Ärzte sind sauer Neue Pannen beim E-Rezept – und das meist morgens

Düsseldorf · Zwischen acht und neun Uhr kommt es oft zu Ausfällen. Ursache sind dieses Mal Probleme mit den Heilberufsausweisen. Ärzte sorgen sich um die Versorgung der Patienten. Das rosa Papierrezept wird weiter gebraucht.

Antje Höning
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 Seit Jahresanfang ist das E-Rezept Pflicht.

Seit Jahresanfang ist das E-Rezept Pflicht.

Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam

Das elektronische Rezept bereitet Praxen, Apotheken und Patienten neuen Ärger. „Zurzeit kommt es wiederkehrend zu technischen Beeinträchtigungen beim Anbieter Medisign. Als Folge kann es sowohl zu Problemen beim Erstellen in der Praxis und Einlösen in der Apotheke von E-Rezepten kommen“, räumte die Gematik am 12. März ein. Sie ist die zentrale IT-Gesellschaft im Gesundheitswesen. Es gebe auch Probleme beim Einlesen von Daten der elektronischen Gesundheitskarten. „Aktuell treten die Probleme insbesondere in den Morgenstunden zwischen acht und neun Uhr Uhr auf.“ Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte das E-Rezept im August als Teil einer digitalen „Aufholjagd“ gefeiert. Tatsächlich aber kommt es aus verschiedenen Gründen immer wieder zu Pannen und Ausfällen.

Wie reagieren Gematik und Ärzte?

Der hilflose Rat der Gematik: „Ein mehrfaches Stecken der Versichertenkarte in der Apotheke oder ein erneuter Versuch nach wenigen Minuten können zwischenzeitlich helfen.“ Der für die Störung verantwortliche Anbieter Medisign arbeite mit Hochdruck an eine Lösung. Medisign ist einer von vier zugelassenen Anbietern für elektronische Heilberufsausweise, die Ärzte zum Signieren der Rezepte benötigen.

Die Ärzte sind sauer. „Fast täglich kommt es zu mehrstündigen Ausfällen bei der Erstellung von E-Rezepten und beim Einlesen der elektronischen Gesundheitskarte. Der Fehler liegt dabei nicht auf Seiten der Praxen oder Apotheken, es ist ein Fehler im Betrieb der Dienste, der damit in der Verantwortung der Betreibergesellschaft Gematik liegt“, sagte Jens Grothues vom Hausärzteverband Westfalen-Lippe. „Diese massiven Störungen beeinträchtigen die Patientenversorgung.“ Dadurch würde das Vertrauen der Patienten, Ärzte und Apotheker „in die staatlich verordnete digitale Struktur verspielt“. Es sei unzumutbar, so zu arbeiten. Die Gematik müsse rasch für Besserung sorgen.

Wie oft gab es schon Pannen beim E-Rezept?

Am 19. Februar seien ab 15.20 Uhr mitten in der Sprechstundenzeit zentrale Server der Gematik ausgefallen, berichtete Thomas Preis, Chef des Apothekerverbands Nordrhein. Die Gematik ist der zentrale IT-Dienstleister des Gesundheitswesens. Betroffen waren laut Preis vor allem Versicherte der DAK, IKK, KKH, Knappschaft und Landwirtschaftlichen Krankenkasse. „Es gab Störungen beim Ausstellen und Abrufen von E-Rezepten.“ Erst um 16.45 Uhr sei die Beseitigung der Störung bekannt gegeben worden.

Wenige Tag zuvor hatte es bereits eine bundesweite Störung gegeben. Die Ursache habe in einem zentralen Dienst gelegen, der zum Verantwortungsbereich der Arvato Systems gehöre, so die Gematik. Die Folge: Am 14. Februar konnten E-Rezepte von 10 bis 11 Uhr weder von Praxen ausgestellt noch in Apotheken eingelöst werden, so die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein. Leider habe die Gematik ihre Meldung erst gut eine Stunde später veröffentlicht, was für unnötige Irritationen gesorgt habe. Die Praxen griffen auf rosa Papierrezepte zurück. „Wir mussten Patienten wegen ihres Rezepts entweder vertrösten oder alt hergebracht die Rezepte ausdrucken“, sagte damals Oliver Funken, Chef des Hausärzteverbands Nordrhein. „So etwas ist natürlich zur Infektionshochzeit für die Praxen eine zusätzliche, ärgerliche Belastung.“

Was ist das Problem beim E-Rezept?

Seit Jahresanfang ist das E-Rezept in den Praxen für Kassenpatienten Pflicht. Ärzte und Apotheken hatten schon früh gewarnt, dass das System womöglich nicht ausreichend erprobt sei. Die KV Nordrhein nannte den Start des E-Rezeptes insgesamt „akzeptabel“, weist aber auf die Probleme hin. Ein Problem sind die Datenmengen: „Wir hörten zuletzt von gelegentlichen zeitlichen Verzögerungen der E-Rezept-Prozesse aufgrund der nun immensen Datenmengen in der IT, der elektronischen Rezept-Signierung und des Versands“, erklärte der KV-Sprecher.

Das andere Problem ist die verzögerte Signatur. Nicht alle Ärzte signieren das Rezept sofort, sondern nutzen die Stapel-Freigabe. „So werden die Rezepte gebündelt erst mittags oder sogar nur einmal täglich abends freigegeben“, erläutert Preis. Die Folge: Wenn der Patient direkt nach dem Arzt-Besuch in die Apotheke geht, kann diese das Rezept nicht abrufen. „Patienten müssen so warten, um an die notwendigen Arzneimittel zu kommen - teilweise bis zu 24 Stunden“, sagt der Apotheker. „Das kann zu gefährlichen Situationen führen, so kann eine dringend notwendige Arzneimitteltherapie nicht rechtzeitig beginnen oder nur mit zu langen Unterbrechungszeiten fortgeführt werden.“

Wie kann das E-Rezept besser werden?

Laut einer Befragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) nutzen 10 Prozent der Praxen die Stapel-Signatur. Dabei gebe es für die elektronische Unterschrift die Komfortsignatur, die so zügig funktioniere wie die Unterschrift per Stift, so Preis weiter. Ärzteverbände hätten dazu mehrmals informiert - aber offenbar halten sich nicht alle Praxen daran. Die KV rät daher: „Patienten wird empfohlen, sich bei ihrer Praxis zu informieren, wann ihr E-Rezept auf dem Fachdienst der Telematikinfrastruktur bereitgestellt wird.“

Auch die KV Westfalen sieht Reformbedarf: Die technischen Dienste von Bund und Software-Herstellern müssten lückenlos verfügbar sein, vor allem im Notdienst. „Zentrale Störungen müssen hier schneller kommuniziert werden“, so der KV-Sprecher. Auch müssten die Krankenkassen endlich ihre Informationsoffensive starten, damit die Aufklärung der Patienten nicht zulasten der kostbaren Behandlungszeit gehe. Drittens kritisiert die KV das Zuweisungsverbot: Das bedeute, dass der Heimpatient dem Arzt grundsätzlich nicht erlauben dürfe, das E-Rezept direkt an die heimversorgende Apotheke zu übermitteln.

Für den Apothekerverband Nordrhein fällt die Bilanz des E-Rezepts trübe aus: „Insgesamt haben wir immer mehr den Eindruck, dass es sich beim E-Rezept um ein noch nicht ausgereiftes Produkt handelt“, sagt Thomas Preis. „Ein unzuverlässiges EDV-System kann man sich aber beim Ausstellen von Rezepten für kranke Patienten nicht erlauben.“

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