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Krankheiten "erschnüffeln": Hunde können auch bei Diabetes warnen

Krankheiten "erschnüffeln" : Hunde können auch bei Diabetes warnen

Die Vierbeiner erspüren zum Beispiel gefährliche Viruserkrankungen. Die Ausbildung kostet allerdings zwischen 4000 und 8000 Euro.

Unvermindert werden sie unruhig. Sie stupsen ihr Herrchen an, legen sich auf den Boden oder bellen. Der Hundebesitzer, der sich eigentlich gut fühlt, weiß nun, was er zu tun hat. Offenbar ist sein Blutzuckerspiegel gefährlich niedrig, er muss zum Schokoriegel oder zur Saftflasche greifen. Speziell ausgebildete Hunde - sogenannte Diabetikerhunde - haben das Leben vieler Betroffener nachhaltig verändert. Es ist lebenswerter, weil sie nicht ständig ihre Werte messen müssen, sondern einen verlässlichen Rettungsassistenten an ihrer Seite haben, der die Warnsignale frühzeitig erkennt.

Nach dem Stand der Forschung reagieren die Tiere auf chemische Prozesse, die sich bei einer Über- oder Unterzuckerung im Körper abspielen und sich im Geruch des Schweißes und Atems des Menschen bemerkbar machen. Dass sich ihr Blutzuckerspiegel verändert, merken manche Betroffene nicht sofort oder nicht schnell genug, bevor Symptome wie Schwindel, Übelkeit oder Bewusstlosigkeit einsetzen. Eine Studie der Universität Irvine in Kalifornien hat ergeben, dass in Atemproben von zehn Kindern, die an Diabetes Typ I leiden, eine zehnfach erhöhte Konzentration des Gases Methylnitrat nachweisbar war. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Hunde auf den so beeinflussten Atemgeruch reagieren.

Eine der Pionierinnen der Diabetikerhunde-Ausbildung in Deutschland ist Simone Luca Barrett, die selbst an der schweren Diabetes-Form Typ I erkrankt ist und in den USA erstmals von der Ausbildung der Hunde zum lebenden Alarmgeber erfuhr. Sie schulte ihren Hund und bietet nun Seminare an, um die Tiere anderer Betroffener für die Symptome zu sensibilisieren. Rund zwei Dutzend solcher Hundeschulen gibt es heute in Deutschland. "Durch meinen Hund kann ich wieder leben", sagt Luca Barrett, die durch ihre Erkrankung stark eingeschränkt war und sogar ihr Studium aufgeben musste.

Allerdings kann längst nicht jeder Hundebesitzer darauf hoffen, auf ständiges Messen verzichten zu können. Nur einer von tausend Hunden sei als Diabetikerhund geeignet, weil er spezielle Voraussetzungen mitbringen müsse, sagt die Trainerin. So gelten Hunde mit größeren Nasen wie Schäferhunde oder Labradore als tendenziell leistungsfähiger, weil sie über mehr Geruchssensoren verfügen. Viel wichtiger aber ist das Sozialverhalten des Hundes. Nur aufmerksame Tiere, die sich auf Belohnungen abrichten lassen und in der Lage sind, schnell auf Kommandos zu reagieren, kommen für die verantwortungsvolle Aufgabe in Frage. Auch nicht jeder Mensch ist per se ein Kandidat für einen Rettungshund. "Erste Voraussetzung ist, dass der Mensch ohnehin eine Affinität zu Hunden hat und ihnen eine artgerechte Haltung ermöglichen kann", erklärt die Diabetikerin und Physiotherapeutin Anja Renfordt dem Fachmagazin Medscape Deutschland.

Sind diese Voraussetzungen gegeben, hängt es vom Kontostand ab, wer seinen Hund anmelden kann. Die Ausbildung, die zwischen drei und zwölf Monate dauert, hat ihren Preis: je nach Länge der Schulung kostet sie zwischen 4000 und 8000 Euro. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht, anders als zum Beispiel in den USA. Da in Deutschland bislang nur Blindenhunde als offizielle Assistenzhunde anerkannt sind, kann auch kein Diabetiker darauf bestehen, seinen Hund mit in ein Restaurant oder ein Flugzeug nehmen zu dürfen, es gilt das Hausrecht. Allerdings findet in vielen Einrichtungen wie Schulen und Behörden bereits ein Umdenken statt.

Während für viele Menschen in Deutschland das Leben mit einem Warnhund für Diabetes oder auch Epilepsie Realität ist, stehen die Wissenschaftler bei einem anderen auf Hunde basierendem Frühwarnsystem noch relativ am Anfang. Sie versuchen, herauszufinden, wie verlässlich die Tiere Krebs, speziell Lungenkrebs, am Atem erkennen können. Eine Studie, an der unter anderem die Lungenchirurgin Enole Boedeker vom Robert-Bosch-Krankenhaus/Klinik Schillerhöhe in Gerlingen beteiligt war, lässt hoffen. "Im Rahmen unserer Studie erreichten damals die vier beteiligten Hunde eine Trefferquote von 71 Prozent. Die Atemproben von Patienten oder gesunden Probanden beinhalten viele Geruchsstoffe, aus denen die Hunde durch das Training lernen müssen, den krebsspezifischen Geruch herauszufiltern", sagt Boedeker.

Sie hält den Ansatz für vielversprechend, allerdings werde die Art der Diagnostik nie anerkannte Praxis sein. Dazu sei die Konditionierung der Tiere zu aufwendig. "Aber Hunde können in der Forschung sicher helfen, eines Tages einen Marker für Krebs aus Atemproben herauszufiltern und Geräte zu entwickeln, die diesen Marker anzeigen."

(RP)