Kiffen zu sehr bagatellisiert: So gefährlich ist Cannabis

Kiffen zu sehr bagatellisiert: So gefährlich ist Cannabis

Cannabis ist die meistkonsumierte illegale Droge weltweit. Die Folgen des Kiffens werden jedoch vor allem von Jugendlichen unterschätzt. Wissenschaftler und Ärzte warnen vor einem doppelt so hohen Psychose-Risiko, Krebs und Hirnstörungen.

"Kein Bock mehr auf Fußballtraining, die schulischen Leistungen werden immer schlechter, Stress im Ausbildungsbetrieb, Führerschein weg", so beschreibt Kerstin Moré, Psychologin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Rostock die Folgen von Cannabiskonsum. Im Klinikum trifft sie immer wieder auf Jugendliche und deren Eltern, die Hilfe suchen. Sie findet, dass Cannabis-Konsum allgemein zu sehr bagatellisiert werde.

"Es heißt immer: So ein bisschen Kiffen ist nicht schlimm", sagt die Psychologin. Doch Studien aus der Neurologie, Präventionsmedizin oder Krebsforschung zeigen, was Cannabis-Konsumenten oft nicht wahr haben wollen: Das Risiko für Erkrankungen wie Psychosen und psychische Abhängigkeit vervielfacht sich bei denen, die regelmäßig Cannabis konsumieren. Präventionsforscher der Universität in Los Angeles haben herausgefunden, dass der Konsum dieser Droge sich bei Männern besonders nachteilig auswirkt. Ihr Risiko an Hodenkrebs zu erkranken steigt um 32 Prozent.

Risiko Hodenkrebs steigt signifikant

Hodenkrebs an sich ist eine seltene Tumorerkrankung Allerdings ist Hodenkrebs unter den 25- bis 45-Jährigen der häufigste bösartige Tumor, so zeigen es die Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Die Präventionswissenschaftler aus den USA beobachten in den letzten Jahrzehnten einen Anstieg der Krebserkrankung und suchen nach den Gründen dafür. Ihnen scheint naheliegend, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Cannabis-Konsum und der Entwicklung der bösartigen Tumore gibt. Über 80 Prozent der Hodenkrebspatienten, die die Wissenschaftler für ihre Studie befragten gaben an, Marihuana geraucht zu haben. Die Mediziner errechneten aus den Studiendaten ein um 32 Prozent höheres Risiko für Kiffer, Hodenkrebs zu bekommen. Den Mechanismus, der dahinter steckt, konnten die Wissenschaftler bislang jedoch nicht entschlüsseln.

Für Kranke eine Hilfe, für Gesunde eine Gefahr

Auch, wenn diese Studie nicht alle Fragen rund um die Gefahr des Drogenkonsums klären kann, zeigen doch andere Studien, dass Cannabis wie auch andere Drogen und Alkohol der Gesundheit nicht zuträglich ist. Immer noch unterscheidet Cannabis sich von anderen Drogen dadurch nach Einschätzung von Medizinern und Wissenschaftlern, dass sie unterschätzt wird. Wird sie von schwer kranken Menschen auch wegen ihrer zum Beispiel schmerzlindernden Eigenschaften geschätzt, bringt sie dem gesunden Menschen zwar den Rausch, doch damit auch gesundheitliche Risiken.

Dauernder Gebrauch kann zu einer chronischen Entzündung der Atemwege führen oder erhöhtem Pulsschlag. In bestimmten Fällen könne es zudem zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen und Hormonstörungen verursachen. "Der Rauch von Cannabis enthält zahlreiche Schadstoffe, die im Vergleich zum Tabak um ein Vielfaches giftiger eingeschätzt werden und Lungen-und Bronchialerkrankungen verursachen können", warnt die Drogenberatungsstelle Rheine.

Je früher der Konsum, desto riskanter

"Cannabis ist keine Spaßdroge!", so Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Rund sieben Prozent der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen und fast 40 Prozent der 18 bis 25-Jährigen gaben 2011 an, mindestens einmal im Leben Cannabis konsumiert zu haben. "Dabei kann die Droge in Gehirnen, die gerade in der Entwicklung sind, großen Schaden anrichten", sagt Prof. Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Je früher Jugendliche die Droge konsumieren, desto höher wird das Risiko, gesundheitlichen Schaden davon zu tragen.

Jugendliche, die Cannabis konsumieren, zeigen fast doppelt so oft Symptome einer Psychose, warnt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). Unter jungen Erwachsenen sind es beinahe 40 Prozent, die regelmäßig Cannabis konsumieren. "In der psychiatrischen Klinik sieht man leider zunehmend junge Patienten, die eine chronisch verlaufende psychotische Symptomatik aufweisen und die lange – auch noch nach Beginn der Psychose – Cannabis konsumiert haben", sagt Prof. Dr. Frank Häßler, Präsident der DGKJP. Aus einem regelmäßigen Konsum steigt damit auch das Risiko, dass sich diese Symptome dauerhaft einstellen und im Erwachsenenalter eine Schizophrenie diagnostiziert wird.

Erste Anzeichen einer Psychose

Symptome wie nachlassende Schulleistungen oder berufliche Leistungen, Konzentrationsstörungen und nachlassende Aufmerksamkeit können erste Anzeichen für eine beginnende Psychose sein. Ebenso Halluzinationen oder Wahnvorstellungen gehen manchmal auf den Konsum von Cannabis zurück und sind dem Verlauf nach einer Schizophrenie sehr ähnlich.

"Auch selbst wahrgenommene Veränderungen und Beeinträchtigungen des Denkens - wie häufiges 'Fadenverlieren' – oder eine veränderte Wahrnehmung mit erhöhter Reizempfindlichkeit oder Störungen im Sehfeld können auf ein erhöhtes Psychose-Risiko hinweisen", so der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universität Rostock. "Hinzu können schwere psychische Zustände wie Angstzustände und Depressionen kommen", betont die Rostocker Psychologin Kerstin Moré. Kiffen kann Halluzinationen beziehungsweise Wahnvorstellungen ausgelösen, die im Erscheinungsbild und im Verlauf dem Bild der Schizophrenie ähnlich sind.

Gefahr für das Gehirn

Bremer Wissenschaftler nehmen nach Versuchen mit Ratten sogar an, dass der Konsum von Haschisch und Marihuana in der Pubertät das Kurzzeitgedächtnis dauerhaft schädigen. Ergebnisse einer Langzeitstudie aus den USA lassen sogar noch schlimmeres fürchten. Die Forscher aus North Carolina gehen davon aus, dass durch regelmäßigen Cannabiskonsum der Intelligenzquotient unwiderruflich sinke.

Hier erhalten Sie viele Informationen rund um eine mögliche Legalisierung von Marihuana, Hanf und Haschisch in Deutschland.

Hier geht es zur Infostrecke: Das sollten Sie über Cannabis wissen

(wat)
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