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Jod — Weshalb wir es brauchen: Ist Deutschland wirklich ein Jodmangelland?

Jod — Weshalb wir es brauchen : Ist Deutschland wirklich ein Jodmangelland?

Jod ist ein lebenswichtiges Spurenelement, das wir in unserer Ernährung vor allem über Seefisch zu uns nehmen. Ernährungsexperten raten zu einer höheren Jodaufnahme, denn vor allem die Kinder bekämen zu wenig davon. Wie lässt sich dieser Mangel ausgleichen?

Deutschland ist Jodmangelland. Hierzulande sind die Menschen nach Auffassung vieler Ernährungswissenschaftler, der Weltgesundheitsorganisation WHO, des Arbeitskreises Jodmangel und auch der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zu wenig mit diesem Spurenelement versorgt. "Die Kosten, die der Jodmangel in Deutschland verursacht liegt bei jährlich einer Milliarde Euro. 40 Prozent der Deutschen haben eine vergrößerte Schilddrüse, hauptsächlich ab einem Alter von 30 Jahren. 90.000 Bundesbürger müssen pro Jahr an der Schilddrüse operiert werden", erklärt die Hamburger Diplom-Oecotrophologin, Sonja Kempf.

Besonders bei der Kindesentwicklung spielt das Jod eine große Rolle. Bekommt ein Fötus im Mutterleib schon zu wenig Jod, kann er sich sowohl mental als auch motorisch nicht richtig entwickeln, sagt Prof. Dr. Roland Gärtner. Er ist Endokrinologe an der Universität München und Sprecher des Arbeitskreises Jodmangel. Leidet eine Schwangere unter starkem Jodmangel, kann es zu Missbildungen des Kindes oder einer Tot- oder Fehlgeburt kommen. Bei Kleinkindern führt ein Mangel an Jod zu Wachstumsstörungen und unumkehrbaren Entwicklungsstörungen des Gehirns, des Skeletts und der Organe. "Bei Schulkindern äußert sich ein Mangel durch Störungen der neuropsychischen Entwicklung und durch Lernschwierigkeiten", sagt Ernährungsexpertin Sonja Kempf. Auch bei Erwachsenen kann ein Jodmangel die geistige Leistungsfähigkeit einschränken.

Weshalb wir Jod brauchen

Bei einer ausgewogenen Ernährung nehmen wir Jod über unserer Nahrung auf. Es wird dann in die Schilddrüse transportiert und als elementarer Teil in Schilddrüsenhormone eingebaut. Diese Hormone wirken sich aus auf das zentrale Nervensystem, Herzfrequenz und Blutdruck, den Knochenstoffwechsel, den Fett- und Proteinstoffwechsel, die Bildung von Proteinen und Gewebewachstum und Zellteilung. Fehlt es uns an Jod, laufen diese Vorgänge nicht optimal ab. Fehlt viel Jod, werden wir krank. Denn um das Defizit an Schilddrüsenhormonen auszugleichen, wird die Schilddrüse größer, um vermeintlich mehr Hormone produzieren zu können. Diese mündet in einer Kropfbildung.

Auch, wenn aber die Experten Deutschland zum Jodmangelland erklärt haben, ist die Zeit eines ernsten Jodmangels hierzulande längst überwunden. Seit 1959 steht jodiertes Speisesalz zur Verfügung und darf seit 1989 in der Großküchenverpflegung und in der Lebensmittelherstellung eingesetzt werden. "In den 1990er Jahren hatte sich die Jodversorgung in Deutschland verbessert", stellt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) fest. Doch die Studienlage beschert der Jodlage des Landes eine Delle. Dem Ende letzten Jahres erschienenen Ernährungsbericht der DGE kann man ebenso entnehmen wie der Langzeit-Kohorten-Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung. Mehr als die Hälfte der Sechs- bis Zwöfjährigen nehmen weniger Jod zu sich, als WHO und DGE empfehlen würden.

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Experten sehen einen Rückgang bei Jodaufnahme

"Der Mangel bei Kindern liegt mitunter daran, dass Seefisch, Garneele und Co. zu wenig in ihrer Ernährung vorkommen", sagt Dr. Brigitte Bäuerlein, Diplom-Oecotrophologin aus Gevelsberg. Die DGE vermutet, dass immer weniger Lebensmittelhersteller Jodsalz verwenden: "Im Jahr 2004 setzten noch gut ein Drittel der Lebensmittelunternehmen Jodsalz ein. Inzwischen liegt der Anteil geschätzt deutlich unter 30 Prozent." Es seien Handelshemmnisse auf EU-Ebene, die genannt würden und Billigimporte von nicht jodiertem Speisesalz und Fertigprodukten sowie Preisunterschiede zwischen herkömmlichen und jodiertem Speisesalz.

Wer aber seine Jodversorgung im Blick hat, der kann mit wenig Aufwand dafür sorgen, dass er genug von diesem Spurenelement bekommt. Selbst dann, wenn er kein großer Fan von Seefisch ist. Denn Jod steckt nicht nur in jodierten Lebensmitteln, sondern kommt — wenn auch in geringerer Menge — in natürlichen Lebensmitteln vor. "In Algen und Seetang sind hohe Mengen vorhanden", erklärt Dr. Brigitte Bäuerlein. 120 Mikrogramm stecken in 100 Gramm Algen. Nach Empfehlung der WHO sollte ein Erwachsener täglich eine Menge von 100 bis 150 Mikrogramm Jod zu sich nehmen. Garnelen liefern pro 100 Gramm rund 130 Mikrogramm Jod. In Einem Ei stecken immerhin 64 Mikrogramm, aber auch Erbsen, Apfelsinen, Erdnüsse und Champignons enthalten das Spurenelement. Darum hält Bäuerlein eine ausgewogene Mischkost für die beste Art, sich vor diversen Mangelerscheinungen zu schützen.

Industrie schleust in Lebensmittel Jod ein

Der eingeschleusten Jodzufuhr kann man sich zudem kaum entziehen, wenn man Milchprodukte zu sich nimmt. "Milch ist einer der Hauptjodlieferanten", erklärt die Berliner Oecotrophologin Manuela Marin. Schon von Natur aus ist sie jodhaltig, wird aber über die Futtermittel der Tiere zusätzlich mit dem Spurenelement versehen. Ähnlich ist es mit Hühnereiern. In vielen Fertigprodukten steckt es. Von Pizza über gekörnte Brühe, Brot, Wurstwaren und Käse — alle sind sie mit Jod versetzt. Für Menschen, die umgekehrt Jod nicht zu sich nehmen sollen, wie es bei manchen Schilddrüsenerkrankungen der Fall ist, ist es somit nicht einfach, dem Spurenelement aus dem Weg zu gehen. Betroffene müssen sehr genau wissen, wo es sich überall versteckt. In Meersalz, in dem mancher vielleicht einen hohen Anteil vermutet, ist es jedoch kaum enthalten.

Hier geht es zur Infostrecke: So viel Jod brauchen wir

(wat)