Psychostress stehen wie krebskranke Kinder während ihrer Behandlungsphase."

Überproportional von Fettleibigkeit betroffen seien Kinder aus sozial schwachen Familien und von Zuwanderern, hieß es. Die wichtigsten Fettmacher seien Chips, Pommes frites, Burger, Frühstücks- und Schokoladenriegel und stark zuckerhaltige Getränke. "Die Wirtschaft muss anfangen, alle diese Produkte in ihrer Zusammensetzung systematisch zu verändern", forderte Künast.

Sie warf den Lebensmittelunternehmen auch vor, ihre Werbung suggeriere versteckt, dass ihre Produkte die Gesundheit förderten, etwa mit dem Verweis auf "Extraportionen" von Inhaltsstoffen. "In Wahrheit nehmen die Kinder eine Extraportion Fett zu sich." Solche Werbestrategien seien weder ehrlich noch fair. Laut Künast erarbeitet ihr Ministerium neue Grundsätze, die in eine EU-Richtlinie einfließen sollten.

Die verbraucherpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Bundestag, Gudrun Kopp, erklärte in Berlin, gesundheitsbewusste Ernährung lasse sich nicht durch Verbote oder neue Gesetz vorschreiben. Es könne nur ein Zusammenwirken von Familie, Schule, Ernährungswirtschaft und Politik helfen, der Fettleibigkeit von Kindern entgegen zu wirken.