Fahrtauglichkeit: Wann Sie zu krank zum Autofahren sind

Sich mit Alkohol hinters Steuer zu setzen, kann den Führerschein kosten. Doch auch viele Krankheiten können dafür sorgen, dass man nicht mehr hinters Steuer darf. Welche sind das und was passiert, wenn man es trotzdem macht?

Wer seinen Führerschein machen will, muss angeben, ob er unter chronischen Erkrankungen leidet. Nicht ohne Grund, denn sie können im Verkehr zur Gefahr werden. Hat man den Führerschein jedoch einmal in der Tasche, fragt so schnell niemand mehr danach. Dabei können auch später entstehende Leiden dazu führen, dass man fahruntauglich ist. Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder ein Schlaganfall gehören dazu, aber auch Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen, Epilepsie und Asthma, Gleichgewichtsstörungen oder psychische Erkrankungen wie akute Psychosen.

Im Jahr 2016 hat das Kraftfahrbundesamt den Führerschein in rund 1760 Fällen entzogen, in denen das Fahren aufgrund körperlicher Mängel (1037 Fälle) oder geistiger Einschränkungen (721 Fälle) nicht möglich war.

35 Millionen Deutsche leiden beispielsweise unter Bluthochdruck. Doch nur die Hälfte von ihnen weiß laut der Deutschen Hochdruckliga davon. Mit fatalen Folgen: Viele von ihnen dürften eigentlich nicht Auto fahren. Denn ist der untere, diastolische Wert dauerhaft über 130 mm Hg erhöht, sind sie laut Richtlinie für Kraftfahreignung nicht fahrtauglich. Schon bei einem unteren Blutdruckwert über 100 mm Hg, sollten die Patienten sich regelmäßigen Kontrolluntersuchungen unterziehen, um die Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten, sagt Ivo Grebe, Präsidiumsmitglied Berufsverbandes Deutscher Internisten und Gutachter für verkehrsmedizinische Fragen.

Das ist besonders dann wichtig, wenn weitere Erkrankungen wie Augenhintergrundveränderungen, Herzinfarkt oder Durchblutungsstörungen hinzukommen. Auch Begleiterkrankungen des Bluthochdrucks wie Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus oder nächtliche Atemaussetzer können die Fahrsicherheit gefährden. Bis zu 25 Prozent der Bluthochdruckpatienten leiden laut Hochdruckliga zusätzlich unter gestörtem Schlaf durch Schlafapnoe. Sie fallen auch bei Tagesfahrten vermehrt in Sekundenschlaf.

Mit welchen Krankheiten man wann nicht mehr hinters Steuer gehört, regelt die Begutachtungsrichtlinie für Kraftfahreignung. Das Problem jedoch: auch wenn Ärzte verpflichtet sind, bei Diagnosen, die Fahruntauglichkeit mit sich bringen, den Patienten zu informieren, zeigen sich die Betroffenen nicht immer einsichtig. „Sie fragen sehr selten, ob sie mit bestimmten Erkrankungen überhaupt noch Auto fahren können“, sagt Grebe. Melden darf der Arzt dies der Führerscheinstelle nur in einer Ausnahme: „Wenn unmittelbar Gefahr in Verzug ist“, sagt Grebe. Beispiel: „Ein Patient steigt nach einem Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung ins Auto.“

Kommt es in einer solchen Situation oder bei Herzpatienten durch einen akuten Herzinfarkt zu einem Unfall, kann die Führerscheinstelle eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) anordnen, sagt Verkehrsrechtler Christian Janeczek. Sie wird auch dann tätig, wenn Personen bei einer Verkehrskontrolle auffallen und Zweifel daran bestehen, dass sie aufgrund ihres geistigen oder körperlichen Zustands überhaupt fahren können.

Zwar muss ein Betroffener seine Krankheit auch der Polizei oder Staatsanwaltschaft gegenüber nicht freiwillig zugeben, da er als Beschuldigter Schweigerecht hat. Ergibt die Untersuchung des Gutachters aber, dass er nicht hätte fahren dürfen, muss er mit Führerscheinentzug und Bußgeld und sogar mit einer Anklage wegen Gefährdung des Straßenverkehrs (§ 315c Strafgesetzbuch) rechnen.

Gar nicht zur MPU zu erscheinen, ist übrigens auch keine Lösung. Die Fahrerlaubnis wird in diesem Fall ebenfalls entzogen. Das Verschweigen der Erkrankung kann nicht nur rechtliche Folgen haben, sondern auch zu einem eingeschränkten Versicherungsschutz führen. Die Haftpflichtversicherung tritt zwar zunächst für den Unfallschaden ein, holt sich im Nachgang jedoch das Geld vom Betroffenen zurück.

Ein besonderes Problem bilden dabei Demenzerkrankungen. „Oft erfahren Demenzkranke und deren Angehörige erst von der Erkrankung, wenn sie bereits weit fortgeschritten ist“, sagt Psychogerontologin Barbara Süß. Sie forschte lange in der Forschungsgruppe Demenz an der Universität Nürnberg und weiß, dass Demenzpatienten über einen längeren Zeitraum in der Lage sind, schwindende Fähigkeiten zu kompensieren. „Sie fahren nur noch die bekannten Strecken, keine Autobahn mehr und passen ihre Fahrleistung den Fahrfähigkeiten an“, sagt Süß.

Problematisch wird es ihrer Erfahrung nach im Bereich der dementiellen Erkrankungen erst dann, wenn Betroffene Verkehrsregeln nicht mehr beachten, weil sie sich daran nicht erinnern, durch langsames Fahren zum Verkehrshindernis werden oder aufgrund von Orientierungsschwierigkeiten eine Verkehrsbehinderung darstellen. Deutliche Hinweise auf eine Fahruntauglichkeit geben Schrammen am Auto oder wiederholte Unfälle.

Die gute Nachricht: „Ist ein hoher Blutdruck nachweislich über einen längeren Zeitraum gut eingestellt, gilt der Betroffene wieder als fahrtauglich“, sagt Grebe. Gleiches gilt für Diabetiker oder Epilepsie-Patienten. Sind Diabetiker ein Jahr ohne Unterzuckerung und Epileptiker ein halbes Jahr anfallsfrei und medikamentös gut eingestellt, dürfen sie wieder hinters Steuer.

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