Lückenhafter Nichtraucherschutz: Deutsche Ärzte fordern einheitliche Regel

Lückenhafter Nichtraucherschutz : Deutsche Ärzte fordern einheitliche Regel

Spanien ist mit einem neuen Gesetz am Sonntag von der letzten Raucher-Bastion in Westeuropa zu einem Vorreiter beim Nichtraucherschutz aufgestiegen. Mediziner in Deutschland sprechen sich für das "spanische Modell" aus. Sie beklagen, dass es bundesweit keine einheitliche Regel gebe.

Künftig gilt in Spanien ein vollständiges Rauchverbot in sämtlichen Bars und Restaurants. Auf Spielplätzen sowie vor Schulen und Krankenhäusern sind Zigaretten ab sofort sogar im Freien tabu. Die Regelungen gehen damit deutlich weiter als in Deutschland. Mediziner empfehlen, dem spanischen Beispiel schnellstmöglich zu folgen.

Auch in der Bundesrepublik sind die Gesetze gegen das Qualmen in Gaststätten und anderen öffentlichen Räumen seit dem Jahr 2007 verschärft worden. "Wir haben eindeutige Verbesserungen", sagt Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. "Durch die zahlreichen Ausnahmeregelungen ist der Nichtraucherschutz bei uns allerdings inkonsequent und noch immer lückenhaft".

Als größtes Manko bezeichnet die Medizinerin, dass in Deutschland noch immer ein bundesweit einheitliches Gesetz fehlt. Während man in Bayern nicht weit vom neuen spanischen Modell entfernt sei, würden die Bürger in anderen Bundesländern noch immer hohen, und vor allem vermeidbaren gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. "Spanien ist nicht vor der Tabaklobby eingeknickt", sagt Pötschke-Langer. Insgesamt zieht sie dennoch auch für Deutschland ein positives Fazit: Seit hierzulande die Rauchverbote bestehen, sei die Belastung mit Tabakrauchpartikeln, die tief in die Lunge eindringen können, um rund 80 Prozent gesunken.

Risiko wird zunehmend erkannt

Einen eindeutigen Erfolg sieht Pötschke-Langer in dem "Bewusstseinswandel", den die intensiven Debatten der vergangenen Jahre in der Bevölkerung bewirkt hätten. Die "soziale Akzeptanz" qualmender Zigaretten habe spürbar abgenommen. "Passivrauchen wird nicht mehr nur als Belästigung empfunden, sondern als ernst zu nehmendes Risiko."

Einer vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Auftrag gegebenen Studie zufolge wünschen sich heute fast drei Viertel der Deutschen (74,4 Prozent) rauchfreie Gaststätten. Im Jahr 2005 waren es den Angaben zufolge noch 52,9 Prozent. "Es gäbe also kaum eine populärere Maßnahme, die von der Politik getroffen werden könnte, als ein vollständiges Rauchverbot", sagt Pötschke-Langer, die als unabhängige Expertin seit 1999 auch die Weltgesundheitsorganisation WHO zum Thema berät.

Keine Verlagerung ins Private

Anders als etwa von der Tabaklobby häufig behauptet, führe eine Verschärfung der Gesetze auch nicht zu einer Verlagerung des Rauchens ins Private. Laut einer 2010 vom Krebsforschungszentrum veröffentlichten Studie ist gar das Gegenteil der Fall: In mehreren europäischen Ländern habe sich nach Einführung einer rauchfreien Gastronomie ein Rückgang der häuslichen Tabakrauchbelastung von Kindern eingestellt. Aufgrund des eingetretenen "Bewusstseinswandels" würden demnach auch in Deutschland seit Inkrafttreten der Rauchverbote immer mehr Raucher auch zu Hause auf Zigaretten verzichten.

Für verlässliche Zahlen über den Rückgang der durch das Rauchen ausgelösten Krankheiten ist es Pötschke-Langer zufolge nach so wenigen Jahren in Deutschland noch zu früh. Die entsprechenden Risiken seien jedoch so sicher belegt, wie in kaum einem anderen Bereich: Allein in Deutschland würden dem Rauchen noch immer jeden Tag rund 300 Menschen zum Opfer fallen.

Hier geht es zur Infostrecke: So ist der Nichtraucherschutz in den EU-Ländern geregelt

(csh/RPO)