Wo sich Arzneipflaster eignen: Medikament — statt Pille ein Pflaster

Wo sich Arzneipflaster eignen : Medikament — statt Pille ein Pflaster

Wundpflaster, die man bei kleinen Verletzungen aufklebt, kennt jeder. Manche gibt es mit antibakterieller Ausstattung, doch da hört das Zaubern nicht auf. Gegen Schmerzen, zur Raucherentwöhnung oder als Verhütungsmittel gibt es die Medizin, die über die Haut wirkt. Wir erklären, wie die Wirkstoffpflaster funktionieren.

Das, was aussieht, wie ein herkömmliches Pflaster, hat es in sich: Arzneimittelpflaster werden wie normale Heftpflaster auf die Haut aufgeklebt, enthalten jedoch Wirkstoffe, die sie nach dem Aufkleben frei setzen.

Es gibt viele Wege, die solche Wirkstoffe in den menschlichen Körper nehmen können: per Spritze, mit der Tablette oder einem Saft über den Magen oder aber auch über unser größtes Organ: die Haut. Eigentlich ist sie dazu da, unseren Körper vor Umwelteinflüssen wie Feuchtigkeit, Hitze oder Staub und Krankheitserregern zu schützen. Doch da sie durchlässig ist, kann sie noch mehr: Wirkstoffe aufnehmen. Die Medizin nutzt das bei der Anwendung von Wirkstoffpflastern, die auch als Transdermale Pflaster bezeichnet werden.

So funktionieren Wirkstoffpflaster

Ähnlich wie bei dem Aufbringen einer Salbe, Creme oder eines Gels, kommt mit dem Pflaster der Wirkstoff mit der Haut in Berührung. Da unser Schutzmantel sowohl gasförmige als auch fettlösliche Stoffe aufnehmen kann, nutzt ihn die Pharmazie, um Arzneistoffe über Pflaster in unseren Blutkreislauf einzuschleusen. Dabei passiert der entsprechende Wirkstoff die oberste Hornschicht der Haut, gelangt dann in die darunterliegenden Hautschichten und dringt weiter vor in die Blutkapillaren. Über das Blut gelangt das Arzneimittel dann dahin, wo es benötigt wird. Pflaster geben aber anders als Cremes den Wirkstoff nicht einmalig, sondern über einen längeren Zeitraum und in gleichmäßigen Mengen ab. Einen Wirkstoff, der über eine Tablette verabreicht wird, muss man in der Regel mindestens einmal täglich einnehmen. Anders beim Pflaster. Es bleibt für ein paar Tage dort, wo man es hin klebt und wird erst nach mehreren Tagen gewechselt.

Vorteile bei manchen Erkrankungen

Das nutzt man zum Beispiel in der Krebstherapie, bei der Behandlung von Demenz, bei Herzproblemen, beispielweise zur Vorbeugung von Angina-Pectoris-Anfällen, am häufigsten aber zum Zweck der Raucherentwöhnung oder der Opioid-Schmerztherapie, sagt Prof. Martin Schulz. Er lehrt als Pharmakologe an der Goethe-Universität in Frankfurt und ist Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK). Das, was so einfach klingt, ist jedoch meist nur so etwas wie ein Notnagel, denn "Pflaster sind keine regelhafte Therapie", betont der Pharmakologe. "Sie kommen meist zum Einsatz, wenn der Magen-Darm-Trakt umgangen werden soll oder muss, zum Beispiel bei Schluckstörungen, oder wenn die Therapietreue anderweitig nicht sichergestellt werden kann. Das kann bei dementen Patienten der Fall sein, die andernfalls die Einnahme ihrer Tablette schlicht und ergreifend vergessen würden."

Ein weiterer Vorteil, den die Pflaster mit sich bringen ist, dass über sie der unerwünschte Abbau des Wirkstoffs in der Leber umgehen lässt. Werden Kontrazeptiva, umgangssprachlich auch als Pille bezeichnet, über die Haut verabreicht, benötigt man eine geringere Wirkstoffmenge als bei der Einnahme der Pille. Denn auf dem üblicheren Weg durch den Magen, werden die Wirkstoffe entweder dort oder in der Leber abgebaut. Sie brauchen — um richtig wirken zu können — einen Überschuss des entsprechenden Wirkstoffs, informiert die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

Die Grenzen der Pflaster

Doch Wirkstoffpflaster haben auch ihre Grenzen. Sie sind nicht anwendbar von Menschen, die Pflaster grundsätzlich nicht vertragen, stark behaart sind oder deren Haut zum Beispiel durch Bestrahlung geschädigt ist. "Auch bei schweren oder schwersten Schmerzzuständen sind Pflaster nicht geeignet", erläutert Prof Schulz. Schwierig gestalte sich über Pflaster auch die Einstellung, Auf- oder Runterdosierung eines Medikaments.

Auch bei der Auswahl der Medikamente, die man per Pflaster verabreichen kann, stößt man schnell an Grenzen. Es eignen sich nämlich lediglich Wirkstoffe, deren Moleküle relativ klein sind und die schon bei geringer Konzentration im Blut ihre Wirkung entfalten. Ein Nachteil, den Arzneipflaster generell mit sich bringen: Oftmals werden sie an der falschen Stelle aufgeklebt oder nicht häufig genug gewechselt. Manche Patienten zerschneiden die Pflaster auch: "Das zerstört die Matrix, auf der der Wirkstoff aufgebracht ist", erläutert der Pharmakologe aus Frankfurt. Gelangt der Inhalt eines zerschnittenen Pflasters auf die Haut, kann dies laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände zu lebensbedrohlichen Überdosierungen führen.

Was viele nicht wissen: "Besonders Pflaster mit hochwirksamen Arzneistoffen wie die Opioiden Fentanyl oder Buprenorphin müssen nach der Anwendung fachgerecht entsorgt werden. Vorsichtiges Duschen ist möglich. Vor intensivem Duschen, Baden, Tauchen oder einem Saunabesuch sollte das Pflaster entfernt und anschließend wieder aufgeklebt werden", erläutert Prof. Schulz. Es gibt also relativ viele Fehlermöglichkeiten, sodass sich immer das genaue Lesen des Beipackzettels und die Beratung zur Anwendung in der Apotheke empfiehlt.

(wat)
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