Handtransplantationen: Fühlen und Greifen mit den Händen eines Toten

Handtransplantationen: Fühlen und Greifen mit den Händen eines Toten

Die Verpflanzung von Händen und Armen etabliert sich immer mehr. Doch der Erfolg der komplizierten Operation hängt nicht nur vom Können der Ärzte ab: Für manche Patienten bleibt die neue Hand für immer ein Fremdkörper. Und auch in der Familie kann es Probleme geben.

Theo Kelz ist ein glücklicher Motorradfahrer und ein Vorzeige-Patient. "Mir geht es ausgezeichnet", sagt der 60-Jährige. Er ist seit kurzem von einer Motorradtour zurück, die ihn von seiner Heimat in Kärnten bis nach Kapstadt in Südafrika geführt hat. Was eine Tortur sein kann, ist für Kelz wie eine Therapie. "Da werden die Muskeln richtig gut durchblutet."

Vor 20 Jahren hat der Polizist in Österreich bei der Explosion einer vom Rechtsextremisten Franz Fuchs gebastelten Rohrbombe beide Hände und den linken Unterarm verloren. Sechs Jahre später wurden ihm in einer äußerst aufwendigen Operation im Universitätsklinikum Innsbruck die Gliedmaßen eines Toten transplantiert.

Weltweit bisher rund 85 Transplantationen

Weltweit haben bisher etwa 85 Patienten neue Hände, Unterarme oder Arme bekommen, geht aus einer Übersicht der John-Hopkins-Klinik in Baltimore in den USA hervor. Der Erfolg wird dabei maßgeblich von der Einstellung des Patienten bestimmt.

"Es waren von Anfang an meine neuen Hände", unterstreicht Kelz mit Betonung auf "meine". Auch seine Frau, seine Tochter, seine Freunde hätten kein Problem damit gehabt, dass er sie mit eigentlich fremden Händen berühre. Einer der ersten Patienten, die diesen Schritt wagten, war höchst unglücklich. Zweieinhalb Jahre nach der Operation im französischen Lyon wurden dem Neuseeländer Clint Hallam die Hände wieder amputiert, weil er sie als Fremdkörper empfunden hatte.

Die OP dauert 20 Stunden

Der Aufwand ist jeweils enorm. "Für zwei Hände lautet die Formel: 20 Spezialisten, 20 Stunden Operation", sagt Prof. Stefan Schneeberger, Leiter der Transplantationschirurgie an der Innsbrucker Uniklinik.

Dabei stehe der Chef kaum am OP-Tisch, sondern koordiniere eher wie ein Fußballtrainer den Einsatz und die einzelnen Schritte. "Wer erschöpft ist, wird ausgewechselt." Meist unterm Mikroskop müssen Gefäße, Muskeln und Sehnen, große Nerven und viele Nervenäste verbunden werden. "Der Goldstandard ist, wenn es gelingt, bei den Nervenästen die sensorischen und motorischen Fasern jeweils miteinander zu verbinden", sagt Schneeberger.

Der 41-jährige Transplantations-Spezialist hat auch an renommierten Kliniken in den USA gearbeitet und erlebt, wie zu Zeiten des zweiten Irak-Kriegs plötzlich Mittel zur Verfügung standen, um einigen Kriegsversehrten wieder zu Händen zu verhelfen. "Fotos von Handtransplantationen zeigen, dass sich der Staat kümmert."

Die Einstellung des Patienten ist entscheidend

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Doch ohne die richtige Einstellung von Patient und nicht zuletzt Familie steht der Erfolg auf der Kippe. "Wir müssen viel mehr als bisher das Umfeld in die Analyse miteinbeziehen", sagt der Psychologe Martin Kumnig. Er hat in Innsbruck, einem Zentrum solcher Operationen mit bisher 100-prozentiger Erfolgsquote bei allen fünf Patienten, ein gewichtiges Wort mitzureden.

Ohne sein "grünes Licht" gibt es keine OP. "Hat die Ehefrau ein Problem mit den neuen Händen? Hat der Patient den Willen und die Ausdauer, mehr als 1000 Stunden mühsamste und intensivste Rehabilitation durchzustehen?" Kelz hat bisher 5000 Stunden trainiert und wieder trainiert.

Im Gegensatz zu Organ-Transplantationen, die selbstredend ein neues Leben schenken, muss die Entscheidung für eine neue Hand gerade bei einseitigem Ersatz genau überdacht sein. "Es gibt sehr gute Prothesen, viele Betroffene sind zufrieden", sagt Kumnig.

Die Operation kostet 250.000 Euro

Transplantation bedeute das lange Einnehmen von Medikamenten, die eine Abstoßung der Hand verhindern sollen. Recht leicht fiel die Entscheidung in Innsbruck bei einem blinden Patienten. Für ihn spielte es eine immense Rolle, wieder fühlen zu können.

Die Operation, die schätzungsweise um die 250.000 Euro kostet, wird in Österreich nach Einzelfallprüfung von der Krankenkasse bezahlt. Weltweit leben wohl mehrere Hunderttausend Menschen ohne Hand oder Hände. Durch Unfälle verlieren allein in der Schweiz jedes Jahr 15 bis 20 Menschen nach einer Übersicht des Inselspitals Bern eine Hand. In Deutschland wurde bisher nur einmal ein Patient operiert: 2008 bekam ein Landwirt im Münchner Klinikum rechts der Isar zwei neue Arme.

Die weltweit 16 Transplantations-Zentren, die ihre Erkenntnisse und Fortschritte untereinander austauschen, machen auf sehr unterschiedliche Art und Weise auf ihr Können aufmerksam. In Australien werde mit dem rührenden Foto eines Opas geworben, der seine Enkelin wieder auf den Armen tragen könne, in Polen werde dagegen auf Fotos ein Waffennarr gezeigt, der seine geliebten Pistolen wieder bedienen könne, wundert sich Kumnig.

Die Hand- und Arm-Transplantationen bringen aus Sicht von Schneeberger auch wichtige Erkenntnisse. "Wir lernen viel über die Architektur von Gewebe und wie dort die Abstoßung funktioniert." Die eigentliche Sensation sei, wie nahtlos das Zentralnervensystem die neuen Gliedmaßen integriere.

Für Kelz, der nach seinem harten Schicksal als Spendensammler gegen den Hunger in der Welt unterwegs ist, hat sich der Aufwand gelohnt. "Nur wenn es kalt ist, kann ich nicht so gut das Hemd zuknöpfen."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ärzte verpflanzen Hände von Toten

(dpa)
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