Analyse: In Belgien bald Sterbehilfe für Kinder

Analyse : In Belgien bald Sterbehilfe für Kinder

Der Umfang der Sterbehilfe im Nachbarland Belgien weitet sich aus. Mit großer Mehrheit beschloss am Donnerstag der Senat, künftig auch Minderjährigen den freiwilligen Tod nicht zu verweigern. Das Gesetz spaltet die Gesellschaft.

Gerlant van Berlaer ist Vater und Kinderarzt. Das Leiden todkranker Jugendlicher und Kinder erlebt der Belgier an der Uniklinik Brüssel täglich mit. Der 45-Jährige kennt die Verzweiflung, in manchen Fällen machtlos zu sein und den Lebensmut der kleinen Patienten schwinden zu sehen. Er sei Pädiater geworden, weil er so viele Kinderleben retten wolle wie möglich, sagt er über sich selbst. Immer wieder nimmt der Mediziner deshalb auch freiwillig an humanitären Hilfsaktionen teil — etwa nach den verheerenden Erdbeben in Haiti und Pakistan. Nun wird er in Hass-Mails als "Doktor Tod" beschimpft. Der Grund: Gerlant van Berlaer befürwortet die Legalisierung der Sterbehilfe für Minderjährige in Belgien. Er steht damit nicht allein.

Am Donnerstag winkte der Senat ein entsprechendes Gesetz mit einer Mehrheit von 50 zu elf durch. Sozialisten, Liberale, Grüne und die flämischen Separatisten stimmten zum Großteil dafür — die Christdemokraten beider Landesteile dagegen. Das Votum der zweiten Kammer steht noch aus. Der sozialistische Premierminister Elio Di Rupo will das Gesetz noch vor den Wahlen Ende Mai 2014 durchbringen. Bevor es in Kraft treten kann, muss der König es zudem unterzeichnen, was nicht sicher ist. Der religiöse König Baudouin etwa verweigerte 1990 seine Unterschrift unter ein Gesetz zur Liberalisierung der Abtreibung.

Der Entwurf sieht die Möglichkeit aktiver Sterbehilfe für Kinder vor, wenn sie unter unerträglichen körperlichen Qualen leiden und nur noch wenige Monate zu leben haben. Sowohl das Kind als auch beide Eltern müssen dem Schritt zustimmen. Der minderjährige Patient muss ferner von Kinderpsychologen bescheinigte Urteilsfähigkeit besitzen, wenn er den Schritt verlangt. Nach Experten-Schätzungen könnte es in Belgien pro Jahr bis zu zehn Fälle geben, vor allem bei Kindern mit Leukämie oder Hirntumoren. Den ursprünglichen Plan, die legale Sterbehilfe auch auf Demenzkranke auszuweiten, ließ der sozialistische Senator Philippe Mahoux fallen.

Gesetzt sorgt für Entsetzen

Vertreter der Kirchen, des Judentums und des Islam im kleinen Königreich laufen Sturm gegen das neue Gesetz, sprechen in einer gemeinsamen Erklärung von einem "Akt des Tötens". Der Vorsitzende der belgischen Bischofskonferenz, André-Joseph Leonard, kritisierte, es sei nicht nachvollziehbar, dass Minderjährige aus zivilrechtlichen Gründen weder heiraten noch ein Haus kaufen könnten, ihnen aber bei einer Entscheidung über Leben oder Tod ein entsprechendes Urteilsvermögen zugetraut werde.

Gerlant van Berlaer zweifelt aufgrund seiner ärztlichen Erfahrung nicht daran, dass Minderjährige über das eigene Weiterleben entscheiden können: "Todkranke Kinder sind durch Schmerz und Leid mental oft reifer als die meisten Erwachsenen", sagt er. Es gebe keinen Grund, Minderjährigen nicht das gleiche Recht auf aktive Sterbehilfe einzuräumen, wie es Erwachsene seit 2002 bereits haben.

Im vergangenen Jahr wählten 1432 Belgier diesen Tod, ein Viertel mehr als noch im Vorjahr. Die Mehrheit waren Flamen, also aus dem nördlichen Landesteil. Fast drei Viertel der Patienten litten an Krebserkrankungen. Nach Umfragen befürworten drei Viertel der Belgier die aktive Sterbehilfe. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass "Euthanasie" in rund vier Prozent der Fälle als offizielle Todesursache firmiert. Anders als hierzulande — wo das Wort an die Massen-Tötung Behinderter durch die Nazis erinnert und deshalb tabu ist — wird es im Nachbarland offiziell gebraucht.

Zuletzt sorgte der Fall von "Nancy" Verhelst für eine breite ethische Debatte über die Sterbehilfe. Sie ließ sich zum Mann ("Nathan") umoperieren. Doch der Eingriff missglückte. Nathans Körper stieß das männliche Geschlechtsteil ab, er wurde inkontinent. Er wolle kein "Monster" sein, begründete der 44-Jährige seine Entscheidung für die Sterbehilfe.

Berlaer mit Verständnis

"Belgien ist ein weltweites Beispiel, wie Euthanasie außer Kontrolle gerät", hieß es danach von der Internationalen Koalition gegen Sterbehilfe. In Europa ist die aktive Sterbehilfe derzeit nur in Belgien, den Niederlanden und Luxemburg erlaubt. Die Kritiker sprechen sich dafür aus, lieber die Palliativ-Medizin voranzutreiben, statt den Tod per Spritze zu vereinfachen. Gerlant van Berlaer versteht die ethischen Einwände gegen die Sterbehilfe, verteidigt sich aber gegen den Vorwurf, die Hürden zur Tötung von Kindern leichtfertig absenken zu wollen. "Ich will nicht Gott spielen", sagt der Vater von zwei leiblichen und fünf Pflegekindern. "Ich will aber nicht das Leiden dem Tode geweihter Kinder, für die es keine Behandlung mehr gibt, gegen ihren Willen verlängern müssen."

Nicht aus dem Kopf geht ihm der Fall eines 15-jährigen Jungen mit unheilbarem Knochenkrebs. Zwei Jahre verbrachte er im Krankenhaus — meist auf der Isolierstation und mit starken Schmerzen. Sein Immunsystem war so schwach, dass nur wenige Besucher im "Astronautenanzug" zu ihm durften. Sein größter Wunsch: Er wollte eine Abschiedsparty mit seiner Freundin, Kameraden und seiner Familie feiern — und dann im Beisein seiner Eltern sterben dürfen. Das Recht wollte es anders. Die Ärzte mussten ihn so lange wie möglich am Leben halten. Er erlag seiner Krankheit — ohne seine Freunde noch einmal gesehen zu haben. "Er durfte nicht so sterben, wie er wollte. Das kann nicht richtig sein", meint Mediziner van Berlaer.

Ob er sich vorstellen könnte, der Todesspritze für seine eigenen Kinder zuzustimmen, wenn sie todkrank wären? "Nein, das kann man sich theoretisch nicht vorstellen", sagt er. "So ein Entschluss kann nur nach unfassbarem Leid entstehen, wenn alle überzeugt sind, dass es das Beste ist."

(RP)
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