Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizit, Übergewicht: Ärzte warnen vor neuen Kinderkrankheiten

Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizit, Übergewicht : Ärzte warnen vor neuen Kinderkrankheiten

Die Kinder- und Jugendärzte im Land schlagen Alarm. Immer mehr Kinder leiden an psychischen Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten. In Berlin wollen sie am Mittwoch ihre Forderung nach umfassender Vorsorge erklären.

Kinderkrankheiten sind heute nicht mehr Masern, Röteln und Mumps — vielmehr heißen sie Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizit und Übergewicht. Die Diagnosen der Kinderärzte haben sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschoben, wie ein Bericht der Barmer GEK zeigt. Bei jedem dritten Kind im Vorschulalter werden laut dem Arztreport der Krankenkassen Entwicklungsstörungen bei der Sprache festgestellt.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) will die Entwicklung mit mehr und umfassender Vorsorge eindämmen. Die Pädiater wollen heute in Berlin ihre Forderung vorstellen. "Wir würden gerne bei allen Vorsorgeuntersuchungen auch Empfehlungen zu Ernährung, Bewegung, Bildung und zum Thema Gewalt geben", sagt der nordrhein-westfälische Sprecher des BVKJ, Hermann Josef Kahl.

Die Beratung müsse gesetzlich verankert werden, überprüfbar, einheitlich und effektiv sein, betonte Kahl. "Wir machen sechs Millionen Vorsorgeuntersuchungen jährlich. Dabei können wir enorm viele Kinder und Eltern erreichen", sagt Kahl. Ideal wäre es, wenn die Ärzte zudem mit Schulen und Kindergärten kooperieren könnten, um die Gesundheitsinformationen zu verbreiten.

Mangelnde Anerkennung, zu hoher Leistungsdruck

Nach Expertenschätzungen ist etwa jedes fünfte Kind von gesundheitlichen Beeinträchtigungen betroffen. Vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien laufen Gefahr, eine der neuen Kinderkrankheiten zu entwickeln. Dies bestätigt auch Kinderarzt Kahl aus seiner praktischen Erfahrung.

Wenn Eltern mit ihren Kindern in die Praxis kommen, geht es immer weniger um Infektionskrankheiten und immer häufiger, um Bauchschmerzen, Übelkeit und Schlaflosigkeit. "Dahinter stecken oft Probleme in der Schule, mangelnde Anerkennung oder ein zu hoher Leistungsdruck", erklärt Kahl.

Die Kinder- und Jugendärzte fordern zudem, die gesetzlich vorgesehenen Vorsorgeuntersuchungen auch auf die Sechs- bis 13-Jährigen auszudehnen. Bislang werden diese Untersuchungen nur von einzelnen Krankenkassen angeboten. Die Bundesregierung erwägt im Rahmen der geplanten Präventionsstrategie, künftig mehr Vorsorgeuntersuchungen für Kinder im Grundschulalter zu etablieren.

Trotz der erdrückend hohen Zahl an Diagnosen mahnt der stellvertretende Chef der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker zu Augenmaß: Die Verantwortung für die Krankheiten der Kinder dürfe nicht delegiert, die Kindheit nicht pathologisiert werden. "Das gilt in erster Linie für Eltern und Erzieher, aber auch für Ärzte und Therapeuten."

20 Prozent der ADHS-Diagnosen falsch

Einige Wissenschaftler bewerten die Diagnostik der neuen Kinderkrankheiten kritisch. Beim deutlichen Anstieg der ADHS-Diagnosen gehen Forscher beispielsweise von zahlreichen Fehlern aus. "Wir haben eine Überdiagnostizierung, etwa 20 Prozent der ADHS-Diagnosen sind falsch", sagt Silvia Schneider, die an der Uni Bochum die Diagnostik untersucht hat. "Für das einzelne Kind bedeutet die Fehldiagnose meistens, dass es unnötigerweise Medikamente nehmen muss."

"Vor allem Jungen sind davon betroffen", erklärt Silvia Schneider. In ihrer Studie hatten Psychologen und Psychiater identische Fallbeschreibungen bekommen — bei Jungen entschieden die Diagnostiker dreimal so häufig auf ADHS wie bei Mädchen. "Für die Diagnose sollte man sich deshalb sehr eng an die internationalen Diagnosekriterien halten, da wird zu häufig noch nach Faustregeln entschieden", sagt Schneider und empfiehlt deshalb mehr Fortbildungen zu dem Thema.

Ein weiterer Grund für die Fehldiagnosen sei nämlich, dass ADHS als Diagnose im Gedächtnis der Ärzte und Psychotherapeuten präsenter sei als andere psychische Störungen bei Kindern.

Zu den Dingen, die ADHS begünstigen, gehören neben genetischer Veranlagung auch soziale Faktoren, sagt Schneider. So begünstige großer Stress und wenig Struktur in der Familie das Ausbrechen der Krankheit.

(RP/anch/csi)
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