Welches Rückenleiden in welchem Alter zuschlägt

Ursachen und Rezepte: Das können Sie gegen Ihre Rückenschmerzen machen

Nackenschmerzen, Hexenschuss, Kreuzschmerz – fast jeder kennt Rückenschmerzen. Doch nicht in jedem Alter sind die Ursachen gleich. Wir erklären die typischen Rückenleiden im Alter von zehn bis sechzig Jahren und was Sie dagegen tun können.

Rückenschmerzen sind Volksleiden Nummer eins. Krankheiten der Wirbelsäule und des Rückens sind nach Atemwegserkrankungen die zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen in Deutschland. Jeder Vierte hat aktuell Rückenprobleme und jeder Siebte leidet laut DAK-Gesundheitsreport an chronischen Schmerzen im Rumpf.

Diese können unterschiedlichste Ursachen haben, die unter anderem vom Alter und den Lebensumständen abhängig sind. Das sind die typischen Rückenleiden im Alter von zehn bis sechzig:

  • Rückenleiden der Zehnjährigen

Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren bewegen sich laut der National Health and Nutrition-Studie annähernd so wenig wie 60-Jährige. In Folge dessen erreichen zum Beispiel 43 Prozent der Kids beim Herunterbeugen nicht mehr die Fußsohle. Mangelnde Bewegung und endloses Sitzen führen zu einer Verkürzung der Muskulatur. In Kombination mit schnellem Wachstum führt das zu einem Ungleichgewicht der Muskulatur. Dies kann in Summe zu ernsthaften Haltungsschäden führen. Dazu zählen laut Roland Tenbrock, Orthopäde in Düsseldorf und Landesvorsitzender des Berufsverbandes für Orthopädie und Unfallchirurgie unter anderem sogenannte funktionelle Skoliosen, einer seitlichen Wirbelsäulenverkrümmung. Diese muss dauerhaft mit Krankengymnastik oder beispielswiese mit einem Korsett behandelt werden.

Ein Faktor, der dazu beiträgt; Zeit- und Leistungsdruck. Kinder haben insgesamt weniger Zeit für sportliche Betätigung und zum Spielen und Klettern, sagt die Düsseldorfer Physiotherapeutin und Rückenschulleiterin Birgit Heynen. Jeder Muskel ist von Bindegewebsstrukturen, den sogenannten Faszien, umgeben. „Stress führt dazu, dass sich das Gewebe zusammenzieht“, sagt Heynen. Schon bei Kindern führe das zu Verspannungen, die sich unter anderem als Rücken- oder Kopfschmerz äußern.

Rezept dagegen: Ran ans Seilchen und raus mit dem Gummitwist! Durch Springen und Laufen wird die Muskulatur aktiviert und die Koordination geschult, sagt die Physiotherapeutin. Tenbrock empfiehlt bei der Wahl von Sportvereinen darauf zu achten, dass beim Training neben der Sportart auch allgemeine Gymnastik mit Dehn- und Kräftigungsübungen stattfinden.

  • Rückenleiden der 20-Jährigen

Im Job oder beim Studium geht es weiter, wie es schon in der Schule begonnen hat: Wir sitzen - und das zudem meist starr. Der Blick ist auf den Computer gerichtet, aufs Tablett oder Smartphone. Das Problem: Je nachdem wie tief der Kopf beim Lesen auf dem Handy nach unten gesenkt wird, desto stärker sind die auf die Halswirbelsäule wirkenden Kräfte. Bei einem Durchschnittsgewicht von fünf bis sechs Kilo, die der Kopf eines Erwachsenen hat, ziehen bei einer Neigung von 15 Grad fast 14 Kilo an der oberen Halswirbelsäule. Bei einer Neigung von 60 Grad sind es gar 30 Kilo, fand Kenneth Hansraj vom New Yorker Klinikum für Wirbelsäulenchirurgie und Rehabilitation heraus. Das führe laut Heynen zu einer Überlastung des Schulter-Nackenbereichs und möglicherweise auch zu Haltungsschäden.

Rezept dagegen: Senken Sie nicht den Kopf, sondern nur den Blick. Hansraj empfiehlt zudem spezielle Dehnübungen: Versuchen Sie sanft den Kopf so zur Seite zu neigen, als wollten Sie das Ohr auf der Schulter ablegen. Halten Sie den dabei entstehenden Zug für kurze Zeit und führen Sie die Übung auf der anderen Seite aus. Strecken Sie danach den Nacken nach oben und ziehen Sie die Schultern nach unten. Arbeiten Sie öfter im Stehen.

  • Rückenleiden der 30-Jährigen:

Bandscheibenvorfall: Durch mangelnde Mobilität und Muskelungleichgewicht kann es zu ersten Bandscheibenvorfällen kommen. „Daran sollte man vor allem dann denken, wenn Schmerzen ins Bein- die Schulter oder Arme strahlen, es dort zu kribbelnden Missempfindungen oder gar zu Taubheitsgefühlen kommt“, sagt Tenbrock. Die Bandscheiben werden durch einen Wechsel von Be- und Entlastung ernährt. „Ab dem 18. Lebensjahr degeneriert das Bandscheibengewebe“, sagt Heynen. So zeigen schon dreiviertel der Menschen mit Ende Zwanzig feine Faserrisse im Bandscheibenfaserring. Diese führen zu einer schlechteren Nährstoffversorgung der Bandscheibe.

Rezept dagegen: Regelmäßige Bewegung und gezielte Übungen für den Alltag können helfen, die Funktionsfähigkeit der Bandscheiben zu erhalten. Wichtig für deren Ernährung ist nämlich laut Heynen eine Kombination aus Ausdauer, Krafttraining und Dehnung. Bei einem akuten Bandscheibenvorfall hilft hingegen meist nur eine schmerz- und entzündungshemmende Therapie.

Kiefergelenksprobleme: Massive Kopf- und Rückenschmerzen können auch ein Hinweis auf ein Kiefergelenksproblem sein. Cranio-mandibuläre Dysfunktion (CMD) nennt man eine Fehlstellung und Funktionsstörung der Kiefergelenke, sagt Orthopäde Tenbrock. Häufiger als Männer sind Frauen davon betroffen. Durch lange Arbeitszeiten und somit langes Sitzen sowie Stress werden die Beschwerden verstärkt. „Häufig beginnen die Betroffenen auch mit den Zähnen zu mahlen oder zu knirschen“, sagt Heynen. Das beansprucht nicht nur die Zähne, sondern auch die Muskulatur und die Wirbelsäule.

Rezept dagegen: Nicht nur der Orthopäde, sondern auch der Zahnarzt ist dann die richtige Anlaufstelle. Spezielle Physiotherapie schafft Linderung. Gegen das Knirschen hilft eine sogenannte Aufbissschiene, die der Zahnarzt fertigt. In einigen Fällen ist zudem eine kieferorthopädische Behandlung nötig, um die hartnäckigen Schmerzen los zu werden.

  • Rückenleiden der 40-Jährigen:
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Piriformis-Syndrom: Ein Problem der Vielsitzer in diesem Alter ist das sogenannte Piriformis-Syndrom. Es zeigt sich durch stechende oder ziehende Schmerzen im Lendenbereich, die bis in den Oberschenkel hinein ausstrahlen können. Vor allem das Sitzen und das Aufrichten fällt laut Tenbrock dann schwer. Dieser Schmerz geht vom verkrampften Piriformismuskel aus. Der fingerdicke Muskel schwillt dann an und drückt häufig zusätzlich auf den Ischiasnerv. Die Beschwerden können – da auch sie in den hinteren Oberschenkel und bis ins Bein ziehen – mit einem Bandscheibenvorfall verwechselt werden.

Rezept dagegen: Schmerz- und entzündungshemmende Medikamente und Akupunktur helfen im Akutstadium. Wichtig ist daneben allerdings das Lockern des verkrampften Muskels. Dazu legen Sie sich auf den Rücken, strecken das linke Bein aus, winkeln das rechte Bein um 90 Grad an und ziehen es dann Richtung der linken Schulter. Der Po bleibt dabei auf der Unterlage. Richtig ausgeführt spürt man eine Dehnung in der linken Gesäßhälfte und der Oberschenkelrückseite. Diese Position für 30 bis 60 Sekunden halten. Dann das Bein wechseln.

  • Rückenleiden der 50-Jährigen:

Bandscheibenabnutzung: Was in jungen Jahren seinen Anfang nimmt, wird bei vielen ab 50 zum akuten Problem: durch Bewegungsmangel wird die die Wirbelsäule umgebende Muskulatur zu wenig genutzt. Fehlbelastung und Übergewicht führen zudem dazu, dass der Druck auf die Bandscheiben, die als eine Art Puffer zwischen den einzelnen Wirbeln liegen, zunimmt. Die Folge: Der Bandscheibenkern verrutscht oder quillt heraus und drückt auf die Nerven. Das verursacht nicht nur Schmerzen, sondern auch eine Entzündungsreaktion. Typische Symptome sind bei der Halswirbelsäule: Schwindel und Kribbeln oder Schmerzen im Arm. Probleme der Lendenwirbelsäule zeigen sich vor allem durch Taubheit oder Schmerzen im Bein oder das Gefühl, das Gesäß sei eingeschlafen.

Rezept dagegen: Akute medikamentöse Schmerz- und Entzündungsbehandlung, Akupunktur und Physiotherapie. Entlastung kann bei akuten Beschwerden der Lendenwirbelsäule die sogenannte Stufenlagerung bringen. Dazu legt man sich auf den Rücken und lagert die Unterschenkel im rechten Winkel zu den Oberschenkeln – beispielsweise auf einen Stuhl. Wichtig ist laut Heynen aber auch Bewegung – zum Beispiel bei einem Spaziergang. Hilfreich nach der akuten Phase: Ein Mix aus Kraft- und Dehnübungen wie zum Beispiel beim Pilates. „Schon eine Stunde in der Woche reicht, um schmerzfrei zu bleiben“, sagt die Düsseldorfer Physiotherapeutin. Viele solcher Kurse werden zu 80 Prozent von den Krankenkassen übernommen.


Arthrose: Genetische Voraussetzungen und das Alter führen bei vielen früher oder später zu verschleißbedingten Rückenproblemen. Arthrose: Ähnlich wie beispielsweise das Kniegelenk können auch die Gelenke der Wirbelsäule (Facettengelenke) verschleißen. Durch das Abnutzen des Gelenkknorpels reiben irgendwann die Knochen direkt aufeinander und erzeugen eine schmerzende Wirbelsäulenarthrose, sagt Tenbrock. Symptomatisch für diesen Schmerz ist, dass er bei Bewegung oftmals abnimmt. Typischerweise kommt es unmittelbar nach dem Aufstehen morgens zu Schmerzen im Rücken. Der Grund: die in der Nacht entlastete Wirbelsäule sinkt durch die aufrechte Haltung etwas zusammen und die Wirbelkörper drücken verstärkt aufeinander.

Rezept dagegen: Auch wenn Bewegung zunächst schmerzt, verbessert sie letztlich nachhaltig die Beweglichkeit der Wirbelsäule, die Durchblutung der Muskulatur und der Faszien und lindert die Beschwerden, sagt Heynen. Auch mit einer bewussten Ernährung lassen sich laut Tenbrock die Beschwerden reduzieren. Vorteilhaft sind Vollkornprodukte, Obst, viel Gemüse, gute Öle wie Raps- und Olivenöl, Fisch, Nüsse und Samen. Nachteilig wirken sich Zucker und gesättigte Fettsäuren aus, wie sie in Fleisch, Wurst und Sahne stecken.

Hormonmangel: Bei Frauen können Muskel- und Rückenschmerzen laut Informationen des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF) mit dem Nachlassen der Östrogenproduktion in den Wechseljahren zusammenhängen. Die Muskelmasse nimmt in diesem Alter ohnehin ab. Wenn dann zudem durch Östrogenmangel bedingt die Kollagenproduktion nachlässt und sich die Durchblutung der Muskeln und Gelenke vermindert, hat das negative Auswirkungen auf Muskeln, Gelenke und den gesamten Stützapparat. Der Abfall der Östrogene vermindere laut BVF zudem die Freisetzung von Endorphinen, die wichtig für die Schmerzregulierung sind. Dadurch kann die Schmerzgrenze sinken und auch Rückenschmerz wird intensiver empfunden.

Rezept dagegen: In diesem Altersabschnitt wird Muskelaufbau besonders wichtig. Stärken Sie Ihre Rumpf- und Rückenmuskulatur.

  • Rückenleiden der ab 60-Jährigen:

Altersbedingter Verschleiß: Verschleißbedingte Rückenleiden wie Wirbelsäulenarthrose schreiten fort und bringen häufig einen zunehmenden Verlust von Kraft und Beweglichkeit.

Rezept dagegen: Jeden Tag eine Stunde spazieren gehen. Wer sportlich mehr ambitioniert ist, für den wäre Nordic-Walking empfehlenswert. Auch diese Kurse werden von den Krankenkassen meist zu 80 Prozent bezuschusst.

Osteoporose: Dumpfe oder stechende Schmerzen im Rücken rühren in diesem Alter möglicherweise von einer Osteoporose her. Osteoporose ist Folge einer Demineralisierung des Knochens und der Abnahme der Knochendichte im Alter. Die Knochenfestigkeit nimmt ab und es kommt eher zu Knochenbrüchen, wie denen der Wirbelkörper.

Rezept dagegen: Dem Knochen fehlt im Alter vor allem Kalzium. Die Aufnahme dessen wird durch Vitamin D gefördert. Allerdings leiden viele Menschen in Deutschland an einem Vitamin D-Mangel, da dessen Produktion in der Haut in den Wintermonaten weitgehend zum Erliegen kommt. Darum gilt die Einnahme von Vitamin D in Kombination mit Vitamin K bei Mangelerscheinungen als sinnvoll. Ob sie allerdings einer Osteoporose vorbeugt, gilt laut Studienlage als umstritten. Auch her ist leichtes Training sinnvoll, da es laut Heynen die richtigen Reize auf die Knochen ausübt und somit der Knochenbrüchigkeit entgegenwirkt.

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