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Zu wenig Blutspenden, knappe Blutkonserven - so kritisch ist die Lage in den Krankenhäusern in NRW

Sorge vor der Ferienzeit : Knappes Blut – so kritisch ist die Lage in NRW-Krankenhäusern

Es herrscht Sorge, dass die Ferienzeit die Blutknappheit weiter verschärfen könnte und nur noch die Notfallversorgung abgedeckt wäre. Wie die Situation konkret ist und was das bedeutet.

In vielen Kliniken sind Telefonate zur Beschaffung von Blutkonserven zur Chefsache geworden. Das geschieht immer dann, wenn sich die Versorgung einem kritischen Niveau nähert. Es herrscht Blutmangel. Insgesamt spricht das Deutsche Rote Kreuz (DRK) von einer bundesweit kritischen Versorgungslage. Diese trifft auch die Kliniken in Nordrhein-Westfalen und der Region.

Der Blutspendedienst West des Deutschen Roten Kreuzes (BSD West) muss teils die Lieferung von Blutkonserven an Krankenhäuser um die Hälfte kürzen. Er versorgt nicht nur Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen, sondern auch in Rheinland-Pfalz und im Saarland mit täglich bis zu 3.500 Blutkonserven. „Es kamen zeitweise 30 Prozent weniger Spenden als geplant und zusätzlich war der Bedarf der Krankenhäuser höher“, sagt Daniel Beiser, Sprecher des BSD West.

Die Folge: Krankenhäuser erhalten zeitweise weniger Blutkonserven als sie bestellen. Oft reiche das auf dem Markt zur Verfügung stehende Blut nur noch für die Notfallversorgung, sagt Hubert Parys, ärztlicher Direktor der Sana-Klinik Benrath. „Wir fahren auf der letzten Rille“, sagt Sascha Zeiger, leitender Arzt des Zentrums für Notfallmedizin am BG-Klinikum Duisburg.

An einzelnen Tagen musste der Rettungshubschrauber dort bereits ohne Blut an Bord los. „Normalerweise halten wir im Hubschrauber zwei Blutkonserven vor“, sagt Zeiger. Aufgrund der Knappheit war das nicht immer möglich. Nur dem Glück ist es zu verdanken, dass bei den Einsätzen des Rettungshubschraubers an diesen kritischen Tagen kein Blut benötigt wurde.

Weitere Kliniken wie das Sankt Marien-Krankenhaus in Ratingen berichten ebenfalls über den Mangel an Blutkonserven. Auch die Kliniken des Pro Homine-Verbundes in Wesel und Emmerich sprechen von einer „überaus angespannten Lage“. Zwar mussten in den meisten Kliniken noch keine planbaren Operationen abgesagt werden, doch betonen alle: die Lage ist ernst.

„Bei einer weiteren Abnahme könnte es soweit kommen, dass wir nur noch Notfälle wie Verkehrsunfälle oder Patienten mit inneren Blutungen mit Blut versorgen können und alle Eingriffe aufschieben, die aus medizinischer Sicht nicht lebensbedrohlich sind“, erklärt die Sana-Klinik Benrath.

In den großen universitären Versorgungseinrichtungen wie der Uniklinik Düsseldorf oder der Universitätsmedizin Essen sind aufgrund des schwerkranken Patienten-Kollektivs die meisten Behandlungen unaufschiebbar. „Noch können wir die Klinik bedienen“, sagt Christian Temme, Transfusionsmediziner an der Universitätsmedizin Essen. In anderen Kliniken könnten jedoch planbare Operationen bereits jetzt nicht mehr stattfinden. Auch der BDS West berichtet von vereinzelten Operationsausfällen in Krankenhäusern.

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Für alle Kliniken bedeutet der herrschende Blutmangel größte Kraftanstrengungen. „Gerade wenn das Blut knapp ist, muss man Obacht darauf haben, dass das vorhandene Blut gut und effektiv verteilt wird“, sagt Temme. In der Universitätsmedizin Essen, die als erstes Smart Hospital Vorreiter in Sachen Digitalisierung ist, kann man auf die Unterstützung künstlicher Intelligenz zurückgreifen.

In allen Kliniken kostet die Blutkonservenorganisation und -verteilung viel Kraft. Nur durch ungeheuren Aufwand, intensiver Kontaktpflege zu den Blutspendediensten und viel Kreativität habe man bislang in der Duisburger Unfallklinik verhindern können, dass Operationen verschoben werden mussten, berichtet Transfusionsmediziner Zeiger.

Wann und wo es an bestimmten Blutkonserven fehlt ist nicht vorhersehbar. Das Helios Klinikum Krefeld verzeichnet besonders Einschränkungen bei der Blutgruppe „0“ - vor allem mit der Eigenschaft RhD-negativ - die universell bei Menschen aller Blutgruppen einsetzbar ist. Außerordentlich dringlich ist die Lage laut Informationen der Sana-Klinik Benrath bei den seltenen Blutgruppen wie Blutgruppe „AB negativ“ oder „B negativ“.

Aufgrund der knappen Ressourcen riefen Kliniken und Blutspendedienste in den vergangenen Wochen verstärkt zur Spende auf. Das BG Klinikum Duisburg startete Aufrufe über soziale Medien wie Instagram. Das sorge zwar kurzzeitig für eine Normalisierung der Lage, doch befürchtete der BSD West, „dass dies nicht nachhaltig sein und uns in den Sommerferien vor neue Herausforderungen stellen wird“.

Schon um Pfingsten herum gehen in jedem Jahr die Blutspenden zurück. Zu den Sommerferien wird das Blut dann noch mehr zur Mangelware. Der Grund: Die Menschen verreisen – damit sind auch potenzielle Blutspender weg. Was das Problem verschärft: Blutkonserven sind nur begrenzt haltbar – konkret maximal 42 Tage sagt Temme. Irgendwann also wird das Blut alleine deshalb knapp.

In diesem Jahr sei die Knappheit besonders ausgeprägt, sagt Hubert Schrezenmeier, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI) und Leiter der Transfusionsmedizin am Klinikum Ulm. Neben den Feiertagen und der Ferienzeit führe auch das schöne Wetter dazu, dass die Menschen lieber Freizeitaktivitäten nachgingen, statt Blut spenden zu gehen. Durch den Wegfall der Corona-Einschränkungen würden Hobbys und Reisen nachgeholt. Ebenso wie viele Operationen, die aufgrund der Pandemie verschoben worden sind.

Neben dem Einsatz bei Operationen und in der Versorgung Schwerverletzter werden Blutkonserven statistisch gesehen am häufigsten in der Krebstherapie benötigt. Aus Blutspenden gewonnene Plasmaprodukte sind beispielsweise bei der Versorgung von Patienten mit Blutgerinnungsstörungen nötig.

Um mehr Menschen zum Blutspenden zu bewegen und so dem Blutkonservenmangel dauerhaft zu begegnen hat das DRK verschiedene Ideen in die politische Diskussion eingebracht. So prüft das Finanzministerium derzeit die steuerliche Absetzbarkeit von Blutspenden als abzugsfähige Sachspende. Begrüßen würde das DRK zudem, wenn das Blutspenden als Arbeitszeit angerechnet würde oder Zeitgutschriften nach dem Modell „vier Mal jährlich Blut spenden für einen zusätzlichen Urlaubstag“. Auch sei zu überlegen, ob man die Krankenkassen mit ihren Bonusprogrammen bei der Gesundheitsvorsorge miteinbeziehe. Einige Institutionen bieten andere finanzielle Anreize wie Aufwandsentschädigungen für Spender an.

Mediziner der Universitätsmedizin haben eine App entwickelt, die das Blutspenden attraktiver und leichter machen soll. Über die Applikation, die für Android und I-Phones gleichermaßen existiert, kann man direkt Termine vereinbaren, wird an Spendeaktionen erinnert und hat daneben die Möglichkeit, eigene bei der Spende ermittelte Gesundheitsdaten einzupflegen.

„Rein statistisch gesehen braucht jeder dritte Bundesbürger mindestens einmal in seinem Leben ein Blutprodukt“, sagt Michael Hoor, ärztlicher Direktor und Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin am St. Martinus-Krankenhaus Düsseldorf. Blutspenden sei wichtig. „Im Notfall wünscht sich jeder von uns, dass jederzeit eine passende Blutkonserve bereitsteht“, sagt Hoor. Er versteht Blutspenden darum als sehr persönlichen Beitrag, mit dem jede Person ab 18 Jahren anderen Menschen helfen könne.