Xarelto und Marcumar: Nutzen und Risiken der Medikamente

Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung : Xarelto und Marcumar: Nutzen und Risiken

Auch gut erforschte Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung sind nicht frei von – zum Teil sogar tödlichen – Nebenwirkungen. Wichtig ist, dass alle Mediziner besser über sämtliche Aspekte der Dosierung Bescheid wissen.

Auch gut erforschte Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung sind nicht frei von — zum Teil sogar tödlichen — Nebenwirkungen. Wichtig ist, dass alle Mediziner besser über sämtliche Aspekte der Dosierung Bescheid wissen.

Das Medikament Xarelto der Firma Bayer, das unter anderem gegen Embolien, Thrombosen und Schlaganfall vorbeugen soll, ist in die Kritik geraten. Im Arzneimittelreport 2013 ist die Rede von mehr als 100 unklaren Todesfällen von Menschen, die zuvor Xarelto genommen hätten. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ist indes unklar, ob die Patienten nicht doch an ihrer Grunderkrankung gestorben sind. Nicht wenige haben früher das — preislich deutlich günstigere — Marcumar genommen und sind danach auf Xarelto umgestellt worden. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Xarelto greift im Vergleich zu Marcumar gezielter in die Blutgerinnung ein und ist leichter zu handhaben. Die Messungen des sogenannten INR-Zielwertes entfallen.

Wo liegen die nachgewiesenen Vorteile von Xarelto gegenüber Marcumar?

Xarelto löst eindeutig weniger Hirnblutungen aus.

Überhaupt nicht. Es ist ein hochwirksames Medikament zur Schlaganfall-Prophylaxe, wenn jemand unter Vorhofflimmern leidet. Und in vielen Fällen ist Marcumar auch sicherer, als gemeinhin unterstellt wird. Wer bei einer Selbstmessung dauerhaft gut eingestellt ist, sollte es tunlichst nicht gegen Xarelto eintauschen. Dennoch, eine unter Marcumar auftretende Hirnblutung ist meistens ein katastrophales Ereignis, das zum Tod oder zu schwersten bleibenden Behinderungen führt. Solche Fälle sind nicht selten, vor allem wenn gleichzeitig weitere Risikofaktoren wie schlecht eingestellter Bluthochdruck bestehen.

Könnten alle Patienten, die laut ihrem Arzt Xarelto nehmen, problemlos auf Marcumar zurückschwenken?

Besser ist es für sie, wenn sie es nicht tun. Das hat mit der medikamentös gesteuerten Blutgerinnung zu tun. Nur in einem schmalen Zielbereich des Gerinnungswertes INR, dem zwischen 2 und 3, hat man sowohl einen optimalen Schutz vor Thromben und Embolien und andererseits ein vertretbares Blutungsrisiko. Gibt man zu wenig Marcumar, erhöht sich das Embolie-Risiko. Gibt man zu viel, passiert das Gegenteil: Das Blutungsrisiko steigt.

Nein, mindestens ein Drittel der Patienten ist gefährlich über- oder unterdosiert, obwohl sie das Medikament regelmäßig nehmen. Und hier ist Xarelto besser? Die Studienlage zeigt zweifelsfrei, dass auch ohne ständige Kontrolle der Laborwerte ein mindestens gleich guter Schutz vor Embolien besteht, bei allerdings deutlich niedrigerer Hirnblutungs-Rate.

Und wo ist Xarelto nachweisbar schlechter?

Patienten, deren Nierenfunktion schwer eingeschränkt ist, sollten es nicht nehmen.

Was ist mit Patienten, die vor einer Operation stehen?

Die haben unter Xarelto den Vorteil, dass die Halbwertszeit und andererseits die Zeit bis zum Wirkungseintritt deutlich kürzer sind. Man kann also bis relativ kurz vor einer OP das Medikament nehmen und muss nicht wie bei Marcumar eine längere therapeutische Lücke durch Gabe von Heparin überbrücken, dessen Effektivität und Sicherheit ja auch keineswegs bewiesen sind.

Das ist nicht unwahrscheinlich. Es handelt es sich zudem nur um Verdachtsberichte, die den Behörden gemeldet wurden. Solche Meldungen gab es früher auch bei Marcumar regelmäßig. Wichtig zu wissen: Die Patienten wurden nicht obduziert, die Todesursache steht nicht zweifelsfrei fest; und der Zusammenhang mit einem modernen Gerinnungshemmer ist nur eine von mehreren kausalen Optionen. Es gibt keine offizielle Warnung vor Xarelto, zum Beispiel keinen Rote-Hand-Brief zur Therapiesicherheit.

Wie soll man sich als Patient jetzt verhalten?

Wer mit Marcumar gut eingestellt ist, sollte es weiter nehmen (es sei denn, er hat ein Risiko für Hirnblutungen). Wer mit Xarelto gut eingestellt ist, ebenso - diese Botschaft gibt einem jeder informierte Arzt, mit dem man spricht.

Leider nicht alle. Hier besteht ein riesiger Aufklärungsbedarf. Die richtige Dosierung ist hier wie anderswo auch entscheidend.

Warum wettern die Krankenkassen gegen Xarelto?

Weil es deutlich teurer ist als Marcumar und sie mehr Geld kostet.

Natürlich, wie es selbstverständlich auch Todesfälle unter Marcumar-Therapien geben kann. Die letztgenannten werden allerdings meistens ignoriert; das Medikament ist seit Ewigkeiten auf dem Markt und wird nicht mehr so kritisch beäugt.

Warum ist die Zahl der Xarelto-Verdachtsfälle überhaupt gestiegen?

Weil Xarelto deutlich häufiger verschrieben wird als früher.

Sie ist sehr wichtig. Dazu gibt es präzise Empfehlungen des Herstellers. Ärzte sollten sich genau daran halten — und die Patienten sollten sie auch befolgen.

Warum sollten Patienten, die an Vorhofflimmern leiden, eigentlich einen Gerinnungshemmer nehmen?

Weil einerseits das Risiko einer Herzschwäche besteht, wenn das Flimmern bei schneller Überleitung vom Vorhof in die Herzhauptkammer durchschlägt, und andererseits weil Schlaganfälle auftreten können. Die werden durch Blutgerinnsel verursacht, die im linken Vorhof aufgrund des langsamen Blutflusses entstehen. Schlaganfälle durch Blutgerinnsel bei Vorhofflimmern sind häufig überdurchschnittlich schwer und somit für den Patienten ein dramatischer Einschnitt. Deswegen müssen diese Gerinnsel entweder operativ verhindert werden (durch elektrische Begradigung von Störpotenzialen im Vorhof), oder die Patienten müssen streng medikamentös geführt werden.

Es gibt diverse Formen von Vorhofflimmern. Ist jede gefährlich?

Ja. Häufig tritt Vorhofflimmern anfallsartig (paroxysmal), also nur für wenige Stunden, und asymptomatisch auf: Die Patienten bemerken dann gar nicht, dass eine Rhythmusstörung vorliegt. Dennoch besteht das gleiche Schlaganfall-Risiko wie bei Patienten, die das Vorhofflimmern bemerken.

Hier geht es zur Infostrecke: So unterscheiden sich Original und Generikum

(RP)
Mehr von RP ONLINE