Hörsturz - Symptome, Folgen und Behandlung

Hörsturz : Wenn die Ohren kapitulieren

Wenn man auf einem Ohr plötzlich nichts mehr hört, ist der Schreck groß. Ursache kann ein Hörsturz sein - der wird meistens durch Stress ausgelöst.

Im ersten Moment denkt Rolf Jennes an eine Störung in der Telefonleitung. Denn die Stimme seines Chefs hört sich von einem Moment zum nächsten dumpf an. Doch als er auflegt, bleibt das irritierende Gefühl auf seinem Ohr. Voller Sorge geht Jennes zum Hals-Nasen-Ohrenarzt, der mit Hilfe eines Hörtests einen Hörsturz diagnostiziert. Jennes erwartet nun eine sofortige Behandlung. Stattdessen rät der Arzt zunächst abzuwarten, Stress zu meiden und sich Ruhe zu gönnen - und schreibt ihn krank.

Was vor einigen Jahren noch als Notfall in Kliniken und bei Hals-Nasen-Ohrenärzten behandelt wurde, veranlasst Ärzte heute nur in Einzelfällen unmittelbar zu therapeutischem Handeln. Der Grund: „Wir wissen, dass die Hälfte der Hörstürze auch ohne Behandlung nach wenigen Tagen wieder verschwindet“, sagt Michael Deeg, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde in Freiburg und Sprecher des Deutschen Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohrenärzte. In einigen Studien beobachtete man sogar noch höhere Spontanheilungsraten. Oft seien die in der Regel einseitig auftretende Symptome wie Rauschen, ein Druckgefühl, Schwindel, Doppelhören oder Ohrgeräusche (Tinnitus) bereits am nächsten Tag weg.

Bestehen die Beschwerden jedoch nach zwei bis drei Tagen fort oder ist das Ohr sogar vollkommen taub, rät er dazu, den Hals-Nasen-Ohrenarzt aufzusuchen. Dieser kann durch einen Blick in den äußeren Gehörgang und spezielle Hörtests genau bestimmen, ob ein Hörverlust vorliegt und wie sich dieser auswirkt.

Nicht zwangsläufig nämlich ist ein dumpfes Hörgefühl auf einen Hörsturz zurückzuführen. Manchmal seien banale und leicht zu behebende Ursachen der Grund für die Hörprobleme: „Ein Pfropf aus Ohrenschmalz im Gehörgang kann ebensolche Beschwerden verursachen“, sagt Gerhard Hesse, Chefarzt der Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen. Auch ein Infekt kann auf das Hören auswirken. Ursache dann: Es hat sich Flüssigkeit hinter dem Trommelfell gesammelt. Infolge dessen ist die Schallweiterleitung im Ohr eingeschränkt, das Hören wird ebenfalls als dumpf wahrgenommen.

Das passiert beim Hörsturz

Bei einem Hörsturz, umgangssprachlich auch als Ohrinfarkt bezeichnet, kommt es laut Deeg hingegen zu stoffwechselbedingten Veränderungen im Innenohr. Man nimmt an, dass sich die Durchblutung im Innenohr durch verschiedene gleichzeitig wirkende Faktoren verändert, für eine kurze Zeit verschlechtert und so die feinen Sinneszellen im Innenohr beeinträchtigt, sagt Hesse. Da diese für die Schallwahrnehmung im Ohr zuständig sind, kommt es zu Hörveränderung oder -beeinträchtigung.

Laut Studien erleiden rund 15.000 Menschen jährlich einen Hörsturz. Einige Experten schätzen die tatsächliche Zahl jedoch deutlich höher. Auch wenn man bei der Suche nach Ursachen bislang im Dunkeln tappt, nimmt man an, dass Stress an der Entstehung des Problems beteiligt sein könnte. Klinische Studien haben gezeigt, dass ein Großteil der Betroffenen entweder kurz vor einem Hörsturz oder bereits langanhaltend Stress ausgesetzt waren. Unter dem Stresseinfluss könnte es vorübergehenden zu einer Mangeldurchblutung des Innenohrs kommen.

Während man vor zehn Jahren dieser noch versucht,e dieser mit durchblutungsfördernden Infusionen etwas entgegenzusetzen, wird deren Wirkung heute laut Experten infrage gestellt und darum auch in den Behandlungsleitlinien nicht mehr empfohlen.

Laut Leitlinie wird eine hoch dosierte Kortison-Behandlung mit 200 bis 250 Milligramm Kortison am Tag empfohlen. „Sie wird entweder als Infusion gegeben oder als Tablette und ist lediglich als Stoßtherapie über wenige Tage gedacht“, sagt Chefarzt Hesse. Der IGeL-Monitor, einer Bewertung der Selbstzahlerleistungen der gesetzlichen Krankenkassen, sieht jedoch auch diese Therapie als „tendenziell negativ“ an. Bei zwei Übersichtsarbeiten habe eine solche Gabe „die Hörfähigkeit nicht schneller zurück gebracht als die Gabe eines Scheinmedikaments“, heißt es darin. Allerdings beziehen sich die dort zugrunde gelegten Studien auf sehr niedrig dosiertes Kortison. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde empfiehlt laut Hesse hingegen einen hochdosierten Kortison-Einsatz zur Behandlung des Hörsturzes.

Daneben besteht die Option, das Kortison nach einer örtlichen Betäubung direkt ins Innenohr zu injizieren. Der Vorteil sei, sagt Hesse: Es wirke lediglich lokal. Mögliche Nebenwirkungen wie Erregung und Schlafstörungen würden somit weitestgehend ausgeschlossen. Eine Bewertung dazu gibt es im IGeL-Monitor nicht. Dennoch übernehmen die Krankenkassen in der Regel diese Behandlung, obwohl sie nicht zum festen Leistungsspektrum zählten.

Sollte dieser Therapieversuch zu keiner Verbesserung nach dem Hörsturz führen, bleibt als letzte Option die sogenannte hyperbare Sauerstofftherapie. Dabei atmet der Betroffene unter Überdruck reinen Sauerstoff ein. Diese Sauerstoffanreicherung im Körper soll auch eine bessere Versorgung im Innenohr bewirken. „Diese Behandlung gilt jedoch als umstritten“, sagt Deeg. Im IGeL-Monitor schneidet sie mit „tendenziell negativ“ ebenso ab wie auch die Glukokortikoid-Therapie. Die Krankenkassen übernehmen in Folge dessen die Behandlung nicht in jedem Fall.

Reagiert das Ohr in Folge des Hörsturzes empfindlicher auf laute Geräusche oder kommt es sogar zu einem dauerhaften Hörverlust, kann dies nur durch ein Hörgerät ausgeglichen werden. Neben Systemen, die dafür sorgen, dass die fehlenden Frequenzen ausgeglichen werden, gibt es auch solche, die einen bleibenden Tinnitus abmildern können. Trägt das Gehör solch bleibende Schäden davon, tritt die Krankenkasse mit einer Grundversorgung ein.

Mehr von RP ONLINE