Hirntrauma: Warum Gehirnerschütterungen gefährlicher sind als gedacht

Hirntrauma: Warum Gehirnerschütterungen gefährlicher sind als gedacht

Schon ein harmloser Sturz kann eine Gehirnerschütterung zur Folge haben. Meist werden solche Schädel-Hirn-Traumata jedoch als Lappalie abgetan. In mehr als der Hälfte der Fälle werden sie sogar nicht einmal erkannt. Das kann schwere Folgen haben.

Beim Fußballspiel den Ball ins Gesicht zu bekommen oder vor eine Glastür zu laufen, sind banale Unfälle. Weil sie täglich irgendwo passieren, nehmen viele sie auf die leichte Schulter. Unfallchirurg Axel Gänsslen kennt das. Er weiß aber auch um die Folgen. "Gehirnerschütterungen sind Verletzungen des Hirns. Wie stark sie sind, zeigt sich oft erst später", sagt er.

Diese Spätfolgen drohen bei Gehirnerschütterung

Symptome wie Aufmerksamkeitsstörungen, eingeschränkte geistige Leistungsfähigkeit, Schlafstörungen, Angst oder depressive Verstimmungen sind unbekannte, aber nicht untypische Spätfolgen von Gehirnerschütterungen. Kanadische Wissenschaftler fanden sogar Hinweise darauf, dass mehrfache Gehirnerschütterungen das Risiko für Demenzerkrankungen steigern, wenn sie kurz aufeinander erfolgen. Auch das Risiko für Suizide soll durch die Miniverletzungen im Hirn steigen können.

In Deutschland werden pro Jahr schätzungsweise 44.000 Gehirnerschütterungen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser behandelt. Wir gehen jedoch von einer Dunkelziffer von 120.000 Fällen pro Jahr allein im Sport aus", sagt Christoph Kley, Neurologe im St. Johannes-Krankenhaus Troisdorf. Besonders im Schul- und Breitensport werden kleine Unfälle wie Stürze oder Zusammenstöße oft falsch eingeschätzt.

Warum mehr als die Hälfte der Hirntraumata unentdeckt bleiben

Warum ist das so? Eines der größten Probleme: Viele bringen mit einer Gehirnerschütterung Symptome wie kurze Bewusstlosigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit oder Erbrechen in Verbindung. Tatsächlich aber verliert im Schnitt nur einer von zehn Betroffenen das Bewusstsein. Die meisten fühlen sich hingegen nur kurzzeitig benommen, haben Kopfschmerzen oder zeigen kurzzeitig verlangsamte Reaktionen. In manchen Fällen werden die Beschwerden einer Gehirnerschütterung laut dem Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) auch erst sechs bis zwölf Stunden nach dem Unfall sichtbar.

Unfallmediziner Axel Gänsslen hat das bei seinem eignen Sohn erlebt: "Er war im Sportunterricht vor eine Reckstange gelaufen." Der Arzt diagnostiziert eine Gehirnerschütterung. Am Nachmittag nimmt ihn die Mutter mit zur Bäckerei um die Ecke. Das Kind wartet draußen. Als die Mutter herauskommt, ist der Junge weg. Orientierungslos fand man ihn schließlich 20 Gehminuten entfernt.

"Ein verdrehtes Sprunggelenk spürt man sofort. Niemand würde damit weiter Sport machen", sagt der Unfallmediziner. Bei Gehirnerschütterungen ist das anders. Besonders im Sport stehen die meisten nach Stürzen oder Zusammenstößen auf und spielen unbeirrt weiter. Wenn später Folgen wie leichte Reizbarkeit, Unwohlsein, depressive Verstimmung oder Müdigkeit zu Tage treten, denkt niemand mehr an das Hirn-Trauma, durch das sie verursacht sind.

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Nicht nur Schläge gegen den Kopf verursachen Gehirnerschütterungen

Was die Sache noch schwieriger für den Laien macht: Nicht nur direkte Schläge am Kopf verursachen Gehirnerschütterungen. Es reichen indirekte Traumata. Schlägt bei einem Sturz der Kopf heftig hin und her, reicht das, um Gehirnstrukturen zu schädigen, sagt Kley. Durch die ruckartige Bewegung schlägt auch das in Nervenwasser schwimmende Gehirn im Schädel hin und her. Dadurch werden die Nervenzellen verletzt. Bei harten Stößen kommt es gar zur Kollision mit der knöchernen Schädelwand. Das kann zu Blutungen führen.

Auch zunächst unterschätzte Erschütterungen des Kopfes wirken sich auf die Strukturen und Funktionen des Gehirns aus, besonders bei Kindern. "Kleine Hirne sind empfindlicher, weil sie noch in der Entwicklung stecken", sagt Kley.

44 Prozent der Betroffenen sind zu früh wieder am Schreibtisch

Die Ärzte raten deshalb, sich bei den leisesten Anzeichen bei einem Arzt vorzustellen und eine körperliche und geistige Auszeit zu nehmen. Dann verschwinden laut Kley in rund 80 Prozent der Fälle die Symptome spätestens nach einer Woche wieder. Aktuelle Daten zeigen jedoch, dass 44 Prozent der Patienten zu früh zum Sport oder in die Schule zurückkehren. In Folge dessen ist die Kopfschmerzrate bei Betroffenen auch drei Monate nach dem Unfallereignis noch 1,7fach höher.

Darum sollten auch Symptome wie plötzliche Licht- oder Geräuschempfindlichkeit, Nackenschmerzen, Konzentrations- oder Gleichgewichtsprobleme als Zeichen einer Gehirnerschütterung bekannt sein.

Hilfestellung bei der richtigen Einschätzung geben eine kostenlose App der Initiative der ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung "Schütz deinen Kopf",sowie eine Taschenkarte.

(wat)