Umstrittene Früherkennungsmaßnahme: PSA-Test — Angstmacher und Lebensretter zugleich

Umstrittene Früherkennungsmaßnahme : PSA-Test — Angstmacher und Lebensretter zugleich

Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Rund 67.700 Männer erhalten jedes Jahr diese Diagnose. Vermeintlichen Schutz vor der gefürchteten Krankheit bietet der so genannte PSA-Test. Doch der ist umstritten.

Das Robert-Koch-Institut nennt die Zahlen zu der von Männern gefürchteten Krankheit: 67.700 Männer erkranken jedes Jahr neu an Prostatakrebs. Jeder Sechste von ihnen wird statistisch gesehen daran sterben. Das Risiko, Prostatakrebs zu bekommen steigt mit zunehmendem Alter an. Durchschnittlich sind Männer 69 Jahre alt, wenn in ihrer Vorsteherdrüse ein Tumor entdeckt wird. Das sind die nackten Zahlen.

Früherkennung soll das Risiko verringern, an Prostatakrebs zu sterben. Wann aber ist welche Untersuchung sinnvoll? Wie können sich Männer vor dieser geschlechtsspezifischen Gefahr schützen? Die Antwort fällt auch Experten nicht leicht, denn den absoluten Schutz kann man nicht bekommen. Um der Wahrheit ein Stückchen näher zu kommen und möglichst frühzeitig gefährliche Tumore zu entdecken, bieten die Krankenkassen für Männer ab 45 einmal jährlich die Möglichkeit zu einer Untersuchung auf Prostatakrebs.

So läuft die Früherkennungsuntersuchung ab

Dabei tastet der Urologe, Hausarzt oder Internist die Vorsteherdrüse vom Enddarm aus ab, ebenso die Genitalien und die Lymphknoten in der Leiste. "Der Nutzen der Tastuntersuchung ist eingeschränkt, da sie erst größere Veränderungen erkennen lässt", sagt das Deutsche Krebsforschungszentrum. Das sind in der Regel oberflächliche Tumore, die bereits größer sind.

Der Krebs wäre also bei einem Befund durch eine Tastuntersuchung nicht mehr im Frühstadium. Tasten lassen sich zudem solche Tumore nicht, die seitlich an der Prostata liegen oder an der dem Darm zugewandten Seite. Manche Ärzte bieten aus diesem Grund ergänzend eine Untersuchung auf das prostataspezifische Antigen (PSA) im Blut an. Diese Leistung aber wird nicht von den Krankenkassen übernommen, muss also selbst bezahlt werden und ist überdies wiederum umstritten.

Nun lohnt sich erneut ein Blick auf die Zahlen: Die Anzahl der Männer, bei denen Prostatakrebs entdeckt wird, hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr als verdoppelt. "Hauptursache dafür ist die Früherkennung durch den sogenannten PSA-Test", ist sich Dr. Klaus Koch sicher. Er ist Leiter des Ressorts Gesundheitsinformation beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Die Schwachpunkte des PSA-Tests

Mit seinen Zweifeln steht er nicht alleine da. Denn der einfache Test hat ein schwerwiegendes Problem: Wenn bei vier Männern ein erhöhter PSA-Wert gefunden wird, so ist statistisch gesehen einer unter ihnen, der gar keinen Krebs hat. Ein erhöhter PSA-Wert kann auf die bedrohliche Krankheit hindeuten, aber auch andere Ursachen haben. So steht es in der Patientenleitlinie, die die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, der Deutschen Krebshilfe und der Deutschen Krebsgesellschaft erarbeitet haben. Eine Entzündung zum Beispiel oder auch ein gutartiges Prostataadenom lässt ebenfalls die PSA-Werte im Blut ansteigen. Bei einem Viertel der Männer, bei denen der PSA-Wert bestimmt wird, beginnt aus solchen Gründen ein Horrortrip, der sich kurz darauf als falsche Annahme herausstellt.

Ein weiterer Nachteil des Tests ist, dass er auch Krebsgewebe entdeckt, das nie zu Beschwerden geführt hätte. "Wird etwas gefunden, macht das nicht nur Angst, sondern zieht oft auch belastende Behandlungen nach sich", sagt Koch. "Diese sogenannten Überdiagnosen werden so oft gestellt, dass Prostatakrebs heute die häufigste Krebsart bei Männern ist."

Was aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar ist, entpuppt sich in der täglichen Praxis als sher komplex. "Nachher weiß man immer mehr", heißt ein Sprichwort, das trefflich zum Ausdruck bringt, in welchem Dilemma sich die Mediziner befinden. Es gibt aggressiv und schnell wachsende Krebsformen, die das Leben verkürzen können. Viele alte Männer aber haben langsam wachsende, kleine Tumore in der Prostata. In manchen Fällen wachsen die Tumore nicht einmal. Sie verursachen diesen Männern auch keine Beschwerden. Doch nicht immer ist vorhersehbar, ob ein Mann damit alt wird, oder ob der Krebs tödlich sein wird.

Folgen bei einem Befund

Ist der PSA-Test auffällig, werden bei einer Biopsie Gewebeproben entnommen. Durch diese Früherkennungsuntersuchung erhalten heute jedes Jahr mehrere 10.000 Männer die Diagnose "Prostatakrebs", ohne zunächst zu wissen, was das für sie bedeutet. "Im günstigsten Fall wird ein Tumor entdeckt, der sich durch die frühe Entdeckung besser behandeln lässt oder sogar geheilt werden kann", erklärt Koch. Männer, bei denen Prostatakrebs hingegen gar nicht oder nur langsam wächst, hätten sich ohne Früherkennung zeitlebens nicht mit dem Thema Prostatakrebs beschäftigen müssen.

"Wie viele Männer einen Nutzen und wie viele einen Schaden haben, lässt sich heute abschätzen: Studienergebnisse zeigen, dass der PSA-Test innerhalb von elf Jahren 1 von 1000 älteren Männern davor bewahren kann, an Prostatakrebs zu sterben. Dem steht als wichtigster Schaden gegenüber, dass 36 von 1000 Männern eine Krebsdiagnose erhalten, ohne von der frühen Entdeckung zu profitieren", so das IQWiG.

Den eigenen Weg finden

Die Diagnose "Krebs" und mögliche Behandlungen sind belastend Ärztinnen und Ärzte versuchen den Schaden in Grenzen zu halten, indem sie bei der Diagnose die Aggressivität eines Prostatakrebs abschätzen. Männern mit einem wahrscheinlich nicht aggressiven Tumor bieten sie dann an, zunächst einmal abzuwarten und den Tumor nicht direkt zu behandeln. "Dass man bei der Früherkennung Krebsgewebe erst findet und dann abwarten soll, wie es sich entwickelt, erscheint vielen Männern widersinnig", sagt Koch.

Wer sich bei einem langsam wachsenden Krebs für eine Operation oder Bestrahlung entscheidet, für den kann es zu Nebenwirkungen wie Impotenz und ungewolltem Harnverlust kommen. Sinnvoll ist es bei der derzeitigen Datenlage allemal, in Ruhe abzuwägen, welches für einen selbst der richtige Weg ist. Hilfe geben dabei verschiedene Informationsangebote (siehe Infokasten).

Hier geht es zur Infostrecke: Zehn Fakten zu Prostata-Krebs

(wat)
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