Ohne Inhaltsstoffe und Nebenwirkungen : Wie Placebos Migräne stoppen können

Medikamente gegen Migräne sind teuer und heftig - das weiß jeder, den der Kopfschmerz regelmäßig plagt. Doch tatsächlich sind die starken Medikamente gar nicht nötig. Wie eine aktuelle Studie aus Harvard zeigt, helfen Placebos genauso gut. Wir erklären warum.

Beim Begriff Placebo denken die meisten an ein Scheinmedikament, das bloß eingebildeten Kranken helfen kann. Kritiker unterstellen der Homöopathie ausschließlich einen solchen Placebo-Effekt und rücken damit neben der alternativen Behandlungsmethode auch den an sich sehr positiven Heilungseffekt in ein schlechtes Licht.

Wundermittel Mütter, Schamanen und Placebos

Denn ein besseres Medikament als Placebo-Pillen und —tropfen kann man sich kaum vorstellen: Sie kosten fast nichts, wirken gegen praktisch alle Krankheiten, haben keine Nebenwirkungen und jeder kann sie nehmen. Das Placebo ist zwar tatsächlich nur ein Scheinmedikament, doch dass es hilft, ist ebenso real und auch wissenschaftlich nachgewiesen wie die Krankheit an sich.

Damit sind sie in ihrer Wirkung ähnlich probat wie Mütter, die liebevoll über die Wunde ihres Kindes pusten und so Linderung bringen, oder Schamanen, die in Naturvölkern auf seltsame Weise Heilung bringen. Eine Theorie beschreibt den Placebo-Effekt als das Aktivieren der Selbstheilungskräfte im Körper. Auf diese Wies lassen sich Heilungen nach dem Besuch von Wallfahrtsstätten erklären. Der Glaube versetzt Berge.

Warum Zuckerpillen in der Therapie Dementer und Depressiver scheitern

Schon lange ist bekannt, dass Scheinmedikamente gegen Schmerzen ebenso helfen wie gegen Hautausschläge, Magengeschwüre oder Rheumasymptome und Depressionen. Nur, wenn die Erkrankung einen gewissen Schweregrad überschreitet, werden die Placebos irgendwann das, was sie von ihrer pharmakologischen Zusammensetzung her eigentlich sind: wirkungslos. Das ist nicht nur bei schwer depressiven Menschen so, sondern auch bei Alzheimer-Patienten. Es hängt damit zusammen, dass es diesen Menschen nicht mehr möglich ist, eine Erwartungshaltung bezüglich der Wirksamkeit einer therapeutischen Behandlung aufzubauen. In solchen Fällen versagt das sonst psychologisch so wirkungsvolle Medikament.

Hilfe für Migränegeplagte ohne Wirkstoff

Gedanken können Einfluss auf Vorgänge im Hirn nehmen. Positive Erwartungen aktivieren Bereiche im sogenannten Frontalhirn und auch im Cingulären Hirn. Profitieren können davon Patienten, die Schmerzen haben. Denn dieser Vorgang, ihre körpereigene Apotheke quasi, kann ihre Schmerzwahrnehmung vermindern. Nachweisen konnten das Wissenschaftler der Harvard-Universität Boston, indem sie Migräne-Patienten in einer Studie mit üblichen Schmerzmitteln behandelten und daneben auch mit Placebos. Dabei zeigte sich, dass das wirkstofflose Medikament nicht nur denen nutze, die es unwissentlich nahmen. Auch die Migränegeplagten, die wissentlich Placebo-Pillen schluckten, fühlten sich anschließend besser.

Darum funktionieren Placebos

Zunutze machen kann sich der Arzt, der mit pharmakologisch unwirksamen Substanzen behandelt die Tatsache, dass der Mensch durch Lernen bestimmt wird. Das Gehirn neigt dazu, positive Reize miteinander zu verknüpfen.

Kaffeetrinker kennen es von sich selbst: Wer morgens den Wachmacher schlürft verbindet seinen Geschmack mit der anregenden Wirkung. Die wird auch dann noch erzielt, wenn das koffeinhaltige Getränk gegen entkoffeinierten Kaffee ausgetauscht wird. Es ist derselbe Lerneffekt, der greift, wenn man Migränepatienten zunächst ein Medikament gegen die Schmerzen verschreibt, ihnen dann aber ein Scheinmedikament verabreicht. Bildgebende Verfahren weisen nach, dass die Erwartung auf Linderung im Gehirn verschiedene neurale Prozesse in Gang setzt, die im Endeffekt das Ausschütten körpereigener Opiate anregt und durch das Ausschütten von Hormonen Einfluss nehmen auf Blutdruck und Herzfrequenz.

Mit Einbildung haben die Placebo-Effekte also bei weitem nichts zu tun, auch wenn man bislang noch nicht erklären konnte, wie genau die Erwartungshaltung der Patienten auf Besserung in körperliche Reaktionen übersetzt wird. Doch auch ohne die Wirkmechanismen genau entschlüsseln zu können, lässt sich sagen: "In einer Reihe von medizinischen Anwendungsfeldern sind die beteiligten Placebo-Effekte größer als die spezifischen, auf das Medikament zurückzuführenden Effekte", sagt Prof. Winfried Rief. Er ist Leiter der Psychotherapie-Ambulanz an der Universität Marburg und Mitglied einer bundesweit tätigen Placebo-Forschergruppe.

Nachgewiesene Erfolge bei diesen Krankheiten

Am wirkungsvollsten helfen die Pillen ohne Wirkstoff chronischen Schmerzpatienten. Aber auch Menschen mit Angststörungen, Schlafproblemen, Asthma und Allergien sowie Reizdarmsyndrom profitieren von Placebos, stellte Manfred Schedlowski, Psychologe und Placeboforscher am Universitätsklinikum Essen fest. Es sind unspezifische Effekte, die Placebos so wirkungsstark machen und jeden eingefleischten Schulmediziner ratlose den Kopf schütteln lassen. Denn die Wirkung, die ohne Wirkstoff erzielt wird, ist nicht nur hoch effektiv, sondern auch wissenschaftlich belegt.

Was sonst im medizinischen Bereich nicht immer zum Erfolg führt, ist bei der Gabe von Placebos anders: Viel hilft hier auch viel. Je größer die Pillen sind, desto deutlicher spürt der Patient eine Wirkung. Beeinflussen lässt sich die Wirksamkeit auch durch die Häufigkeit der Verabreichung. Muss der Patient die Zuckerpillen morgens und abends schlucken, verbessert sich sein Zustand mehr als bei einer Gabe einmal am Tag.

Auch in der Darreichungsform unterscheiden sich die Medikamente ohne Wirkstoff in unterschiedlicher Effektivität. Am besten wirken Scheinoperationen, bei denen lediglich eine Hautreizung herbeigeführt wird. Injektionen stehen am erfolgreichsten im Kurieren durch Medikamente da, gefolgt von Kapseln. Die wirken immerhin noch besser als einfache Tabletten.

Teuer wirkt besser

Eine 10-Cent-Pille wirkt nicht so gut wie eine für 2,50 Euro, fand der amerikanische Verhaltensökonom Dan Ariely heraus. Ein Präparat, das in einer unscheinbaren Verpackung steckt, wirkt weniger gut als eines in der Ummantelung eines namhaften Herstellers. Diese Erfahrung macht nicht nur die Behandlung mit Placebo-Medikamenten effektiver, sondern lässt auch revolutionierende Rückschlüsse bezüglich der Produktion von Nachahmer-Medikamenten, sogenannten Generika, zu.

Gar nicht egal ist zudem, wer die Behandlung durchführt. Setzt eine Schwester eine Spritze, erzielt das lange nicht die gleiche Wirkung als täte dies der Arzt. Verbringt der Mediziner viel Zeit mit dem Patienten, setzt das die Wirkung nochmals hinauf. In ihrem Fachbuch "Placebo in der Medizin" spricht sich darum selbst die Bundesärztekammer dafür aus, die Wirkung des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patienten im positiven Sinne zu nutzen und Heilungserfolge zu verstärken.

(wat)
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