Sexualhormone — wie manipulierbar machen sie uns?

Weniger lügen, hübscher und treuer durch Sexualhormone: Hormone — wie manipulierbar machen sie uns?

Es gibt ein Sexualhormon, das Frauengesichter attraktiver machen soll. Ein anderes lässt mutmaßlich Männer spendabler werden, macht sie sexuell treu und ehrlicher. Die Macht der zirkulierenden Botenstoffe im Menschen scheint größer als gedacht. Manche könnten wirken wie Drogen, meinen die Forscher. Stellt sich die Frage: Wie manipulierbar ist der Mensch durch die Gabe von Hormonen?

Sie bringen uns zum Schlafen, regulieren unseren Stoffwechsel, den Kreislauf und unser Verhalten. Sie lassen uns Lieben oder machen aggressiv und machen uns in den allerersten Anfängen zu dem, was wir sind: Mann oder Frau.

So funktioniert das mit den Hormonen

Pausenlos kreisen die unsichtbaren Botenstoffe durch die Blutbahn, auf dem Weg zu den Zellen, auf die sie Einfluss nehmen wollen. Zielzellen, auf deren Oberfläche sie nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip passend andocken und dort mit spezialisierten Molekülen in Wechselwirkung treten. Nicht alle Hormone nutzen die Blutbahn — manche werden im Gewebe gebildet und gelangen durch Zellzwischenräume an ihr Ziel. Manchmal versenden Die Botenstoffe Informationen rasend schnell, manchmal langsam. Beim Stresshormon Adrenalin setzt die Wirkung explosionsartig und schnell nach der Ausschüttung ein. Manche Sexualhormone wie die Steroide wirken hingegen erst nach Stunden.

Wehenhormon auch interessant für Männer?

Ins Visier der Psychologen, Biochemiker und Hormonspezialisten geriet in jüngster Vergangenheit vor allem der Neurobotenstoff Oxytocin. Bekannt wurde es als Wehen- und Stillhormon und schien damit für den Mann eher bedeutungslos. Doch werden ihm nach vielen Studien unzählige positive Eigenschaften zugeschrieben: Es reduziert Angst und Stress und beeinflusst die Wundheilung positiv, wie Wissenschaftlerin Dr. Beate Ditzen von der Universität Zürich herausfand.

Jeder Mensch schüttet das körpereigene Hormon aus. Während es bei Frauen während der Entbindung dadurch nutzt, dass sich die Gebärmutter zusammenzieht und so dem Baby hilft, den Weg aus dem Mutterleib anzutreten, sorgt es später durch ein Zusammenziehen der Milchdrüsen dafür, dass die Milch in Richtung Brustwarze fließt. Manchen Müttern soll das Hormon beim Stillen mitunter sogar Lustgefühle bescheren und — über die Muttermilch auch dem Säugling eingeflöst — beruhigend auf ihn wirken. Es sorgt dafür, dass das eintritt, wonach sich alle sehnen: Ein zufriedenes, ge-"still"tes Baby.

Wie das Kuschelhormon zu seinem Namen kommt

Wie in der Mutter-Kind-Bindung ist der im Volksmund auch als Kuschelhormon bezeichnete Stoff zudem der zauberhafte Wirkstoff, der Mann und Frau emotional verbindet. Beim Sex sorgt es für den orgastischen Höhepunkt. Es wird dann vom Gehirn in hohen Dosen ausgeschüttet und bewirkt bei der Frau die Kontraktionen der Gebärmutter sowie beim Mann die des Samenleiters. Wer sich danach aus innigster Einswerdung löst, fühlt tiefster Geborgenheit und zarten Berührungen nach — verantwortlich ist auch dafür das Oxytocin.

Das fanden Wissenschaftler heraus, die im Versuch bei Männern die Rezeptoren für das Hormon blockierten. In Folge dessen erlebten sie zwar einen Orgasmus, doch war danach das wohlige Schmusegefühl auf und davon. Die Suche nach weiteren wunderbaren Auswirkungen des Oxytocins veranlasste Wissenschaftler aus Zürich und Bonn dazu, Männern den Stoff als Nasenspray zu verabreichen. Sie wollten damit herausfinden, ob beim Menschen ähnliches geschieht wie bei Wühlmäusen. Die nämlich gingen nach der Injektion des Hormons eine Bindung ein und verloren ihre Partnertreue, wenn man den Hormon-Rezeptor blockierte.

Oxytocin macht Männer treu

Ihr Augenmerk richteten die Forscher vor allem darauf, wie sich der körpereigene Stoff auf das Vertrauen zwischen Menschen auswirkt. Das Ergebnis: Männer, die einen Sprühstoß bekamen, hatten größeres Vertrauen in andere Menschen als die, die nur ein Placebo inhalierten. Verabreichte man dem starken Geschlecht Oxytocin, zeigte es sich in einem anderen Experiment monogamer. Im Test bekamen die Probanden dabei Bilder von Frauen gezeigt — darunter auch das ihrer Partnerin. Zauberhaftes geschah: Das künstlich verabreichte Bindungshormon stimulierte das Belohnungszentrum im Gehirn und die Attraktivität der Partnerin erhöhte sich.

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"Dieser biologische Mechanismus der Zweisamkeit ist einer Droge sehr ähnlich", sagt Prof. René Hurlemann von der Klinikum für Psychiatrie der Uniklinik Bonn. Das also haben die Liebe und der Drogenkonsum gemeinsam: Das Streben nach einer Stimulation des Belohnungssystems im Gehirn. Die Wissenschaftler erklären so auch die tiefe Depression oder Trauer, in die Partner nach einer Trennung fallen können. "Das Belohnungssystem ist mangels Oxytocin-Ausschüttung unterstimuliert und quasi auf Entzug", erläutert Prof. Hurlemann. Wer nun meint, er könne sich mit einem Sprühstoß des Hormon-Nasensprays die Stimmung versüßen, könnte sein blaues Wunder erleben. Denn die Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine künstliche Oxytocin-Gabe das Leiden eventuell sogar verstärken könnte und die Sehnsucht weiter wachse.

Die dunkle Seite des Kuschelhormons

Als Spaßspray ist das Hormon aber auch aus anderen Gründen nicht geeignet. Denn neben den positiven Eigenschaften gilt als nachgewiesen, dass der körpereigene Stoff vergesslich macht und die Konzentration negativ beeinflusst. Auf Männer wirkt er entgegen der Erfolgsversprechungen wie Orgasmushöhenflügen einfach nur ermüdend. Längst nicht alle Studien finden ausschließlich Positives: Hohe Dosen können nach Angaben der Arzneimitteldatenbank zu Ödemen, Blutdruckanstieg, Angina pectoris und sogar zu Krampfanfällen und Koma führen.

Weniger krasse, aber dennoch unerwünschte Auswirkungen deckten die Psychologen der Universität Haifa auf: Negative Gefühle wie Neid und Schadenfreude werden durch den Stoff verstärkt. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Wissenschaftler der Universität Amsterdam. Sie ließen unter der Gabe des hoch gepriesenen Hormons Studenten in Gruppen mit Arabern und Deutschen um Geld spielen und kam zu dem Schluss, dass die Substanz Gewalt zwischen den Gruppierungen, Fremdenangst und Vorurteile gegenüber anderen fördere.

Transmitter-Gewitter

Die Ursache für das Verhalten erklären die Wissenschaftler evolutionsbiologisch. Ein Blick ins Tierreich zeigt, wie aggressiv säugende Muttertiere auf unbekannte Artgenossen reagieren. Enge Bindungen sorgen immer auch für ein abschottendes Verhalten gegenüber anderen, denn es geht im Kampf der Natur darum, die eigenen Gene durchzubringen.

Das zeigt, dass es nicht so einfach ist, wie es scheinen mag: Kritiker merken dazu an, dass die hormonellen Wirkmechanismen im Menschen sind komplexer aufgebautseien und sich darum Partnertreue nicht allein auf ein Hormon reduzieren lasse. Aus diesem Grund befassen sich auch Verhaltensforscher mit Phänomenen wie Partnertreue. Sicher spielt der Hormonstatus eine Rolle — wie man allein an pubertierenden Teenagern sieht, — doch sind es weit mehr Wirkfaktoren, die Verhalten beeinflussen als ein einziges Hormon.

Testosteron lässt Männer weniger lügen

Das männliche Geschlechtshormon bringt zum Beispiel den Muskelaufbau auf Trab und ist zudem für Eigenschaften verantwortlich, die häufig in Zusammenhang mit typisch männlichem Verhalten gebracht werden: Imponiergehabe und riskantes und angreifendes Verhalten können durch Testosteron ausgelöst werden und außerdemTreibstoff für einen übermäßigen Sexualtrieb sein. Was gar nicht in dieses Bild hineinpassen will: Testosteron kann Sozialverhalten und faires Verhalten fördern. Eine Studie zeigte wie hohe Werten des männlichen Sexualhormons die Wahrscheinlichkeit zu lügen senken. "Dieses Ergebnis widerspricht klar dem eindimensionalen Ansatz, dass Testosteron zu antisozialem Verhalten führt", sagt Prof. Dr. Armin Falk vom Center for Economics and Neuroscience der Universität Bonn. In diesem Fall aber werden die positiven Eigenschaften kaum beachtet. Eine Forschergruppen um den Niederländer Jack van Honk von der Universität Utrecht und Christoph Eisenegger von der Universität Cambridge stellte dazu jüngst klar, dass die Wirkung immer kontextabhängig sei.

Rat: Immer schön im Gleichgewicht bleiben

Sowohl zu hohe als auch zu niedrige Hormonwerte bergen gegenüber einem ausgeglichenen Hormonhaushalt Risiken. Wer also auf eine Therapie mit ihnen setzt, sollte vorher genau wissen, welche Ursache hinter seinem Ungleichgewicht steht und gegebenenfalls zunächst über alternative Therapien versuchen, es auszuschalten. Bei klimateriumsbedingten Beschwerden kann das die Einnahme von pflanzlichen Östrogenen, wie sie in Sojaprodukten vorkommen sein. Hormone als Liebespille oder Sozialverstärker einzunehmen ist sinnlos. Das richtet im Zweifel mehr Schaden an als es Nutzen bringt und ist zudem vollkommen überbewertet.

(wat)