Unwissenheit bei Patienten: Verstehen Sie Ihren Arzt oder Apotheker?

Unwissenheit bei Patienten : Verstehen Sie Ihren Arzt oder Apotheker?

Das Ausmaß des Nichtwissens zum Thema Gesundheit ist groß. Jeder Fünfte hat Schwierigkeiten, Alltagsgewohnheiten wie Essen und Trinken zu beurteilen. Je kränker die Menschen sind, desto schwerer tun sie sich im Gesundheitssystem.

Wie lassen sich bestimmte Krankheitssymptome erklären? Auf welchen Internet-Seiten finden sich korrekte Fakten zum Thema Gesundheit? Wann sollte ich zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen? Eine Mehrheit der Deutschen weiß bei diesen Fragen keinen Rat, wie eine noch unveröffentlichte Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) zeigt.

Die Studie beruht auf einer bundesweiten Repräsentativ-Umfrage unter gesetzlich Versicherten. Die Daten wurden mit anderen europäischen Erhebungen verglichen. In jedem Land wurden rund 1000 Bürger ab 15 Jahren befragt.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Deutschen eine besonders niedrige Gesundheitskompetenz aufweisen. Das Ausmaß des Nichtwissens ist groß. So findet es jeder fünfte gesetzlich Versicherte schwierig zu beurteilen, wie sich Alltagsgewohnheiten bezogen auf Essen, Trinken und Bewegung auf die eigene Gesundheit auswirken.

Viele Menschen können mit den Gesundheitsinformationen im Internet oder in anderen Medien nichts anfangen: 30 Prozent der Befragten gaben an, dass sie Schwierigkeiten haben, diese überhaupt zu verstehen. Aus Sicht der Patientenberater, die vor allem persönlich am Telefon Hilfe leisten, würden mehr oder andere allgemeine Gesundheitsinformationen das Problem nicht lösen: "Die Verbreitung von produzierten Gesundheitsinformationen wird überschätzt", sagt Sebastian Schmidt-Kähler, Geschäftsführer der Unabhängigen Patientenberatung. Er weist darauf hin, dass 14 Prozent der Bevölkerung als funktionale Analphabeten gelten, also keine zusammenhängende Texte verstehen und sich nicht über Gesundheit informieren können. Schmidt-Kähler sieht die Notwendigkeit, dass Ärzte und Krankenkassen stärker individuell auf die Bedürfnisse und Fragen der Patienten eingehen.

Insbesondere schwerkranke Menschen und Chroniker gelten in unserem Gesundheitssystem als überfordert. "Für viele Chroniker ist es zu viel, ihr Leben für die Krankheit umzustellen und sich zugleich an den medizinischen Entscheidungen zu ihrer Krankheit zu beteiligen."

Die Bielefelder Gesundheitswissenschaftlerin Doris Schäffer beschäftigt sich gerade in einer weiteren Studie zum Bereich Gesundheitskompetenz mit den Fähigkeit von "vulnerablen Gruppen", wie es die Fachleute nennen. Gemeint sind bildungsferne Gruppen sowie Migranten, sehr junge Menschen, Alte und Chroniker. Die Befunde, auf die die Wissenschaftler bei ihrer Arbeit stoßen, sind teils erschreckend. "Jeder Achte weiß nicht, dass man im Notfall die 112 anruft", berichtet Schäffer, die auch Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung für das Gesundheitswesen ist.

Die Expertin sieht die Chroniker im Gesundheitssystem besonders benachteiligt. "Bei uns deutet sich der Befund an, dass je mehr Kontakt die Menschen zum Gesundheitssystem haben, desto weniger verstehen sie die Informationen", berichtet die Wissenschaftlerin aus ihrer Arbeit. Das System verunsichere die Menschen. Die Patienten würden beim Arzt nicht ausreichend nachfragen.

Bei psychischen Problemen tun sich die gesetzlich Versicherten besonders schwer, professionelle Hilfe zu finden. So gaben knapp 40 Prozent von ihnen an, dass sie es "schwierig" oder "sehr schwierig" finden, Informationen über Unterstützungsmöglichkeiten zu erlangen. Auch bei diesem Thema sind die Hürden für die Chroniker offenbar am höchsten. Fast die Hälfte von ihnen sieht es als Problem an, sich im Fall von Stress oder Depression Hilfe zu holen.

(qua)
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