IGeL-Leistungen: Jeder dritte Kassenpatient zahlt aus eigener Tasche

IGeL-Leistungen : Jeder dritte Patient zahlt Zusatzbehandlung aus eigener Tasche

Immer mehr Ärzte bitten gesetzlich Versicherte bei sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) wie etwa der professionellen Zahnreinigung zur Kasse. Das erschreckende: Oftmals wird der Patient dabei nicht nach seinem Einverständnis befragt.

Niedergelassene Ärzte bieten Patienten immer häufiger sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen (Igel) gegen Bezahlung an. Im vergangenen Jahr erhielten 20 Millionen gesetzlich Versicherte - das war jeder dritte Kassenpatient - Angebote für solche kostenpflichtigen privaten Zusatzleistungen, wie Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) zeigt. Der Anteil stieg damit seit 2012 von 29,9 Prozent auf 33,3 Prozent. Zum Vergleich: 2001 erhielten erst knapp neun Prozent Igel-Angebote.

In drei von vier Fällen wurden die Igel-Leistungen demnach auch erbracht. Vor allem Gynäkologen, Augenärzte, Orthopäden, Urologen und Hautärzte erzielen laut Wido mit diesen Leistungen zusätzliche Einnahmen - hochgerechnet waren dies im vergangenen Jahr rund eine Milliarde Euro. Augenärzte beispielsweise bieten demnach pro Jahr im Durchschnitt mehr als siebenmal so häufig Igel-Leistungen an wie Allgemeinmediziner, Frauenärzte immerhin fünfmal soviel.

Mit Abstand am häufigsten werden der Studie zufolge Ultraschalluntersuchungen (24,8 Prozent) vor allem zur Krebsfrüherkennung bei Frauen sowie Untersuchungen zur Glaukom-Früherkennung (17,6 Prozent) angeboten. Rund elf Prozent der Angebote entfallen auf Medikamente sowie Heil- und Hilfsmittel, elf weitere Prozent auf Blutuntersuchungen und Laborleistungen.

Laut dem Report zeigt sich bei den Zusatzleistungen eine deutliche soziale Differenzierung: Ob eine privat zu zahlende Leistung angeboten wird, hängt stark mit dem Einkommen und der Schulbildung des Patienten zusammen und weniger mit seinem Alter und seinem Gesundheitszustand.

Igel-Angebote müssen von den Kassenpatienten aus eigener Tasche bezahlt werden. Das Spektrum reicht von der professionellen Zahnreinigung über die Laserbehandlung von Krampfadern und Reiseimpfungen bis zur Augeninnendruck-Messung zur Früherkennung des grünen Stars.

Den gesetzlichen Kassen ist die Ausweitung der Igel-Angebote seit langer Zeit ein Dorn im Auge. Aus Sicht der Krankenkassen sind viele Selbstzahler-Angebote fragwürdig und haben keinen nachweisbaren Nutzen. Laut Wido entfallen zum Beispiel knapp 15 Prozent der angebotenen Igel-Leistungen auf Ultraschalluntersuchungen der Eierstücke zur Krebsfrüherkennung, obwohl es dafür laut Studien keine Hinweise auf einen Nutzen gebe. In der Vergangenheit verwiesen die Kassen immer wieder darauf, dass Frauen stattdessen durch falschen Alarm häufig unnötig beunruhigt und in einigen Fällen sogar eigentlich gesunde Eierstöcke entfernt würden.

"Ganz abgesehen von seinem medizinischen Nutzen ist der Igel-Selbstzahlermarkt kaum dazu geeignet, die Gesundheitsversorgung stärker am tatsächlichen Versorgungsbedarf der Patienten auszurichten", erklärte Wido-Geschäftsführer Jürgen Klaubert. Zudem würden nicht immer die rechtlichen Vorgaben eingehalten. Lediglich 44,5 Prozent der befragten Patienten gaben demnach an, dass sie vor der Igel-Leistung eine schriftliche Vereinbarung mit dem Arzt geschlossen haben, wie dies vorgeschrieben ist. Das Institut befragte zwischen dem 9. Januar und 18. Februar rund 1700 Versicherte.

Hier geht es zur Infostrecke: Sinnvoll oder nicht? - Was die gängigsten IGel-Angebote bringen

(AFP)
Mehr von RP ONLINE