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Männerarzt, der keiner ist: Wann Frauen zum Urologen müssen

Männerarzt, der keiner ist : Wann Frauen zum Urologen müssen

Was der Gynäkologe für die Frauen ist, ist der Urologe für die Männer. Das jedenfalls ist eine weit verbreitete Meinung. Doch es gibt Erkrankungen, mit denen auch das weibliche Geschlecht zum vermeintlichen Männerarzt muss.

Wenn Männer Potenzprobleme haben, die Prostata drückt oder der Beischlaf aus verschiedenen Gründen nicht mehr funktioniert, dann führt ihr Weg sie zum Urologen. Spätestens im Wartezimmer folgt die Einsicht, dass sie hier nicht unter sich sind. Auch Frauen füllen dort das Wartezimmer. Denn entgegen aller Annahmen ist er auch Facharzt für ihre Leiden.

Wenn es beim Wasserlassen schmerzt, wird der vermeintliche Männerarzt zum Frauenhelfer. Als Experte für Erkrankungen der harnbildenden und harnableitenden Organe ist diese Adresse genau die richtige. Blasenentzündung, Inkontinenz, Nierensteinen oder Tumoren an Blase oder Niere gehören in seine Obhut, egal ob beim Mann oder der Frau. Bei manchen Erkrankungen liegt der Anteil weiblicher Hilfesuchender sogar über dem des starken Geschlechts. Vier von fünf Patienten mit Blasenentzündung sind Frauen. Das hat anatomische Gründe. "Sie haben eine kürzere Harnröhre. Viel schneller gelangen so Keime bis zur Blase und lösen da eine Entzündung aus", erklärt Johan Denil, Urologe in der Pan Klinik in Köln.

So untersucht der Urologe

Auch wenn sie nun in beim urologischen Facharzt am besten aufgehoben wären, ist der Besuch dort für viele nicht leicht. Das weiß auch Denil: "Hierher zu kommen, ist für viele Frauen sehr schambesetzt." Das fordert viel Fingerspitzengefühl von den Ärzten, die versuchen, das Unwohlsein behutsam auszuräumen. "Grundsätzlich tragen wir der Intimssphäre Rechnung und versuchen die Frauen damit zu unterstützen, dass auch immer eine Arzthelferin mit im Behandlungsraum ist. Einige können ihre Angst leichter ablegen, wenn sie gemeinsam mit ihrem Partner kommen. "Manche fragen dann von sich aus, ob wir auch sie behandeln können", so Denil.

Wie beim Hausarzt oder Gynäkologen auch steht ein Gespräch und genaue Urinuntersuchungen an erster Stelle, um den Bakterientyp zu identifizieren. Manchmal wird ergänzend zum Bauch-Ultraschall eine Blasenspiegelungen oder Röntgenuntersuchungen notwendig. "Viele fürchten sich vor schmerzhaften Spiegelungen", sagt der Kölner Klinikarzt. Dabei hat sich in diesem Bereich in den letzten Jahren viel getan. Durch weiterentwickelte und flexible Geräte ist diese Untersuchung bei Männern wie Frauen nahezu schmerzfrei. Sie findet auf enem Stuhl statt, der dem beim Gynäkologen sehr ähnlich ist.

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In welchen Bereichen disziplinär gearbeitet wird

Dennoch baut sich die Scheu nur langsam ab: Ein Drittel der Patienten sind nach Denils Schätzung weiblich. Die Zahl könnte größer sein, doch vertrauen sich manche zunächst lieber ihrem Hausarzt oder Gynäkologen an. "Oft überschneiden sich Behandlungsfelder", sagt der Kölner Arzt. Machen die Nieren Ärger, kann auch der Nephrologe helfen, geht es um Krebserkrankungen, sitzt oft der Onkologe mit im Boot und bei Beckenbodensenkungen suchen Frauen beim Gynäkologen Rat. Dabei behandelt der Urologe diese Ursache für Inkontinenz ebenso wie der Frauenarzt. Denn Ärzte und Ärztinnen dieses Fachgebiets sind im Spezialbereich Urogynäkologie genau darauf hin ausgebildet und kennen sich so auch mit Beschwerden aus, die typischerweise beim weiblichen Geschlecht vorkommen: Beckenboden- oder Gebärmuttersenkungen, Harnabflussstörungen und sogar Geschlechtskrankheiten wie Chlamydien fallen ebenso darunter wie Krebserkrankungen, Inkontinenz oder Reizblase.

Vielerorts finden sich darum Initiativen, die eine interdisziplinäre Arbeit forcieren. "Die Initiative Beckenboden am Heilig Geist-Krankenhaus Köln ist ein gutes Beispiel hierfür", führt Denil an. Dort arbeiten Ärzte der Chirurgie, der Gynäkologie, der Inneren Medizin, der Radiologie, Urologie, Neurologie und der Psychosomatik sowie Physio- und Schmerztherapeuten Hand in Hand. Dem Patienten nutzt der Blick aus verschiedensten Fachrichtung auf ein und dasselbe Leiden.

(wat)