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So belastend ist häusliche Pflege: Pflege Kranker produziert oft neue Patienten

So belastend ist häusliche Pflege : Pflege Kranker produziert oft neue Patienten

Wie stark ist die Belastung, die von der Pflege eines Angehörigen ausgeht, der krebskrank ist? Das scheint schwer zu beantworten, denn wie soll man diese körperliche und seelische Belastung messen? Forschern aus New York und Oxford ist es gelungen.

Wer einen Krebspatienten in den eigenen vier Wänden pflegen möchte, der nimmt eine Rundum-Versorgung auf sich, deren Belastung für den Pflegenden aus der Notsituation heraus oft nicht abgewogen werden. Zwischen oder nach Behandlungsphasen können sich krebskranke Menschen nicht immer selbst versorgen. Auch Menschen, bei denen die Krankheit so stark ausgeprägt ist, dass sie nicht mehr therapiert werden können, sind auf tägliche Rundumpflege angewiesen: Waschen, rasieren, Toilettengänge, die mundgerechte Zubereitung von Nahrung oder die künstliche Ernährung der Schwerstkranken und alle Aufgaben, die mit Mobilität und der Versorgung dieser Menschen zu tun haben, fallen auf die Pflegenden zurück, so zählt das Informationsnetz für Krebspatienten und Angehörige die anfallenden Arbeiten auf.

Pflege eines Krebskranken so belastend wie Arthrose

Einen Krebspatienten auf diese Wiese selber zu versorgen und zu pflegen ist beinahe so belastend, wie selbst an einer Krankheit wie Hepatitis C oder der degenerativen Gelenkserkrankung Arthrose erkrankt zu sein, zeigt eine Studie des Unternehmens Bristol Myers Squibb. Befragt hatte das Forscherteam um Dr. Isabelle Gilloteau fast 58.000 Europäer, die selbst Krebspatienten pflegen. Das Ergebnis macht nachdenklich, denn es zeigt, dass Pflegende oft selbst zu Patienten werden. Denn die Belastung zehrt. Sie haben einen schlechteren körperlichen und auch psychischen Gesundheitszustand als Nicht-Pflegende.

Pflegende tragen ein doppelt so hohes Risiko an einer Depression zu erkranken. Auch die Wahrscheinlichkeit für Schlaflosigkeit, Angstzustände, Migräne, Probleme im Magen-Darm.-Trakt oder Kopfschmerzen ist um 50 Prozent höher. Das Risiko, selbst ins Krankenhaus eingewiesen zu werden, ist ebenfalls doppelt so hoch. Das Belastungsniveau ist vergleichbar mit der Beeinträchtigung der mentalen Lebensqualität von Erwachsenen mit Rheumatoider Arthritis in der EU", erklärt Gilloteau bei einem Europäischen Krebskongress in Wien.

"Unsere Studie unterstreicht die Notwendigkeit, die Belastung von Pflegepersonen ernst zu nehmen. Nicht nur wegen der direkten Auswirkungen auf deren Wohlbefinden und die Qualität der Betreuung von Krebspatienten, sondern auch wegen der zusätzlichen Belastung, die das für die Gesellschaft insgesamt bedeutet", betont die Forscherin.

Diese Pflegeleistungen müssen koordiniert werden

Das macht deutlich, wie dringend es notwendig ist, das Netzwerk von Unterstützungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige weiter auszubauen. Hausärzte, onkologische Fachärzte, Pflegedienste, Apotheken und Sanitätshäuser — sie alle bilden ein Versorgungsnetz um den Patienten, das koordiniert werden muss. Seit Januar 2009 gibt es den gesetzlichen Anspruch auf Pflegeberatung. Über die jeweilige Pflegekasse erfährt man, an wen man sich in der Sache wenden kann

Unterschätzt wird bei der unbezahlten Pflege nicht nur die körperliche und seelische Belastung, sondern auch die Kosten: Insgesamt 124 Milliarden Euro kostet die Europäische Gemeinschaft jedes Jahr die Versorgung der Schwerstkranken. Am höchsten ist es in Deutschland, am niedrigsten in Litauen. Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Ramon Luengo-Fernandez von der Universität Oxford. Berücksichtigt wurden dabei Kosten durch Krankenhausversorgung, Medikation sowie der Verlust der Produktivität, der durch die Krankheit entsteht.

Hier geht es zur Infostrecke: So belastend ist die Pflege Angehöriger

(wat)