Krankheitserscheinungen hängen nicht nur von Reizempfängern ab Erkältungsvirus kann Kinderlähmung auslösen

Washington (rpo). Wissenschaftler haben im Labor nachgewiesen, dass ein häufig vorkommendes Erkältungsvirus unter bestimmten Bedingungen Kinderlähmung (Polio) auslösen kann. Polioviren und Coxsackie-Viren haben zwar sehr ähnliches Erbgut, verursachen jedoch völlig unterschiedliche Krankheiten. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass die Viren verschiedene Reizempfänger andocken, wie bisher vermutet.

Werden die mit den Polioviren eng verwandten Coxsackie-Viren Mäusen nicht wie üblich über die Nasenschleimhäute verabreicht, sondern direkt in einen Muskel gespritzt, bekommen die Nager statt einer Erkältung die typischen Lähmungserscheinungen in den Beinen. Über diese bislang unbekannte Wirkung der Erkältungsviren berichten Andrew Dufresne und Matthias Gromeier von der Duke-Universität in Durham in der Fachzeitschrift "PNAS" (Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1073/pnas.0403998101).

Polioviren und Coxsackie-Viren haben zwar sehr ähnliches Erbgut, verursachen jedoch völlig unterschiedliche Krankheiten: Während Polioviren die Muskel steuernden Nervenzellen schädigen und damit Lähmungen auslösen, bewirken Coxsackie-Viren schnupfenähnliche Entzündungen der oberen Atemwege. Bislang nahmen Wissenschaftler an, dieser Unterschied kommt dadurch zustande, dass die beiden Virentypen trotz ihrer Ähnlichkeit an unterschiedliche Rezeptoren andocken und so gänzlich verschiedene Effekte auslösen.

Das kann jedoch nicht der einzige entscheidende Faktor sein, zeigen die Ergebnisse von Dufresne und Gromeier. Die Forscher hatten Mäuse gentechnisch so verändert, dass ihre Zellen ausschließlich den Rezeptor für Coxsackie-Viren und nicht den für Polio-Viren enthielten. Trotzdem lösten in den Wadenmuskel gespritzte Erkältungsviren keinen Schnupfen, sondern Polio aus. Ermöglicht wurde dieses überraschende Phänomen durch den ungewöhnlichen Infektionsweg: Die Viren waren vom Wadenmuskel aus entlang der Nervenzellfortsätze, die die Muskeln steuern, ins zentrale Nervensystem gelangt und hatten dort ihr Zerstörungswerk begonnen.

Diese Entdeckung zeige, wie gefährlich Viren und ihre unglaubliche Anpassungsfähigkeit seien, schreiben die Forscher. Der Poliovirus selbst sei auf dem besten Wege, durch ausgedehnte Impfprogramme ausgerottet zu werden. Wenn dieses Ziel erreicht sei und die Impfrate zurückgehe, hätten nur noch wenige Menschen Antikörper gegen Polio. Damit seien dann Viren wie die Coxsackie-Erreger im Vorteil und könnten sich weiter ausbreiten. Im schlimmsten Fall drohe so eine neue Poliogefahr, diesmal jedoch durch die Coxsackie-Viren.

(afp/chk)
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