Prehabilitaion - was körperliches Training vor der OP bringt

Neues Behandlungskonzept : Wie der Körper für eine OP fit gemacht wird

Prehabilitation – dieses neue Konzept hilft Kliniken, ihre Patienten schon vor der Operation auf die Zeit danach vorbereiten. Experten erklären, welche Erfolge man damit erzielt.

Am Morgen ist es am schlimmsten. Bei den ersten Schritten schmerzt sein Knie besonders stark. Werner Habicht kann es kaum belasten. Denn seit vielen Jahren leidet er unter Kniearthrose. Nun soll eine Knieprothese die Situation verbessern. Habicht hofft, nach der Operation und einer Reha-Phase wieder unbeschwert seinen Aktivitäten nachgehen zu können.

Was ihn jedoch erstaunt: Seine Reha soll bereits sechs Wochen vor dem operativen Eingriff beginnen. Prehabilitation (Prehab) nennt sich das neue Konzept, das man seit November am Städtischen Krankenhaus in Nettetal Knie- und Hüftpatienten anbietet. Die Idee ist noch jung, doch zeigen Studien aus der Orthopädie und Onkologie, dass dieser Ansatz Erfolg verspricht.

Prehab heißt: Muskelaufbau, Krafttraining und Ausdauer trainieren – und das mehrere Wochen lang. Im Städtischen Krankenhaus in Nettetal plant man Operationen am Knie- oder Hüftgelenk so, dass die Patienten eine bewegungstherapeutische Vorbereitungszeit von etwa sechs Wochen haben. Je nach Operation oder Trainingsprogramm kann es etwas länger oder kürzer sein.

Das Ziel: „Wir möchten die Patienten so fit machen, dass sie körperlich auf einem möglichst hohen Niveau in die Operation gehen“, sagt Klaus Schmitz, Leiter des Gesundheitszentrums am Krankenhaus in Nettetal. Denn Kraft und Beweglichkeit vor der OP sind ausschlaggebend dafür, wie beweglich man nach einer solchen Operation sein wird. Für die meisten ist genau das Gegenteil üblich: Sie bewegen sich wenig, um Schmerzen zu vermeiden, warten auf die OP und darauf, danach wieder durchstarten zu können.

Genau das beobachtet auch Lothar Seefried, Orthopäde und Leiter der Klinischen Studieneinheit an der Orthopädischen Klinik der Universität in Würzburg: „Durch ihre Erkrankung haben die Betroffenen eine schlechte Ausgangssituation an Knie oder Hüfte. Dauernder Bewegungsschmerz führt zu Schonhaltung. Die Körperhaltung und Statik des Betroffenen verändern sich.“ Dies führt laut Seefried zu Fehlbelastungen und Sekundärschäden, besonders Bewegungseinschränkungen. Wenn sich die Betroffenen weniger bewegen, bauen sich zudem die Muskeln ab, sodass die Patienten an Kraft verlieren.

Diesen Teufelskreis wollen Ärzte durchbrechen. Denn aus Studien weiß man, dass die Prehab einen schmerzlindernden Effekt vor und auch nach der Operation hat. Der Orthopäde Roel van der Most untersuchte dafür Menschen vor und nach einer Operation. Die einen hatten sich schon vorher mit Prehab fit gemacht, die anderen nicht. Das Ergebnis: Die durch Training vorbereiteten Menschen hatten rund 50 Prozent weniger Schmerzen.

Dieses Wissen nutzt man auch in Nettetal: „Es ist wie mit einem Gartentörchen, das lange im Regen hängt und dessen Scharniere verrosten“, sagt Enno Steinheisser, Chefarzt am Zentrum für Arthroskopie und Endoprothetik am Krankenhaus Nettetal. Versucht man es zu bewegen, funktioniert das kaum. Öffnet und schließt man es für einige Minuten, geht es schon viel besser.

Aktivität zahlt sich also aus. Sie verbessert die Chancen auf eine erfolgreiche Rehabilitation deutlich, sagen die Experten. Was man zudem weiß: Durch das Training vorab gibt es weniger Komplikationen. Die Patienten können schneller wieder aufstehen. Positive Folge: Das Risiko für Lungenembolien und Thrombosen nach der OP sinke. Außerdem können die Patienten nach dem Eingriff früher wieder entlassen werden. Im Klinikum Lichtenfels sind die Patienten im Schnitt 1,8 Tage früher wieder zu Hause, sagt Maximilian Schenke, der dort als Orthopäde und Unfallchirurg arbeitet.

Er hat gemeinsam mit Sportwissenschaftlern und Physiotherapeuten eine App entwickelt, die seit Juli 2019 das persönliche Training mit den Physiotherapeuten ergänzt. Sie gibt den Patienten die Möglichkeit, sich selbstständig mit auf ihn zugeschnittenen Übungen auf den bevorstehenden Eingriff vorzubereiten. Mit Hilfe der App trainieren die Patienten sechs bis acht Wochen vor der geplanten OP zu Hause zwischen 15 und 35 Minuten täglich. Dabei geht es in erster Linie um die Stärkung des Herz-Kreislaufsystems, Koordination, Ausdauer und Muskelaufbau, erklärt Schenke.

Wie bedeutsam das ist, hat die Medizin vor mehr als zehn Jahren von Lungenkarzinom-Operateuren gelernt. „Diese stellten fest, dass es nicht egal ist, welche körperliche Leistungsfähigkeit der Patient hat, bevor man ihn operiert“, sagt Joachim Wiskemann, Leiter des Bereichs Onkologische Bewegungstherapie am Nationalen Centrum (NCT) für Tumorerkrankungen in Heidelberg. Die Ärzte stellten fest, dass es Sinn ergibt, vor der Operation des Tumors auf eine möglichst optimale Leistungsfähigkeit der Patienten hin zu trainieren. Plötzlich war bei der Lungenfunktion und der Leistungsfähigkeit des Herz-Lungen-Kreislaufsystems nicht mehr von Risikoparametern die Rede, sondern man sah sie nach dem Training als Erfolgsparameter an.

Dadurch ließ sich nicht nur der Krankenhausaufenthalt verkürzen, auch die Komplikationen bei Lungen- wie auch bei großen Operationen im Bauchraum wurden weniger, sagt Wiskemann. Die Patienten mussten auch nach dem Eingriff weniger oft erneut ins Krankenhaus.

Sind Operationen planbar, legt man sie terminlich so, dass der Patient zunächst sportlich etwas für sich tut. Gerade in der Krebstherapie kann das aber psychologisch belastend sein. „Wer von einem Tumor weiß, möchte diesen besser gestern als heute entfernt wissen“, sagt der onkologische Sporttherapeut und Sportpsychologe. Dennoch gelingt es meist, den Betroffenen deutlich zu machen, dass Operationen oder Chemotherapien besser verkraftet werden, wenn man vorher oder währenddessen trainiert und die spätere Tumorbehandlung keine nachteiligen Auswirkungen auf den Gesundheitszustand hat.

Auch wenn die Wirksamkeit der Preha noch nicht in Gänze erforscht ist, zeigen die bislang vorhandenen Studien, dass gezielte körperliche Bewegung nicht nur Vorteile bei der Krebstherapie oder Knochen- und Gelenkoperationen hat. Eine Metaanalyse machte im Jahr 2010 auf die positiven Auswirkungen eines frühzeitigen körperlichen Trainings vor Herz- oder Bauchoperationen aufmerksam. Wiskemann ist davon überzeugt, dass dieser Ansatz allen Menschen, die operiert werden, Vorteile verschafft.

„Wir haben eindeutige Studienergebnisse, die zeigen, dass auch Männer mit Prostatakarzinomen durch ein gezieltes Beckenboden-Training vor der OP im Anschluss daran seltener unter Inkontinenz leiden“, sagt Wiskemann. Inkontinenz ist eines der häufigsten Probleme nach Prostataoperationen. Am Klinikum Lichtenfels hat man in Zusammenarbeit mit der Uniklinik Erlangen ein Beckenbodentraining für Männer nach einer Prostata-OP entwickelt. Eine Prehab für genau dieses Problem ist derzeit dort in Planung, sagt Maximilian Schenke.

So vielversprechend das auch klingt: Prehab ist harte Arbeit. Denn ein solches Training verlangt dem Patienten vor der OP Disziplin und ein ordentliches Maß an Motivation ab.