Ungewöhnliches Job-Angebot: 30 Tage im Bett für die Wissenschaft?

Ungewöhnliches Job-Angebot : 30 Tage im Bett für die Wissenschaft?

Wie wirkt sich Schwerelosigkeit auf das Auge aus? Das will das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt herausfinden - und sucht Studienteilnehmer, die einen Monat lang im Bett liegen sollen. Wie das funktioniert, erklärt Studien-Koordinatorin Andrea Nitsche.

Frau Nitsche, für die Bettruhestudie müssen die Probanden 30 Tage lang dauerliegen, um Effekte der Schwerelosigkeit zu testen. Aber was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Nitsche Die Bettruhe allein schafft natürlich nicht entsprechende Bedingungen. Aber die Teilnehmer liegen die ganze Zeit in einer Sechs-Grad-Kopftieflage, und dadurch schaffen wir für den Körper eine weltraumähnliche Situation. Die Muskulatur baut ab, die Flüssigkeiten verschieben sich kopfwärts, es kommt zu einem Anstieg des Drucks im Kopf und somit auch zu einer Verschlechterung der Sehschärfe. In vorherigen Bettruhestudien wollten wir den Muskel- und Knochenschwund untersuchen. Dieses Mal liegt der Fokus auf den Augen.

Wieso erst jetzt?

Nitsche Weil die Veränderungen am Auge noch ein relativ neues Thema sind. Außerdem gibt es die technischen Verfahren für die nötigen Untersuchungen noch nicht lange.

Andrea Nitsche koordiniert die Bettruhestudie zum Thema Augen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Foto: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Welche Untersuchungen werden denn gemacht?

Nitsche Insgesamt sind die Teilnehmer acht Wochen hier auf der Station. In den ersten zwei Wochen machen wir Untersuchungen zum Ist-Zustand. In den zwei Wochen nach den 30 Tagen machen wir die gleichen Tests nochmal und vergleichen die Ergebnisse. Außerdem gibt es Untersuchungen, die während der Bettruhetage gemacht werden.

Haben Sie ein paar Beispiele?

Nitsche Es gibt eine Augendruckmessung, eine Ultraschalluntersuchung, 3D-Aufnahmen vom Auge werden gemacht, die Sehschärfe untersucht. Aber während der 30 Tage werden auch psychologische Tests gemacht, um sicherzustellen, dass die Teilnehmer auch mit der Sitiuation zurecht kommen.

Und die Teilnehmer bleiben wirklich die ganze Zeit liegen?

Nitsche Ja, sie dürfen wirklich nicht aufstehen. Die Regel ist: Es muss immer mindestens eine Schulter auf dem Bett liegen bleiben. Deswegen haben wir uns natürlich einiges einfallen lassen. Es gibt Bettpfannen und Urinflaschen. Ein Monitor über dem Bett macht es möglich, den Fernseher anzustellen, und man kann mit einer Tastatur einen Computer bedienen. Und natürlich wird den Teilnehmern auch gebracht, was sie brauchen.

Ist der Tag denn irgendwie strukturiert?

Nitsche Auf jeden Fall. Sechsmal am Tag gibt es etwas zu essen, weil im Liegen nicht so viel auf einmal aufgenommen werden kann. Dann kommt der Arzt mindestens einmal am Tag vorbei und es werden täglich Untersuchungen gemacht. Die Teilnehmer haben also schon einiges an Programm.

Sie haben schon mehrere solcher Studien gemacht. Wie fühlen sich die Teilnehmer beim Dauerliegen?

Nitsche Anfangs kann es durch den Liegewinkel zu Kopfschmerzen kommen. Außerdem kann das viele Liegen zu Verspannungen führen, das kennt man ja aus dem Alltag, wenn man mal krank ist. Manche haben auch Verdauungsprobleme. Aber das sind Kleinigkeiten, auf die sich der Körper bei den meisten schon nach 24 Stunden eingestellt hat. Ab dann geht es besser.

Und nach der Studie?

Nitsche Es gilt bei der Muskulatur die Regel "use it or loose it", also: nutze sie, oder sie geht verloren. Die Muskeln bauen etwas ab und die Teilnehmer fühlen sich matt. Aber meiner Erfahrung nach deutlich weniger als man vermuten würde. In den zwei Wochen Nacharbeit bekommen sie dann auch spezielle Physiotherapie und gehen recht fit wieder nach Hause.

Ist die Studie gefährlich?

Nitsche Nein. Teilnehmen können nur Menschen, die wirklich körperlich und psychisch gesund sind, und das stellen wir beim Auswahlverfahren durch viele Untersuchungen sicher. Alle Untersuchungen, die wir während der Studie machen, sind durch ein mehrköpfiges internationales Forscherteam gesichert. Wir wollen natürlich, dass alle am Ende gesund nach Hause gehen.

10.000 Euro Aufwandsentschädigung für zwei Monate - das ist eine stattliche Summe. Wie kommt das?

Nitsche Ich finde auch, dass das nicht wenig Geld ist. Aber ich höre immer wieder, dass es zu wenig sei. Es kommt natürlich darauf an, was die Menschen sonst so verdienen. Für einen Studenten ist es viel Geld. Für einen Menschen, der voll im Berufsleben steht, mag das anders sein. Wir dürfen auch nicht mehr Geld anbieten, weil das sonst gegen die Auflagen der Ethikkommission verstößt, nach denen ein Teilnehmer nicht nur aus Geldgründen mitmachen soll. Aber man muss bedenken, es sind ja auch zwei Wochen "all inclusive". Mahlzeiten und Getränke sind ja enthalten und man kann seine Wohnung in der Zeit unterviermieten. Also ich glaube schon, dass am Ende etwas dabei herumkommmt.

(ham)
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