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Selbstverwirklichung in sozialen Netzwerken: Facebook begünstigt psychische Erkrankungen

Selbstverwirklichung in sozialen Netzwerken : Facebook begünstigt psychische Erkrankungen

Facebook hat nach Ansicht von Experten den Druck zur Selbstverwirklichung erhöht. Der ständige Vegleich mit anderen Menschen und die Bewertungen von Freunden können sogar psychische Krankheiten begünstigen.

Der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), Rainer Richter, hat Kritik an sozialen Internet-Netzwerken geäußert. "Facebook begünstigt eine gesellschaftliche Entwicklung, die dazu beiträgt, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen ansteigt", sagte er unserer Redaktion. Alle Informationen seien sofort verfügbar - alles was man macht oder sich wünscht, kann sofort mit anderen Menschen verglichen oder von anderen Menschen bewertet werden. Der Druck zur Selbstverwirklichung habe sich mit dieser simultanen und globalen Vergleichbarkeit erhöht. In sozialen Netzwerken wie Facebook kann man sekündlich eine Status-Abmeldung abgeben und zur gleichen Zeit sehen, ob andere etwas noch Besseres aus ihrem Leben machen.

"Viele Menschen geben sich selbst die Schuld, wennn sie den eigenen oder fremden Ansprüchen nicht genügen", sagt Rainer Richter. "Die Erfolgsgeschichten der anderen scheinen dann zu belegen, dass mit der eigenen Leistungsfähigkeit etwas nicht stimmt." Daraus könne eine Spirale von Überforderung und immer geringerer Leistungsfähigkeit entstehen, die schließlich in einer Depression ende - oder eben im Burnout.

Burnout ist oft Zusatz-Kodierung

Zudem würden Ärzte seit einigen Jahren dazu neigen, bei einer Erkrankung auf den beruflichen Kontext hinzuweisen und diesen als "Burnout" zu erfassen. Während die Zahl der Burnout-Erkrankungen im vergangenen Jahr bei 15 Prozent lag, schoss sie als Zusatz-Kodierung bei anderen Diagnosen auf 85 Prozent. "Dieser Zusatz zu einer bestehenden Krankheit soll darauf hinweisen, dass es einen beruflichen Kontext gibt", sagt Rainer Richter.

Durch eine kurzfristige Krankschreibung könne dafür gesorgt werden, dass sich eine manifeste Erkrankung gar nicht erst entwickelt, man durch zwei oder drei Wochen Pause "sozusagen prophylaktisch arbeitet", sagt Richter. "Die Hoffnung besteht darin, dass man sich in dieser Zeit von der Erschöpfung erholt, die man durch den Anspruch im Beruf und an sich selber erleidet." In dieser Zeit dürfe man aber nicht "die Beine hochlegen, sondern sie nutzen, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen".

Das Problem: Gerade in ländlichen Gebieten gibt es in Deutschland nicht so viele Psychotherapeuten wie es Bedarf an ihnen gibt. "Wir brauchen etwa 4000 neue Sitze von Psychotherapeuten", fordert der BPtK-Präsident. "Allerdings ist die Versorgung damit immer noch nicht optimal." Es würde aber helfen, um zumindest die Versorgungslücke auf dem Land langsam zu schließen.

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Psychische Krankheiten können chronisch werden

Doch auch die Wartezeit von im Durchschnitt drei Monaten ist Richter ein Dorn im Auge. "Das ist viel zu lang, denn eine solche Erkrankung wächst sich nicht aus", sagte er unserer Redaktion. "Sie chronifiziert sich in einem solchen Zeitraum sogar - und somit schaffen wir uns unsere psychischen Erkrankungen selber."

In der Statistik, die die BPtK in Berlin vorstellte, sind all die Fälle erfasst, in denen Psychotherapeuten im vergangenen Jahr den Zusatz "Burnout" notiert haben. "Ich will aber nicht ausschließen, dass Burnout als chic gilt und Patienten im Gespräch mit einem Therapeuten gleich von selbst davon sprechen", sagte er unserer Redaktion. "Burnout ist aber eine sehr intensive Erschöpfung, durch die der Patient hochgefährdet ist, aber noch keine manifeste Erkrankung hat."

Richter konnte zudem nicht ausschließen, dass es eine Gefahr gebe, dass die Diagnose "Burnout" für Arbeitnehmer eine Rechtfertigung vor dem Arbeitgeber ist. "Sachlich wäre das falsch", sagt er zwar. "Um aber das Positive an diesem Gedanken zu sehen: Dann merkt ein Arbeitgeber, der an der Gesundheit seiner Angestellten interessiert ist, dass die Erschöpfung eines Mitarbeiters nicht an einer Ehekrise oder anderen privaten Problemen liegt, sondern es einen direkten Zusammenhang mit seiner Arbeit gibt."

So würden Arbeitgeber zum Nachdenken angeregt, ob es in einem Bereich in ihrem Haus Probleme gebe.

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(spo)