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Wie Operationsbesteck in Krankenhäusern wiederverwendet wird

Sparkurs in Krankenhäusern : Wie Operationsbesteck wiederverwendet wird

Wenn es um Hygiene geht, sind wir pingelig: Würden Sie ein Wattestäbchen oder einen Strohhalm mehrmals verwenden? Bei Medizinprodukten, die hochsteril sein müssen, ist es in Deutschland üblich, Einweg gleich mehrmals zu nutzen - aus Spargründen. Doch wenn die Geräte nicht ausreichend gereinigt werden, drohen Erkrankungen wie Hepatitis oder HIV.

Das Wort an sich schließt es aus: "Einweg" meint den einmaligen Gebrauch. In der Medizin ist das anders. Da kann ein Einweg-Katheter mehrmals gebraucht werden. Auch Augenlasersonden oder Orthopädiebohrer durchfahren nicht nur einmal menschliche Bestandteile. Rund 70 Prozent der deutschen Kliniken benutzt laut dem Fachmagazin MedReview recycelte Geräte. Das spart in den Kliniken viel Geld, das ohnehin nicht da ist.

Aufbereiter haftet bei Schädigung des Patienten

Damit das möglich ist, müssen diese Geräte allerdings ordnungsgemäß gereinigt, desinfiziert und sterilisiert werden. Die Rahmenbedingungen dafür gibt hierzulande das Medizinproduktegesetz vor sowie die Medizinprodukte-Betreiberverordnung. In Europa sollen nun einheitliche Regelungen für die Aufbereitung von Medizinprodukten geschaffen werden.

Aufbereiter von Einmal-Produkten sollen dann wie Hersteller behandelt werden. Für die Kliniken hat das den Vorteil, dass sie verbrieft den Aufbereiter zur Verantwortung ziehen können, wenn mit dem gereinigten und desinfizierten Gerät etwas nicht stimmt. Doch noch ist der Parlamentsbeschluss nicht durch den Rat und die Europäische Kommission geboxt. Es gibt noch 900 Änderungsanträge.

Hohe Einsparung durch Mehrfachnutzung

Der Blick über den deutschen Tellerrand zeigt: In anderen Ländern werden als Einweg deklarierte Medizinprodukte nicht mehrmals aufbereitet und wiederverwendet. In Frankreich und Österreich zum Beispiel. Aus der Alpenrepublik stammen allerdings belastbare Zahlen, die zeigen, wie viel Geld sich sparen ließe: Bis zu 100 Millionen Euro sind es dort, so ermittelte eine Studie des Technologieministeriums in Österreich.

Dieselbe Studie hält fest, dass viele der als Einweg deklarierten Medizinprodukte ohne Qualitätsverlust zwischen zwei und zwölf Mal aufbereitet werden können. Ein weiterer Vorteil, den Befürworter des medizinischen Recyclings anführen, ist der Umweltaspekt. Es können durchschnittlich 80 Prozent der Abfälle eingespart werden. Wie aber steht es um das Patientenwohl? Ist eine Aufbereitung sicher?

128.000 Wundinfektionen nach Operationen

Nach einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts GfK werden aufbereitete Einmalprodukte am häufigsten in der Urologie, gefolgt von der Gastroenterologie, eingesetzt. Das ausgerechnet sind Bereiche, in denen es besonders häufig zu Infektionen mit multiresistenten Keimen kommt.

In Deutschland treten allein auf den Intensivstationen jährlich mehr als 60.000 Krankenhausinfektionen auf. Experten gehen von rund 128.000 postoperativen Wundinfektionen pro Jahr aus, zeigen Daten des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems und des Statistischen Bundesamtes.

Schmutzige Geräte können BSE und HIV verursachen

Den Grund dafür liefert das Dezernat für Pharmazeutische Angelegenheiten in einem Erfahrungspapier aus der Überwachungspraxis der Bezirksregierung Münster "Von 57 Instrumenten hatten 42 den Titel steril nicht verdient", heißt es da mit Verweis auf die Abteilung Technische Hygiene der Charité Berlin. Und weiter: "Nicht umsonst werden Personen nach einer Endoskopie sechs Monate lang nicht als Blutspender zugelassen."

Den Studien stehen Erfahrungslagen gegenüber, die Komplikationen nach der Nutzung von Einmalprodukten festhalten. In einem Fall platzt ein Beatmungsschlauch, der als Einwegschlauch deklariert war, während einer Operation.

Bei einem Check, den das ZDF im Jahr 2007 vornehmen lässt, findet ein Fachmann Verschmutzungen, konkret Eiweiß- und Blutreste anderer Patienten, am aufbereiteten Einmalinstrumenten. Auf diesem Wege können sich gefährliche Keime wie Hepatitis, HIV oder auch nach Infektion mit dem BSE-Erreger die Creutzfeld-Jakob-Krankheit übertragen. Auch Borsten von Reinigungsbürsten oder Schneideklingen mit Macken, nahm der beauftragte Gutachter unter die Lupe.

Positive Studienergebnisse zum Recycling in Deutschland

Studien hingegen kommen zu dem Ergebnis, dass sich beispielsweise so genannte Ablationskatheter, die bei der Therapie von Herzrhythmusstörungen zum Einsatz kommen, bis zu vier Mal ohne Probleme aufbereiten lassen. Die Kardiologie der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauenheim ließ zwischen 1996 und 2011 68.000 Herzkatheter aufbereiten. Eine dort durchgeführte Untersuchung an 212 Patienten zeigte, dass die Geräte ebenso sicher waren wie neue. Auch am Münchener Klinikum Grosshadern kam eine Untersuchung zu diesem Ergebnis. 16,6 Millionen Euro lassen sich auf diese Weise jedes Jahr in deutschen Kliniken einsparen.

Was jedoch bei aller Studienlage unter den OP-Tisch fällt, ist die Tatsache, dass der Patient, der sein Leib und Wohl dem Arzt übergibt, nicht die Wahl hat zwischen neu und recycelt. Denn nicht einmal die Ärzte wissen immer, welche Entscheidungen Krankenhäuser aus Kostengründen getroffen haben.

Eine GfK-Umfrage auf Initiative des Bundesverband Medizintechnologie und der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten ergab bereits vor einigen Jahren, dass 86 Prozent der Bevölkerung nicht wissen, dass Einmalprodukte aufbereitet werden.

74 Prozent der Befragten würden erwarten, über den Einsatz informiert zu werden, was aber in der Praxis nicht stattfindet. Bei aller Sorgfalt bei der Wiederaufbereitung von Einweggeräten bleibt abzuwarten, ob es der europäischen Gesetzgebung gelingt, einen Weg vorzugeben, der das Patientenwohl und nicht den Sparzwang im Auge hat. Dann müssten sich auch die Behandler nicht in die Grauzone der Tabuisierung flüchten.

Hier geht es zur Infostrecke: Katheter mehrmals benutzt – Fakten zum Medizinrecycling

(wat)