Neurotheologie: Gott im Gehirn - Die Biochemie des Glaubens

Neurotheologie: Gott im Gehirn - Die Biochemie des Glaubens

Leinfelden (rpo). Mit dem Glauben an Gott beschäftigen sich jetzt Wissenschaftler. Sie versuchen Fragen wie "Kann der Glaube an Gott auf neuronale Vorgänge im Gehirn zurückgeführt werden?" oder "Wie sieht die Biochemie religiöser Visionen aus?" zu beantworten. Dieser recht neue, interdisziplinäre Wissenschaftszweig nennt sich Neurotheologie.

Wenn alles, was den Menschen bewegt, seine Grundlage in den biochemischen Vorgängen des Gehirns hat, so der Ansatzpunkt der Forscher, müssten auch religiöse Gefühle und Vorstellungen dort entstehen oder ihre Spuren hinterlassen.

Hinweise auf einen solchen Zusammenhang geben Beobachtungen und Erfahrungen von Epileptikern, schreibt das Wissenschaftsmagazin "bild der wissenschaft" in seiner Juli-Ausgabe. Bestimmte Formen der Epilepsie werden nämlich ungewöhnlich häufig von extremer Religiosität begleitet. In solchen Fällen sind die Anfälle meist auf den linken Schläfenlappen des Gehirns begrenzt und äußern sich nur selten in Krämpfen oder Bewusstlosigkeit.

Die Betroffenen haben vielmehr das Gefühl einer göttlichen Gegenwart, verfallen in Verzweiflung oder auch in Ekstase. Häufig ist ihre gesamte Persönlichkeit verändert, sie sind arrogant, ichbezogen, humorlos und sehen selbst in den trivialsten Dingen kosmische Zusammenhänge. Auch sensorische Störungen wie Lichteindrücke und akustische Wahrnehmungen während der Anfälle sind typisch - Phänomene, wie sie auch viele Religionsstifter oder stark religiöse Persönlichkeiten der Geschichte beschreiben. So hatte der spätere Apostel Paulus beispielsweise eine Lichterscheinung und hörte die Stimme Jesu, Mohammed ließ sich den Koran von einem Engel diktieren und auch Johanna von Orleans handelte auf Befehl einer göttlichen Stimme.

Eine Schlüsselrolle bei diesen Erscheinungen schreiben Psychologen dem Limbischen System im Schläfenlappen zu, das für die Verarbeitung von Gefühlen zuständig ist. Wird es stimuliert - sei es durch Reize von außen oder durch die elektrischen Entladungen während eines epileptischen Anfalls - spürt der Betroffene eine starke emotionale Erregung. Interessanterweise sind bei Schläfenlappen-Epileptikern zwar einige, aber nicht grundsätzlich alle Gefühle übersteigert: Die so genannten Schläfenlappenpersönlichkeiten reagieren hauptsächlich auf religiöse Wörter und Symbole, während zum Beispiel sexuelle Bilder nur sehr gedämpfte Echos hervorrufen. Das deutet nach Ansicht einiger Forscher auf ein "Gott-Modul" im Kopf hin, eine spezielle Gehirnregion für Gotteserfahrungen.

Gestützt wird die wichtige Rolle des Schläfenlappens auch durch Experimente des kanadischen Neurowissenschaftlers Michael Persinger: Ihm gelang es sogar, spirituelle Erlebnisse künstlich hervorzurufen - mithilfe eines umgebauten Motorradhelms, in dem acht Magnetspulen schwache, fluktuierende magnetische Felder rund um den Schläfenlappen erzeugen. Mehr als 1000 Freiwillige haben sich diesen Helm bereits auf den Kopf gesetzt - und mehr als 80 Prozent von ihnen berichteten anschließend von spirituellen Erlebnissen, wie dem Hören von Stimmen, einer vibrierenden oder schwebenden Empfindung oder dem Gefühl einer fremden Präsenz. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Probanden Atheisten waren oder an eine höhere Wesenheit glaubten.

Auch hier spielen wahrscheinlich lokale Nervenüberaktivitäten im Limbischen System eine Schlüsselrolle, berichtet "bild der wissenschaft". Auch Schlafentzug, Sauerstoffmangel oder starke Unterzuckerung können solche Überaktivitäten auslösen. Persinger glaubt sogar, dass viele Berichte von göttlichen Visionen auf Schwankungen des Erdmagnetfelds zurückgeführt werden können, wie sie beispielsweise vor einem Erdbeben auftreten.

Doch auch wenn die Neurotheologen mystische Erlebnisse biologisch beobachten und sogar wissenschaftlich erklären können, bleibt die Bedeutung dieser Befunde eine Frage der Interpretation. Während also Michael Persinger Gott für ein Artefakt des Gehirns hält, sieht der Stuttgarter Pfarrer Helmut A. Müller die Neurotheologie in einem größeren Zusammenhang. Nach Gott zu suchen sei schließlich eine Frage, die immer in Bezug auf das aktuelle Weltbild gestellt würde. So sei es alles andere als überraschend, dass im Zeitalter der Hirnforschung Gott im Gehirn gesucht werde.

Über die eigentliche Existenz Gottes kann die Neurotheologie jedoch seiner Ansicht nach schon aus methodischen Gründen keine Aussage machen. Seine Analogie: "Wale fängt man normalerweise mit Harpunen und Heringe mit Netzen. Wenn nun der Walfänger behaupten würde, dass es in den Weltmeeren keine Heringe gibt, weil er ein Leben lang keine Heringe gefangen hat, würde er sein Instrument, seine Methode des Fischfangs, schlicht überschätzen."

(afp)
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