Fachberaterin für sexuell übergriffige Kinder im Gespräch: „Wenn die Kinder nicht freiwillig handeln, ist eine Grenze überschritten“

Fachberaterin für sexuell übergriffige Kinder im Gespräch: „Wenn die Kinder nicht freiwillig handeln, ist eine Grenze überschritten“

In einer Kita in Köln haben zwei Kinder sexuelle Übergriffe auf andere Kinder verübt. Ulrike Kaiser ist als Beraterin bei der Diakonie Düsseldorf auf solche Fälle spezialisiert und erklärt, worauf Eltern achten sollten.

In einer Kölner Kita wurden ein Junge und ein Mädchen gegenüber vier anderen Mädchen sexuell übergriffig. Gibt es Warnsignale, an denen Eltern oder Erzieher erkennen können, dass Kinder sich so verhalten?

Ulrike Kaiser In der Regel fällt Eltern oder Erziehern etwas auf. Allgemeine Warnsignale kann man nicht aufzählen. Denn die Kinder verhalten sich aus sehr unterschiedlichen Gründen so.

Kita-Kinder sind ja noch sehr klein. Wie kommt es dazu, dass sie sexuelle Übergriffe begehen?

Kaiser Meistens wiederholen sie ein Verhalten, das sie aus einer anderen Situation kennen.

Ulrike Kaiser ist Fachberaterin im Zentrum für Familien mit Gewalterfahrung der Diakonie in Düsseldorf. Foto: Ulrike Kaiser

Sie sind also selbst schon Opfer sexueller Gewalt geworden?

Kaiser Das kann sein. Bei einem Teil der Kinder ist das so. Bei einem weitaus größeren Teil handelt es sich aber um ein Verhalten, das sie beispielsweise in Filmen gesehen haben, die nicht für sie gedacht waren. Der größte Teil der Kinder probiert aber einfach etwas aus. Das ist das, was wir unter Doktorspielen verstehen.

Ab wann ist die Grenze zwischen Spiel und Übergriff zwischen Kindern überschritten?

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Kaiser Bei Doktorspielen wollen die Kinder einfach mal gucken, wie die Scheide aussieht oder wie sich ein Penis anfühlt. Sie probieren das gemeinsam aus und denken sich gar nicht viel dabei. Wenn Kinder aber nicht freiwillig handeln, dann ist ganz klar eine Grenze überschritten. Dann entsteht ein Machtgefälle zwischen den Kindern und es wird Druck ausgeübt. Wenn ein Kind beispielsweise in einer Toilette eingesperrt wird und man es nicht mehr heraus lässt, dann ist das ein Übergriff.

Haben Kinder eine Sexualität?

Kaiser Ja. Aber man darf die nicht mit der von Erwachsenen vergleichen. Erwachsene wollen Befriedigung erleben, diesen Drang haben Kinder nicht.

Wie sollten Eltern von Betroffenen mit ihren Kindern umgehen?

Kaiser Meiner Erfahrung nach wollen die meisten Kinder einfach, dass es vorbei ist. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern ihren Kindern sagen, dass sie sich darum kümmern, dass so etwas nicht wieder passiert. Sie sollten ihre Kinder außerdem fragen, wie es ihnen geht und ob es für sie in Ordnung ist, weiterhin in den Kindergarten zu gehen. Es kann sein, dass das Kind zu viel Angst davor hat. Eltern und Erzieher sollten außerdem besprechen, wie mit der Situation umzugehen ist. Es kann sein, dass die Kinder nicht mehr in derselben Kita-Gruppe sein sollten. Wenn die Kinder Angst haben, hilft es ihnen außerdem oft, wenn sie abends länger in den Schlaf begleitet werden.

Kommt es vor, dass das Verhalten von Kindern fehl gedeutet wird, weil Eltern sich selbst nicht mehr richtig an ihre Kindheit erinnern?

Kaiser Ja, das erlebe ich häufig. Ich kann mich etwa an eine Mutter erinnern, die ganz irritiert darüber war, dass ihr Kind so gerne nackt durch die Wohnung rannte. Kinder haben aber noch nicht das Schamgefühl von Erwachsenen. Für sie ist diese Nacktheit oftmals ein Zeichen dafür, dass sie sich wohlfühlen. Deshalb ist es wichtig, sich in einer solchen Situation an eine Beratungsstelle wie unsere oder auch an den Verein Zartbitter in Köln zu wenden. Es grenzt oftmals an Detektivarbeit herauszufinden, was bei den Kindern wirklich los ist. Das können nur ausgebildete Kindertherapeuten.

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