Martin Pistorius war zwölf Jahre lang gefangen im eigenen Körper

Autor von "Ghost Boy": Zwölf Jahre Wachkoma - Gefangen im eigenen Körper

Martin Pistorius hat einen Albtraum gelebt. Zwölf Jahre lang lag der heute 39-Jährige im Wachkoma. Etwa zehn Jahre davon verstand er jedes Wort, das um ihn herum gesprochen wurde. Dann kämpfte er sich zurück ins Leben.

Seine außergewöhnliche Geschichte begann in den späten 80er Jahren. Martin Pistorius war gerade einmal zwölf Jahre alt, als er plötzlich krank wurde. Nach langem hin und her stellten die Ärzte schließlich eine Kryptokokken-Meningitis bei dem Jungen fest - eine Form der Hirnhautentzündung.

Erst habe er nicht mehr laufen können, dann keinen Augenkontakt mehr herstellen, heißt es auf der Website des US-Radiosenders "National Public Radio", dem Pistorius seine Geschichte erzählte. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich so, dass er zuerst seine Stimme verlor und dann aufhörte zu essen. Innerhalb von 18 Monaten war er stumm, schlief die ganze Zeit und verlor seine motorischen Fähigkeiten.

"Martin hat einfach weitergelebt"

Seinen Eltern sagte man, sie sollten ihren Sohn nach Hause holen und ihn dort betreuen. Große Hoffnungen machte man ihnen nicht. Die Mediziner rechneten damit, dass Martin bald sterben werde. Doch er starb nicht. "Martin hat einfach immer weitergelebt", berichtet seine Mutter. Und so machten auch seine Eltern einfach weiter. Sein Vater stand jeden Morgen um fünf Uhr auf, fütterte seinen Sohn und brachte ihn zu einer Betreuungsstelle. Am Abend holte er ihn wieder ab und brachte ihn ins Bett. Das war der Alltag der Familie, zwölf Jahre lang.

In all der Zeit ahnte niemand, dass Martin sehr wohl mitbekam, was um ihn herum passierte. Er erzählt, dass er etwa zwei Jahre, nachdem er krank geworden war, wieder zu Bewusstsein kam. "Ich habe alles mitbekommen, wie ein ganz normaler Mensch", erinnert sich Martin Pistorius heute. Doch obwohl er jedes Wort verstand, konnte er seinem Körper nicht befehlen zu reagieren.

"Alle Leute waren so daran gewöhnt, dass ich nicht da war, dass es niemand bemerkte, als ich begann, die Umwelt wieder wahrzunehmen", sagt er. "Damals glaubte ich den Rest meines Lebens so verbringen zu müssen - absolut allein."

Er war gefangen. Gefangen in seinem eigenen Körper und in seiner eigenen Welt. "Niemand wird jemals zärtlich zu dir sein", habe er damals gedacht. "Niemand wird dich jemals lieben." Seine erste Strategie sei gewesen zu verdrängen. Er habe versucht nicht mehr zu denken, um nicht mit solch dunklen Gedanken leben zu müssen.

"Du denkst wirklich an nichts", so Pistorius. "Du existierst einfach. Es ist ein sehr dunkler Ort, an dem du dich befindest, weil du deinem Ich auf eine gewisse Art und Weise gestattest sich aufzulösen."

Cartoon "Barney" brachte die Wende

Die Wende trat ein, als ein Betreuer ihn mal wieder vor den Fernseher schob. Üblicherweise sah er dort eine Wiederholung des Cartoons "Barney" nach der anderen, weil keiner der Betreuer davon ausging, dass er überhaupt etwas mitbekam. "Ich kann kaum beschreiben, wie sehr ich Barney hasste", sagt Martin heute.

Er entschied an diesem Tag, dass es einfach genug sei. Er kämpfte von diesem Tag an wieder um Kontrolle über seine Gedanken und lernte nach und nach die Uhrzeit am Sonnenstand abzulesen. Das war der Anfang.

Nach und nach begann sein Geist sich zu erholen und mit ihm sein Körper. Er kämpfte so lange, bis er wieder ein normales Leben hatte. Heute lebt Martin Pistorius in Großbritannien, arbeitet und ist verheiratet. Sprechen kann er zwar immer noch nicht, dafür aber sehr gut über einen Computer kommunizieren. Außerdem hat er über seine Erlebnisse ein Buch geschrieben. In "Ghost Boy" berichtet er über seine lange Zeit in Einsamkeit.

Mehr von RP ONLINE