HPV-Impfung für Jungen - das sind die Gründe für die Empfehlung

Neue Impfempfehlung : Warum auch Jungen eine HPV-Impfung brauchen

Seit Jahren wird für Mädchen die Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV) empfohlen. Sie kann Gebärmutterhalskrebs verhindern. Jetzt sollen auch Jungen immunisiert werden - wir erklären, warum.

Schon lange kennt man den Zusammenhang zwischen einer Infektion mit Humanen Papillomviren (HPV) und dem Risiko für Frauen, an Schamlippen-, Scheiden- oder Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Laut Robert-Koch-Institut sind jedes Jahr rund 6200 Frauen in Deutschland betroffen. 1500 sterben an der Krankheit. Seit 2007 können sich Mädchen zwischen 9 und 17 Jahren auf Kosten der Krankenkasse durch eine Impfung davor schützen.

Doch die HP-Viren können nicht nur bei Frauen Krebs auslösen. „Aus Studien wissen wir sicher, dass auch bei Jungen in Folge einer HPV-Infektion Krebs auftreten kann“, sagt der Berliner Kinderarzt Martin Terhardt, selbst Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko). Daten des Robert-Koch-Instituts belegen, dass im vergangenen Jahr 1600 Männer an bösartigem Krebs erkrankten, der auf eine HPV-Infektion zurückgeht. Aus diesem Grund wird die Fachkommission - voraussichtlich Ende der Woche - auch Jungen zu der Immunisierung raten.

Danach muss noch der Gemeinsame Bundesausschuss darüber entscheiden, ob die Krankenkassen die Impfkosten als gesetzliche Leistung übernehmen. Erfahrungsgemäß dauert dieser Prozess rund drei Monate. Viele Kassen wie die Techniker Krankenkasse, AOK Nordost, DAK und BIG direktgesund haben jedoch bekannt gegeben, die Kosten ab sofort zu tragen.

Nicht ohne Grund: Die meist beim Geschlechtsverkehr – auch beim Oral- und Analsex, aber auch schon beim Petting - übertragenen Viren verursachen Penis-, Analkrebs oder bösartige Tumore im Mund- und Rachenraum. “Homosexuelle Männer haben ein besonders hohes Risiko für ein Analkarzinom“, sagt Terhardt.

Eine HPV-Infektion ist indes kaum zu vermeiden. Beinahe jeder Mensch infiziert sich im Lauf seines Lebens mindestens einmal damit. „Meist in den ersten fünf bis zehn Jahren der sexuellen Aktivität“, sagt Terhardt.

Das Fatale: In der Regel bleibt die Infektion unbemerkt. Doch kann sie wenige Monate später sowohl bei Männern als auch bei Frauen zu Feigwarzen im Genitalbereich führen. Diese sind laut Experten unangenehm und schwer behandelbar. Das Tückische: „Genitalwarzen sind psychisch belastend und kommen gerne immer wieder“, sagt Ralph Köllges, Kinderarzt aus Mönchengladbach und Impfexperte des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendmediziner (BVKJ). Zwischen der Infektion und der möglichen Krebserkrankung liegen meist viele Jahre.

Nach Auffassung der Impfexperten lassen sich hierzulande viel zu wenige gegen HPV impfen. Bei den Mädchen bis 17 Jahren erreicht man derzeit eine Quote von 45 Prozent, sagt Terhardt. Das ist viel zu wenig, um auch nur gegen die wenigen der über einhundert HPV-Typen, die als Hoch-Risiko-Typen gelten, eine flächendeckende Immunität zu erreichen. Aus Ländern, aus denen der Impfstoff schon länger für beide Geschlechter zugelassen ist, hat man eine Vorstellung davon, was ein Gemeinschaftsschutz bewirken könnte: In Australien habe man durch Impfprogramme in den Schulen und solchen bis zum 26. Lebensjahr eine Impfrate von beinahe 80 Prozent erreicht.

"Aus australischen Studien weiß man zudem, dass die HPV-Impfung innerhalb von nur zwei Jahren zu einer Halbierung der Krebsvorstufen geführt hat", sagt Ralph Köllges. Weitere Erfahrungen von dort: Im Zeitraum von 2007 bis 2010 ging die Zahl von Genitalwarzen bei Frauen um 90 Prozent und bei heterosexuellen Jungen um 87 Prozent zurück. Laut Köllges zeigen europäische Studien, dass bis zu 30 Prozent der Mundhöhlen- und Rachenkarzinome HPV-bedingt seien. Verschiedene Hochrechnungen machen Hoffnung dass die Zahl der Krebserkrankungen durch die Entscheidung der Stiko in Zukunft sinken könnten.

Darum sind die Kinder- und Jugendmediziner daran interessiert, die Heranwachsenden und ihre Eltern frühzeitig für eine Impfung zu sensibilisieren und so schon vor dem ersten Sexualkontakt für einen Schutz vor den gefährlichen Viren zu sorgen.

Welche Nebenwirkungen haben Cervarix und Gardasil 9?

Es stehen mit Cervarix und Gardasil 9 zwei Impfstoffe zur Verfügung: Cervarix wirkt laut Informationen des Krebsinformationsdienstes gegen die HPV-Hochrisikotypen 16 und 18, die hauptverantwortlich für die Entstehung von Gebärmutterhalskrebs und seine Vorstufen sind. Gardasil deckt neben diesen beiden HPV-Typen fünf weitere ab sowie auch die Typen 6 und 11, die Genitalwarzen hervorrufen können.

Eine im Mai 2018 erschienene Übersichtsarbeit der Cochrane-Stiftung, für die die Daten von mehr als 73.000 Personen ausgewertet wurden, belegt die hohe Wirksamkeit der Impfung bei geringen Nebenwirkungen. „In erster Linie kennen wir Kreislaufprobleme und Ohnmachtsanfälle, die jedoch für das Impfalter nicht untypisch sind, sowie leichte lokale Reaktionen wie Schwellungen an der Einstichstelle“, sagt Terhardt. Um den nötigen Schutz zu erreichen, empfiehlt die Stiko bei Kindern zwischen neun und 14 Jahren zwei Impfungen. Danach sind drei Impfungen nötig. Auch nach Ablauf des 17. Lebensjahres und dem ersten Sexualkontakt könne eine Impfung sinnvoll sein, sagt Köllges. Jugend- und Hausarzt oder Gynäkologe beraten dazu. Dann allerdings muss man die Impfung aus der eigenen Tasche bezahlen.

Hier geht es zur Infostrecke: Diese Impfungen gibt es und dafür sind sie gut

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