Bruxismus: Warum Knirschen mit den Zähnen gefährlich ist

Bruxismus : Warum Knirschen mit den Zähnen so gefährlich ist

Die Zähne zusammenbeißen und durch! Mancher führt nachts weiter, was er sich tags abverlangt und malmt unbewusst die Zähne. Manchmal so sehr, dass im Extremfall die gesunde Zahnsubstanz bis auf das Zahnfleisch abreibt. Wir erklären, woher das Knirschen kommt und was Sie tun können.

Bruxismus nennen die Zahnmediziner das, was ungefähr jeder zweite Deutsche manchmal hörbar knirschend, aber auch leise reibend, mahlend oder pressend seinen Beißerchen antut. Dabei erreichen sie zum Teil das 20- bis 30-fache des normalen Kaudrucks und ruinieren auf diese Weise ihre Zähne.

Mancher tut es im Schlaf, andere bei Tag: Es wird gebissen, gemahlen, geschoben und manchmal auch geklappert. "Beim Schlafbruxismus knirschen die Betroffenen eher, beim Wachbruxismus pressen sie meist die Zähne zusammen", so schildert Dr. Anne Wolowski. An der Universitätspoliklinik in Münster sieht sie als zahnärztliche Leiterin des Bereichs Psychosomatik in der Zahnheilkunde täglich Menschen, bei denen das schlimme Folgen hat.

Das tun Knirscher ihren Zähnen an

Risse im Zahnschmelz, abgebrochene Ecken, lockere Füllungen, Kieferfehlstellungen und vollkommen weggeriebene Zahnsubstanz zählen dazu. Führt man sich vor Augen, welch massive Kräfte dabei wirken, mag man kaum glauben, dass rund die Hälfte der Zahnknirscher das ständige Pressen und Mahlen nicht einmal bemerkt. In Folge dessen unternehmen sie nichts dagegen und suchen erst dann Hilfe beim Zahnarzt, wenn der Schaden bereits groß ist.

Was die Zahnspezialistin dann sieht, ist gruselig: Abgeriebene Zähne bis auf Zahnfleischniveau. Bei solch und ähnlich mitgenommenen Zähnen schildern die Betroffenen selbst erschrocken, dass sie den Abrieb für eine normale Alterserscheinung gehalten haben. "Es kommt vor, dass wir alle Zähne überkronen müssen, weil sie so geschädigt sind", sagt die Zahnspezialistin aus Münster. Viele seien erstaunt, wenn sie im Zuge der Behandlung hören, dass man ausschließlich zum Kauen die Zähne aufeinanderbeißen muss. Beim Schlucken zum Beispiel ist ein Zahnkontakt nicht erforderlich.

Wer das nicht weiß oder bewusst hat, mutet den Beißerchen Torturen zu. Tag und Nacht werden diese in schlimmen Fällen bearbeitet und verlieren immer mehr an Substanz, bis die zweite Schicht des Zahns frei liegt, erläutert Dr. Wolowski.

Ursachenforschung: Angespannt bis in die Zähne

Ursache für die zahnvernichtende Aktivität können Abweichungen im Kiefergelenk oder Zahnfehlstellungen sein, die dazu führen, dass die Zähne nicht wie es eigentlich sein sollte genau ineinandergreifen, also eine günstige Okklusion haben. Daneben zählen seelische Probleme bis hin zu Depressionen, Angststörungen oder Vereinsamung ebenfalls zu den Auslösern wie Stress.

"Vielen fehlt die Fähigkeit, in Phasen, die nicht stressig sind, zu entspannen", sagt Anne Wolowski. In Zeiträumen, in denen man also Ruhe hat, also mit einem Buch zu Hause auf dem Sofa sitzt und keinen Gedanken mehr an den stressigen Tag verschwenden sollte, neigen manche Menschen dazu, den gesammelten Druck des Tages abzubauen. "Die Stresssituation ist also der Auslöser, das Problem aber das nicht mehr Abschalten können", so die Spezialistin aus der Uniklinik Münster.

Wie Knirschen die Gesundheit ruiniert

In Einzelfällen können auch bestimmte Schlafstörungen zu solch nächtlichen Komplikationen führen. Experten führen Traumata in Folge von Unfällen ebenso an wie bestimmte Medikamente oder Drogenkonsum. Selbst Alkohol und Rauchen sollen Bruxismus entstehen lassen können.

Neben den Konsequenzen, die sich am Gebiss zeigen, kann der Bruxismus auch zu extremer Tagesmüdigkeit führen und das Schnarchen begünstigen. Untersuchungen zeigen, dass eine Schlaf-Apnoe mit gefährlichen Atemaussetzern häufiger bei Knirschern vorkommt.

Das schützt die Zähne

Abhilfe in Sachen Zahnabrieb bringen sogenannte Aufbissschienen. Dazu wird beim Zahnarzt ein Abdruck des meist unteren Kiefers genommen und eine passgenaue, durchsichtige Kunststoffschiene gefertigt, die der Zahnmediziner dann nach dem Einsetzen überprüft und gegebenenfalls nachbearbeitet.

Die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und —therapie (DGFDT) empfiehlt dazu in einer wissenschaftlichen Stellungnahme harte Schienen, die über die Zähne gestülpt auch auf der anderen Seite ein Kauflächenrelief haben, das den Oberkiefer beim Zubeißen in eine möglichst optimale Haltung bringt. Eine so gefertigte Schienenoberfläche nennt man adjustiert.

"Weiche Schienen empfehlen wir nicht, denn die gibt so sehr nach, dass sie einen Kaugummieffekt auslöst", so die Fachärztin. Die harten Schienen hingegen sind immer noch weicher als der Zahnschmelz, so dass beim Knirschen immer die Kunststoffleiste abgerieben wird und nicht der Zahn. Einmal Schiene heißt allerdings immer Schiene, denn der durchsichtige Kunststoffkörper zwischen den Zähnen verändert am Drang zum Knirschen nichts. Geht er also verloren oder ist nach einiger Zeit abgenutzt, sollte man sich umgehend um einen Ersatz kümmern.

Das können Sie tun, um das Knirschen abzustellen

Nachteil dieser Therapie: Sie ändert an dem Grundproblem des Knirschens nichts, sondern sorgt lediglich für einen Zahnschutz. Das Problem an der Wurzel packen hingegen Therapieformen wie das Erlernen von Stressbewältigungsmechanismen und das Schärfen der Selbstwahrnehmung. "Jemand, der einen vollkommen verspannten Nacken hat, hilft man nicht weiter, indem man ihn auffordert, einfach mal locker zu lassen. Der kann das nicht", so die Zahnspezialistin. Bei Menschen, die unbewusst Knirschen, sei das ähnlich. Sie müssen darum zunächst einmal ein Gefühl dafür bekommen, wann sie angespannt sind.

Eine praktische Hilfe, die jeder für sich ausprobieren kann, ist zum Beispiel ein roter Punkt an der Monitorecke. Immer, wenn man diesen anschaut, kann man sich selber bewusst machen, ob man gerade angespannt ist und die Zähne zusammen beißt oder nicht.

Medikamente sind keine Dauerlösung

In der Physiotherapie werden zunächst durch manuelle Therapie hartnäckige Verkrampfungen gelöst. Danach lernen die Patienten, wie sie den Kiefer entlasten können und wie Kaubewegungen und das Öffnen und Schließen des Kiefers gerade ausgeführt werden.

Daneben gibt es noch die Möglichkeit zur medikamentösen Therapie, bei der muskelentspannende Arzneimittel wie Clonazepam gegeben wird, oder das Nervengift Botox gespritzt wird. Das aber sieht die DGFDT nur als kurzzeitige Behandlungsoption an. Wer also wirklich etwas in die richtige Richtung bewegen will, der sollte die Möglichkeiten zur aktiven Therapie ausschöpfen.

(wat)
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