Hitzewelle in NRW: Der Schweiß und seine Bedeutung

Fakten über unseren Schweiß: Wir schwitzen für mehr Mitgefühl

Selten gab es so ausgiebig Gelegenheit, mit dem Schweiß fremder Menschen Bekanntschaft zu machen. Vielen Dank auch, liebe Hitzewelle. Zeit für ein paar Schweiß-Fakten.

In diesen Tagen ist alles trocken: Parks, Äcker, Grünflächen - nur der Mensch ist es nicht. An ihm laufen täglich gleich mehrere Liter Flüssigkeit herab. Selten hatte man eine derart „gute“ Chance, in der Bahn von einem seiner Mitfahrer angeschweißt zu werden. Wann Laken und Bettdecke beim Aufwachen zuletzt trocken waren, weiß wohl auch niemand mehr.

Rinnender Schweiß und klitschnasse Shirts gehören zu den unumstößlichen Fakten. Sie lassen sich nicht vertuschen. Bei knapp 40 Grad nicht mal mehr von einem guten Deo. Was hat sich die Natur dabei gedacht? Die wichtigsten Schweiß-Fakten im Überblick:

  • Darum schwitzen wir

Nichts im Übermaß, befand nicht nur das Orakel von Delphi, sondern damals schon die Evolution und pegelte die Körpertemperatur des Menschen auf rund 37 Grad Celsius ein. 30.000 Wärmefühler auf der Haut stellen sicher, dass diese Temperatur erhalten bleibt. Wird es zu heiß, melden sie das an das Wärmezentrum im Gehirn. Das Gehirn hat dann rund drei Millionen Schweißdrüsen zur Verfügung, um den Körper per Verdunstung abzukühlen. Das hat Vorteile. Ohne diesen körpereigenen Nebelmantel würde unsere Körpertemperatur um ein Grad Celsius pro Stunde steigen. Wird dieser Prozess nicht aufgehalten, endet er tödlich. Schwitzt man zu viel, fühlt man sich wie in einem feuchten Kühlraum, das Immunsystem versagt und Infektionen drohen.

  • So viel schwitzen wir pro Tag aus

Einen Liter Flüssigkeit verdunsten wir täglich einfach so. Wer viel Sport treibt, Sex hat oder in der Sonne arbeitet, verliert noch mal neun Liter obendrauf.

  • Warum man von Angstschweiß spricht

Aber nicht nur sommerliche Hitze bringt uns zum Schwitzen. Vor allem Angst kann die Drüsenfunktion tatsächlich beeinflussen. Das hat gleich mehrere Gründe: Zum einen wird der Körper vorsichtshalber herunter gekühlt, damit er im Fall eines Angriffs (Säbelzahntiger, Vorgesetzter, waghalsiger Fahrradfahrer) möglichst schnell reagieren kann. Zum anderen werden in dem Schweiß Botenstoffe übertragen, die andere Menschen riechen können. Wie Forscher der Universität Düsseldorf herausfanden, löst Angstschweiß andere Reaktionen aus als beispielsweise Sportschweiß. Der Riechende bekommt ebenfalls Angst und wird empathischer. Diese Kommunikation läuft unbewusst ab und kann das Verhalten in Gruppen bestimmen.

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  • Warum Schweiß nicht immer riecht

Frischer Schweiß riecht allerdings nicht. Erst die Zersetzung macht ihn zur olfaktorischen Herausforderung. Und das, obwohl nur ein Prozent aus Salzen, Proteinen, Harnstoff, Zucker und Fett besteht. Die restlichen 99 Prozent sind Wasser. Je nachdem ob es sich um ekkrinen oder apokrinen Schweiß handelt, hat er außerdem eine andere Konsistenz. Der erste ist flüssiger und klarer, der zweite ist zäher und trüber. Apokriner Schweiß bildet sich in Poren, die erst mit der Pubertät entstehen. Man könnte also sagen, Erwachsen werden hat seinen eigenen Mief.

  • Ohne Schweiß kein Preis

Schwitzen kann also jeder. Aber nicht jeder will es auch. Rockmusiker wie Mick Jagger schieben sich seit jeher am liebsten pitschnass über die Bühne. Es signalisiert Leidenschaft und Hingabe an die Musik, wenn die Tropfen über die Stirn rinnen und die nasse Haarsträhne hinter das Ohr geschoben wird. In der Popmusik dagegen hat Schwitzen mit Leistung zu tun. Beyoncé und Madonna schwitzen nicht aus Prinzip, sondern, weil sie sich in einer Choreo abgerackert haben. Konzerte und Parties dagegen gelten dann als gelungen, wenn der sprichwörtliche Schweiß von der Decke tropft und die Besucher nass aus dem Saal taumeln. Schwitzen zeigt Gefühl. Psychologisch und biologisch. Ob Wut, Aufregung, Scham oder Liebe - ab der Pubertät riecht der Schweiß nicht nur anders. Es gehen auch alle Gefühlszustände auf die entsprechenden Drüsen. Das bedeutet, wer schwitzt, regt seine Umwelt geruchlich dazu an, mitzufühlen und sich zu kümmern. Schwitzen verbindet außerdem, weil darin Botenstoffe liegen, die nur der genetisch passende Partner erkennt. Wer gar nicht schwitzt (Anhidrose) muss deshalb genau so zum Arzt, wie jene, die unter Schwitzattacken leiden (Hyperhidrose).

Schweiß ist also das Kondensat unserer Existenz: Junkfood, Gewürze, Alkohol, Hygiene - alles spiegelt sich darin wieder.

  • So verhindert man Schweißgeruch

Schwitzen macht das eigene Leben für andere sichtbar. Schon deshalb ist es eine Sache, die man lieber unterdrücken will. Da werden Deo und Parfüms über die Haut geschüttet, bis hoffentlich alle drei Millionen Schweißdrüsen abgedichtet sind. Dass Schweiß seit dem Ende von Aluminium im Deo (angeblich krebserregend) durch die Sprays und Roller nicht mehr aufgehalten wird, wissen wohl die wenigsten. (Was sonst noch gegen Schwitzen hilft, lesen Sie hier.) Hauptsache der Körper fühlt sich trocken an und ist geruchsneutral. Wenn sich Hitzegeplagte in der vollen Bahn treffen, ist das auch sehr sozial. Ein- bis zweimal am Tag lauwarm Duschen und regelmäßig Kleidung wechseln reichen als Schwitz-Schutz aber völlig aus. Darüber hinaus gilt: „Zulassen können“ bedeutet auch, Dinge laufen lassen zu können. Oder um es mit den Worten der Autorin Tanja Blixen zu halten: „Die Kur für alles ist Salzwasser: Schweiß, Tränen oder Meer.“ Das gilt sogar während einer Hitzewelle.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Tipps, wie man der Hitze entgegenwirkt

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