Impfen ohne Angst und Schmerzen - so funktioniert es

Impfungen : So werden Groß und Klein die Angst vor der Spritze los

Ob Auffrischungsimpfung oder ein Piks zum Schutz vor Krebs oder Masern - für viele Kinder und Erwachsene ist jede Impfung mit Angst und Stress verbunden. Doch es gibt Wege, die Panik zu überwinden.

Impfen – das ist selbst für viele Eltern mit Schmerz und einem unguten Gefühl verbunden. Für Kinder erst recht. Nur wenige Wochen sind die meisten Babys alt, wenn sie ihre ersten Impfungen erhalten. Und auch wenn gegen viele Krankheiten durch Mehrfachimpfstoffe nur ein einziger Einstich erforderlich ist, sind vor allem in den ersten Lebensjahren viele Termine für die Grund- und Auffrischungsimpfungen erforderlich. Gegen 15 oft kritisch verlaufende Erkrankungen kann man sein Kind so schützen.

Kinderärzte erleben jedoch immer wieder, dass Eltern kurz vor der Impfung hektisch auf ihre Kleinkinder einreden und diese schon bei der Desinfektion der Haut wie am Spieß schreien. Nicht nur für die Patienten, auch für Arzt und Arzthelferinnen bedeutet das Stress.

Doch noch wichtiger: Solche Erfahrungen sind prägend. „Rund die Hälfte der Bevölkerung leidet selbst im Erwachsenenalter noch an Spritzenangst“, sagt Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt und Mitglied der Ständigen Impfkommission. Allein die Vorstellung, wie sich die Nadel durch die Haut in den Muskel schiebt, kann für eine gehörige Gänsehaut oder ein abwehrendes Schütteln sorgen. Diese Furcht vor dem Piks führt oft dazu, dass Impfungen, aber auch Blutabnahmen immer wieder hinausgezögert werden. Doch woher kommt diese Angst vor der Spritze? Terhardts nennt drei Gründe:

  1. Schon kleine Kinder machen schlechte Erfahrungen und speichern diese bis ins Erwachsenenalter ab.
  2. Eltern übertragen unbewusst ihre eigenen negativen Erfahrungen auf den Nachwuchs. Laut Terhardt sei es gar nicht selten, dass Eltern während der Impfung ihres Kindes den Behandlungsraum verlassen, weil sie es selbst nicht mit ansehen möchten. Sie sollten jedoch laut Expertenempfehlung bis mindestens zum 10. Lebensjahr des Kindes unbedingt anwesend sein, um ihr Kind zu unterstützen.
  3. Kinder und Jugendliche schaukeln sich gegenseitig in ihren Befürchtungen und Ängsten durch Gespräche über schmerzhafte Erlebnisse hoch. „Vor allem nach den ersten HPV-Impfungen haben sich ganze Schulklassen verrückt gemacht“, sagt der Jugendmediziner.

„Aus kanadischen Studien wissen wir, dass bei einer anderen Vorgehensweise der Stress beim Impfen reduziert werden kann“, sagt Terhardt. Im Jahr 2015 hat die Weltgesundheitsorganisation darum Leitlinien veröffentlicht, die helfen sollen das Spritzen von den traumatischen Erfahrungen zu lösen. Seit 2016 hat das Robert-Koch-Institut (RKI) diese Empfehlungen aufgenommen.

Eine der Kernbotschaften: Ärzte sollten vor der Impfung sachlich und realistisch informieren. Dazu gehört es nach Empfehlung des RKI, dass den Eltern und den älteren Kindern bereits vor dem Impftermin gesagt wird, dass mit der Impfung eventuell Schmerzen verbunden sind. Keinesfalls sollten Phrasen wie „Das tut überhaupt nicht weh“ verwendet werden. Stattdessen sollten die Betroffenen über die Möglichkeiten der Schmerzvermeidung informiert werden. Denn schon die richtige Körperhaltung kann die Schmerzen mindern, die durch die Abwehrreaktion des Muskels beim Impfen entstehen. Zudem helfen Lidocain-haltige Schmerzpflaster oder Cremes – sie müssen 30 bis 60 Minuten vor der Impfung auf der Impfstelle aufgebracht werden. Die Stelle kurz vor dem Einstich mit Eisspray einzusprühen, lindert ebenfalls die Empfindsamkeit.

Die Tipps für Säuglinge und Kleinkinder:

  • Säuglinge können während des Impfens gestillt werden. Das beruhigt sie häufig – selbst dann, wenn sie nach dem Einstich kurz aufweinen.
  • Das Nuckeln am Schnuller oder an einer Zuckerlösung reduziert Schmerzen
  • Steht neben anderen Impfungen auch die gegen Rotaviren an, sollte der Rotaviren-Impfstoff als erster gegeben werden - er enthält Saccharose (eine Art Zucker).
  • Ablenkung hilft: Sei es durch Vorlesen, Windrädchen oder Seifenblasen, Videos oder Musik. Aus Studien weiß man, dass Kinder den Moment des Einstichs oft gar nicht bemerken, wenn sie geschickt abgelenkt werden und der Arzt die Impfung schnell vornimmt.
  • Säuglinge sollten im Arm der Eltern geimpft werden. Ab dem Kleinkindalter sollte auf dem Schoß der Eltern sitzend geimpft werden. Das vermittelt Geborgenheit und beruhigt.


Tipps für ältere Kinder und Erwachsene:

  • Manchen hilft es, die Hand einer anderen Person zu drücken und so neben körperlicher Nähe gleichzeitig die eigene Anspannung ableiten zu können.
  • Jugendliche und Erwachsene können leichte Hustenstößen oder Luftanhalten zur Ablenkung helfen. Durch diese einfachen Maßnahmen konzentriert sich der Betroffene kurz auf etwas anderes und nimmt dadurch den Einstich nicht so wahr.
  • Kinder und Erwachsene sollten sitzend geimpft werden. Wer sitzt, fühlt sich nicht so ausgeliefert wie eine liegende Person. Lediglich Personen, die schnell ohnmächtig werden, sollten liegend geimpft werden.

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