Karpaltunnelsyndrom: Wenn die Hände zu kribbeln beginnen

Sprechstunde: Ulrich Waltking : Wenn die Hände zu kribbeln beginnen

Das Karpaltunnelsyndrom ist eine häufige Erkrankung in der handchirurgischen Ambulanz.

Unsere Leserin Astrid N. (46) aus Neuss fragt: "Jede Nacht werde ich davon wach, dass meine rechte Hand eingeschlafen ist. Sie fühlt sich dann ganz dick an, und ich kann sie ganz schlecht bewegen. Sie wirkt wie voller Ameisen! Manchmal habe ich das auch links. Sind das Durchblutungsstörungen?"

ulrich Waltking Sie beschreiben typische Anzeichen des Karpaltunnelsyndromes, eines Handwurzel-Tunnel-Syndroms, das zu einer Einklemmung des Mittelnervs führt. Zum Verständnis ein Ausflug in die Anatomie: Die einzelnen Knöchelchen der Handwurzel sind im Halbbogen angeordnet. Er wird mit einem kräftigen Bindegewebsband zusammengehalten, so dass ein Tunnel entsteht. Durch ihn verläuft neben den Fingerbeugesehnen auch der Mittelnerv auf seinem Weg von der Halswirbelsäule zu den Fingerspitzen. Er versorgt den Daumen, den Zeige- und Mittelfinger und auch die Hälfte des Ringfingers mit Gefühl. Damit können wir Berührungen empfinden und Dinge ertasten; wir können merken, ob der Gegenstand, den wir gerade greifen wollen, nicht doch zu heiß ist. Der Nerv ermöglicht uns, die Kraft zu regulieren, mit der wir zufassen. Kommt es zur Verdickung dieses Bindegewebsbandes, hat der Nerv nicht genug Platz, um normal zu funktionieren.

Er gerät unter Druck. Die Ursache dieser Verdickung kann vielfältig sein, nur die Beanspruchung durch Arbeit oder Computertätigkeit spielt keine Rolle. Wesentliche Ursachen sind familiäre Veranlagung, sinkende Östrogenspiegel im Blut, Schilddrüsenkrankheiten, Stoffwechselveränderungen, die zu einer Verhärtung des Bindegewebes führen, wie Diabetes, rheumatische Erkrankungen und andere. Die Reaktion des Mittelnervs auf diesen Einklemmungszustand zeigt sich zunächst in einem gelegentlichen Kribbeln der Fingerspitzen, vor allem am Mittelfinger. Weil sich Bindegewebe in Ruhe mit Wasser anreichert, also anschwillt, tritt dieser Zustand vor allem nachts auf. Im Verlauf wird das Kribbeln heftiger, es umfasst jetzt die ersten drei Finger der Hand, vielleicht auch schon eine Hälfte des Ringfingers. Taubheitsgefühle der Fingerspitzen und Finger kommen hinzu. Schmerzen können bis zum Unterarm oder Ellbogen, sogar bis zur Schulter ausstrahlen. Wie sieht die Behandlung aus? Zuvor müssen andere Erkrankungen ausgeschlossen werden, etwa Nervenwurzelreizungen bei einer Verschleißerkrankung der Halswirbelsäule, Entzündungen der Nerven, wie sie auch bei Zuckerkrankheit vorkommen können oder Nebenwirkungen von Medikamenten. Der nächste Schritt ist eine neurologische Untersuchung. Ähnlich dem Techniker der Telefongesellschaft wird der Neurologe durch eine elektrische Messung der Nervenströme die Stelle der Nervenschädigung eingrenzen und andere Ursachen ausschließen können. Der Handchirurg wird Sie über die Behandlungsmöglichkeiten beraten. In einem frühen Stadium der Erkrankung kann das nächtliche Wickeln der Handgelenke oder das Tragen von Nachtschienen Linderung verschaffen. Gleichzeitig kann die Einnahme von hoch dosierten Vitamin-B-Präparaten sinnvoll sein. Die Enge des Karpaltunnels kann auch mit lokalen Injektionen einer geringen Dosis Cortison angegangen werden: Es ist entzündungshemmend und abschwellend. Ist das Krankheitsbild fortgeschrittener oder haben die bisherigen Maßnahmen keine Besserung gebracht, muss das verdickte Karpalband operativ gespalten werden. Auf diese Weise wird der Handwurzelkanal erweitert, und der gequälte Mittelnerv kann sich rasch erholen. Ein bereits tauber Nerv wird allerdings lange brauchen, bis er wieder normal fühlen kann. Zur Operation gibt es zwei Verfahren, die offene und die endoskopische Karpalbandspaltung. Beide Methoden haben das gleiche Ergebnis, und Sie sollten Ihrem Operateur vertrauen, mit welchem Verfahren er die besten Erfahrungen hat. Wird nicht behandelt, nimmt der eingeklemmte Nerv über Monate und Jahre Schaden, er wird zunehmend gelähmt.

(RP)
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